Spätestens seit der Veröffentlichung geheimer US-Militärdokumente zum Afghanistan-Einsatz gilt Hamid Gul in den USA als Symbolfigur für das andere, das hässliche Pakistan. In den 80er Jahren war Gul noch ein guter Freund Amerikas: Mit CIA-Kollegen rüstete der damalige Chef des pakistanischen Geheimdienstes afghanische Mujaheddin gegen die Sowjetbesatzer auf. In den jetzt von Wikileaks veröffentlichten Pentagon-Papieren spielt der pensionierte Agentenführer eine ähnliche Rolle. Gul soll sich in Pakistan mit führenden Taliban getroffen und sie zu Vergeltungsschlägen gegen US-Truppen in Afghanistan gedrängt haben.
Die Vorwürfe haben in den USA eine neue Diskussion über den offiziellen Verbündeten Pakistan ausgelöst. Zum ersten Mal scheint es für die Vermutung konkrete Hinweise zu geben, Pakistan mache mit den afghanischen Taliban trotz offizieller Dementi gemeinsame Sache. Die Regierung in Islamabad bestreitet das energisch. Die Vorwürfe seien „verdreht“ und widersprächen den Fakten, erklärte ein Regierungssprecher. Gul selbst sagte in einem Interview, die USA wollten nur von ihrer Niederlage in Afghanistan mit falschen Anschuldigungen gegen Pakistan ablenken.
In Washington klingt das anders. Zwar hat die Regierung die Wikileaks-Veröffentlichung scharf verurteilt. Doch den schwierigen Verbündeten Pakistan mochte auch die Obama-Regierung nicht übermäßig in Schutz nehmen. Präsidentensprecher Robert Gibbs erklärte, es sei lange bekannt, dass es in Pakistan sichere Rückzugsgebiete für Extremisten gebe. Laut New York Times wollen US-Beamte die Enthüllung nun nutzen, den Druck auf Pakistan zu verstärken.
Genau dies ist aber ein altes Dilemma der US-Politik. Für Daniel Markey, Pakistan-Experte beim Council on Foreign Relations, gibt es für den aktuellen Ansatz keine Alternative, Islamabad mit mal mehr, mal weniger sanftem Druck zu einem entschiedeneren Vorgehen gegen die afghanischen Taliban zu drängen. „Die Amerikaner müssen verstehen, dass Pakistan intern zerstritten ist über den Umgang mit Extremisten und seine Rolle in der Region“, mahnt Markey zu Geduld.
„Das Problem ist: Wir gehen“
Ganz anders sieht das der neokonservative Vordenker Robert Kagan. „Man muss seinen Kopf schon lange im Sand gehabt haben, um nicht zu verstehen, dass Pakistan ein Teil des Problems in Afghanistan ist“, schimpft der Experte beim Carnegie Endowment for International Peace. Kagan macht auch die Obama-Regierung für die ambivalente Haltung Pakistans mitverantwortlich: Teil des Problems sei, dass Islamabad „annimmt, dass wir bald gehen“. Seit Präsident Barack Obama den Beginn des US-Rückzugs für Juli 2011 in Aussicht gestellt habe, so die Logik, betrachte Pakistan die afghanischen Taliban wieder verstärkt als Instrument, die eigenen strategischen Interessen im Nachbarland durchzusetzen.