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Traumatisierte Soldaten: Kriegstrauma und Zivilgesellschaft

Posttraumatische Beslastungsstörungen: Wir mögen uns über den Sinn von Kriegseinsätzen uneinig sein, die Verantwortung für Folgeschäden tragen wir doch - bei Kriegsopfern wie Soldaten. Von Klaus Naumann

Immer mehr Soldaten kommen traumatisiert vom Einsatz in Afghanistan zurück.
Immer mehr Soldaten kommen traumatisiert vom Einsatz in Afghanistan zurück.
Foto: ddp

Noch scheint in den Reihen der Bundesregierung die Vorstellung zu bestehen, man könne beim anstehenden NATO-Strategiewechsel in Afghanistan ungeschoren davonkommen. Während die Obama-Administration drastische Truppenverstärkungen und ein verändertes zivil-militärisches Konzept ankündigt, gibt sich die Bundeskanzlerin selbstzufrieden.

Trotz der sich auch im Norden verschlechterter Sicherheitslage wird es keine Verstärkung geben. Von einer Aufstockung des beschämend mageren EU-Kontingents zur Polizeiausbildung ist schon gar nichts zu hören. Liest man hingegen den gerade präsentierten Bericht des Wehrbeauftragten, spürt man Unmut über die Vernachlässigung der sicherheitspolitischen und speziell militärischen Belange - ob beim Personal, in der Ausrüstung, der sozialen Fürsorge oder beim Sanitätsdienst, der kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Zum Autor

Klaus Naumann ist Historiker am Hamburger Institut für Sozialforschung und arbeitet über bundesdeutsche Militärgeschichte und -politik.

Zuletzt veröffentlicht hat er das Buch: "Einsatz ohne Ziel? Die Politikbedürftigkeit des Militärischen" (Hamburger Edition, 2008).

Wie in einem Brennglas fassen sich die Mängel in einem Symptom zusammen, das kürzlich die Medien eroberte. Die Rede ist von der Zunahme Posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) bei den Einsatzsoldaten. Dabei handelt es sich um langwierige Störungen der Persönlichkeit, die sich in Schlaflosigkeit und Reizbarkeit, Kontaktabbrüchen, plötzlichem Verstummen und unkontrollierten Wutanfällen ausdrücken, die zu sozialer Isolierung und auch zum Suizid führen können. Paradigmatisch sind diese Fälle - bei den ISAF-Angehörigen wurden im vergangenen Jahr 226 Fälle gezählt -, weil sich daran zeigen lässt, wie wenig Ministerium und Streitkräfte bislang in der Lage sind, das vernetzte Denken, dass sie selbst Land auf, Land ab predigen, organisationspolitisch zu praktizieren.

Dem bisher überschaubaren, aber zunehmenden Problem will man mit verbesserter Vor- und Nachsorge sowie der Einrichtung eines "Kompetenz- und Forschungszentrums" zu Leibe rücken. Das ist löblich, kam aber auch erst durch Intervention des Bundestags in Bewegung. "Umfassende Hilfen", konstatiert der Wehrbeauftragte, "sind erst im Aufbau". Immerhin. Und doch greift das alles viel zu kurz. Halbheiten im Umgang mit PTBS, das lehrt die amerikanische Vietnam-Erfahrung, tragen selbst zur Verfestigung der Symptomatik bei.

Es reicht eben nicht aus, diese Art von Kriegstraumata allein mit Mitleid, Sozialfürsorge und allgemeinem Bedauern zu begleiten. Die ganze Schwere des Tatbestandes kommt darin zum Ausdruck, dass die Betroffenen, die als "Staatsbürger in Uniform" ins Feld zogen, dafür mit der Einschränkung des Vermögens bezahlen, die Rolle als Staatsbürger weiterhin wahrzunehmen. Dieser Umstand, mag er auch nur eine kleine Minderheit von Soldaten betreffen, stellt auf seine Weise das institutionelle Gefüge unserer Wehrordnung in Frage. Darauf mit Sinn- und Legitimationsanstrengungen zu antworten, ist zwar dringend erforderlich, stellt aber nur eine weitere Teilantwort dar.

