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Leitartikel: Wahrheiten des Krieges

Jenseits des Erschreckens vermitteln Kundus und die schleppende Aufklärung etwas Beruhigendes. Sie künden vom Ende der schicken Bilder und smarten Erklärungsversuche.

Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Wir wollen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, aber es geht um Krieg oder zumindest, wie unser Verteidigungsminister sagen würde, etwas "Ähnliches". Und es geht um das von deutschen Soldaten ausgelöste Blutbad am 4. September dieses Jahres.

Da schauen wir dann doch mal genauer hin, wie es Karl-Theodor zu Guttenberg mit der Aufklärung hält. Die Bild am Sonntag zitiert ihn so: "Wer glaubt, den 4. September an mir festmachen zu können, sollte sich daran erinnern, dass ich da noch gar nicht Verteidigungsminister war. Ich habe daher ein umfassendes Interesse an der Aufklärung".

"Daher"? Was, Herr zu Guttenberg, hätten Sie denn, wenn Sie damals schon Verteidigungsminister gewesen wären? Kein Interesse an der Aufklärung? Oder "nur" kein umfassendes? Deutschland fragt sich, ob das (wie Oberst Klein geschrieben haben soll) "Vernichten" vermeintlicher Aufständischer in unsere "kriegsähnliche" Strategie passt oder nicht - und der zuständige Minister outet sich als Aufklärer mit beschränkter Haftung. Läge es allein an ihm und hätten wir nicht das hoffentlich pflichtbewusstere Parlament, dann müsste man sagen: In dieser Sache herrschen nicht einmal aufklärungsähnliche Zustände.

Nun genügt allerdings auch das, was Guttenberg in seiner kurzen Amtszeit als Verteidigungsminister selbst verbockt hat, um den (Medien-)Liebling der deutschen Politik ins Straucheln zu bringen. Man mag ihn fast bedauern, aber der Vorgang hat auch etwas Beruhigendes. Zunächst, in der Zeit als Wirtschaftsminister, lagen die eindrücklichsten Befähigungsnachweise des Barons in seiner begnadeten medialen Selbstvermarktung.

Was Sachfragen betrifft, ging ins allgemeine Gedächtnis am ehesten Opel ein. Hier galt der CSU-Mann auch dann noch als tapferer Warner vor dem Verkauf an Magna, als er längst eingeknickt war. Und da er erst die eine und dann die andere Position vertreten hatte, gab ihm das Ergebnis auf jeden Fall recht. Immerhin: Er hatte mal eine abweichende Meinung gehabt, noch dazu die richtige.

Nun aber "erbte" Guttenberg die Aufarbeitung des Bombenangriffs von Kundus. Und das Beruhigende ist, dass ein Vorfall dieser Kategorie mit schicken Bildern und geschickten rhetorischen Rückzugsgefechten eben doch nicht zu bewältigen ist. Für eine Demokratie - erst recht, wenn sie Krieg führt - ist es lebenswichtig, dass wenigstens jetzt sogar die buntesten Medien von der Personality-PR zur Sachaufklärung wechseln. Das zwingt - weniger wichtig - Karl-Theodor zu Guttenberg zu ernsthaft politischem Handeln, und wenn er das nicht bald besser macht als bisher, wird auch er das Amt bald los sein.

Diese Entwicklung bringt aber auch - viel wichtiger - den Charakter dessen ans Licht der öffentlichen Debatte, was "wir" in Afghanistan tatsächlich tun. Verglichen mit seinen Vorgängern, war Guttenberg noch der Ehrlichste, als er verschwurbelt von "kriegsähnlich" sprach; allerdings weiß niemand, ob er das auch ohne das Bombardement vom 4. September getan hätte.

Aber insgesamt galt: Die große Parlamentsmehrheit war von der Richtigkeit und Notwendigkeit des Einsatzes überzeugt, hielt und hält ihn für humanitär begründet. Einzelheiten, die dem widersprachen - man könnte auch sagen: die Wirklichkeit des Krieges - hätten den Widerstand nur verstärkt. So scheint die Mehrheit des Bundestags kalkuliert zu haben.

Wenn also der Vorfall von Kundus ein Gutes hat, dann dies: Die verborgenen Wahrheiten, die Risiken des Krieges, seine Handlungsmaximen und seine oft erschreckende Sprache zwingt er in unser Bewusstsein. Das ist gut für die Soldaten; denn sie stehen oft in eben jenem Dreck, den die einen nicht beim Namen nennen und von dem die anderen nichts hören wollen. Vor allem aber ist es gut für die Debatte über Deutschlands Beteiligung am Krieg.

Allerdings: Der Ausgang ist offen, ganz unabhängig von der Antwort auf die Frage nach der Angemessenheit dieses konkreten Bombardements. Wenn Politik, Medien und Bevölkerung die traurige Gelegenheit nicht nutzen, sich über den Charakter dieses Einsatzes und mögliche Auswege endlich Rechenschaft abzulegen, dann könnte am Ende nur eines bleiben: die Gewöhnung an die grausamen "Notwendigkeiten" des Krieges, an seine Sprache und seine Bilder, die uns aus all den Berichten jetzt entgegenschreien. Das kann nur wollen, wer den Deutschen ihre gut begründete Skepsis gegenüber der "Normalität" kriegerischen Handelns austreiben zu müssen glaubt.

Autor:  Stephan Hebel
Datum:  13 | 12 | 2009
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