Die Frage, auf die eine politische, gesellschaftliche und militärische Antwort gesucht und gefunden werden muss, lautet in den Worten des amerikanischen Psychiaters und PTSB-Spezialisten Jonathan Shay ("Achill in Vietnam", 1998), der zahllose Vietnamveteranen behandelt hat: Was kann man tun, damit es "nicht länger als ein unauflösbarer Widerspruch erscheint, wenn man den Krieg hasst, aber den Soldaten ehrt?" Oder weniger emphatisch gesprochen: Wir mögen uns über den Sinn oder Unsinn der Einsätze uneinig sein, aber es besteht eine gemeinsame öffentliche Verantwortung für die Folgeschäden - in den Einsatzländern (bei den Kriegsopfern) und auch bei den Einsatzsoldaten. Denn darüber sollte man sich keine Illusionen machen: Das "freundliche Desinteresse" (Horst Köhler) der Öffentlichkeit trägt genauso zur Verfestigung des PTSB-Syndroms bei wie mangelnde Fürsorge oder kurzatmige Sinnstiftungen. Und mehr noch; mit Blick auf die Vietnam-Erfahrungen hat Jonathan Shay auf die sittlich-moralische Seite der Belastungsschäden hingewiesen. Dabei zeigte sich, dass diese weder nur die Politik oder die Öffentlichkeit - also die Sphäre von Sinngebungen, Anerkennung und Sozialfürsorge - betrifft, sondern auch das Militär selbst. Hier scheint immer noch ein umfassender Ansatz zu fehlen, obwohl in der Konzeption der Organisationsphilosophie der Bundeswehr, der "Inneren Führung", die dafür notwendigen Konzepte bereit stehen.

Dabei verweist das PTBS-Syndrom nachdrücklich auf Aspekte Innerer Führung im Einsatz, deren Relevanz weit über die Belastungsstörungen hinausgeht. Sie betreffen nicht nur die Begleitung verletzter und geschädigter Soldaten, sondern greifen aus bis in das Generalthema der Inneren Führung, die Einbettung der Streitkräfte in die Gesellschaft.

Jonathan Shay hat sehr deutlich aufgezeigt, dass PTBS zwar durch Gewalterfahrungen ausgelöst werden und den Soldaten in einen unkontrollierten Berserker verwandeln können. Doch Kriegstraumata haben immer auch mit dem Gefühl einer verletzten sittlichen Ordnung zu tun, mit der Erschütterung des Gefühls, "was recht ist". Moralische Verletzungen sind nach Shays Beobachtung ein Kernbestand des Fronttraumas. "Gewöhnlich können sich Veteranen von Schrecken, Furcht und Trauer erholen, wenn sie ins Zivilleben zurückkehren, es sei denn, zusätzlich wurde auch noch gegen ‚das, was recht ist' verstoßen."

Nun wird klar, warum Fürsorgemaßnahmen und Sinnangebote allein zu kurz greifen. Um dem Rechnung zu tragen, muss man die Streitkräfte jedoch als ein "sittliches Gebilde" von Regeln und Autoritätsverhältnissen, Verantwortlichkeiten und Traditionen begreifen, dessen Funktionieren maßgeblich dazu beiträgt, wie Soldaten aus den Einsätzen hervorgehen.

Dem Zivilisten mag dieses Regelsystem exotisch vorkommen. Bei näherer Betrachtung löst es sich indessen in ungeschriebene sittliche Normen auf, die uns allen vertraut sind. Da geht es um Fairness, Anerkennung, Verantwortung und Gegenseitigkeit.

Werden diese sittlichen Erwartungen enttäuscht, verliert der Soldat gewissermaßen den Boden unter den Füßen - und das in Einsätzen, in denen Lebensgefahr und Todesfurcht seine engsten Begleiter sind. Damit zurück zur Bundeswehr, zur Politik - und auch zur Gesellschaft: Die Unterversorgung der Truppe, schlechtes Material, verzögerte Lieferungen, bürokratische Vorschriften, kurzsichtige Personalpolitik, willkürliche Risikoverteilung, alles das (siehe den Bericht des Wehrbeauftragten) können Auslöser für das Gefühl sein, hier werde die Grenze dessen überschritten, was recht und billig ist. Das gilt auch für eine Politik, die für die lebensbedrohlichen Folgen ihrer eigenen Einsatzbeschlüsse nicht einsteht. Unter den Einsatzsoldaten provoziert das den Eindruck, mit der ganzen Person für "halbe Sachen" haften zu sollen.

Und die Gesellschaft? "Wir sollten uns darum kümmern", schreibt Jonathan Shay, "wie Soldaten ausgebildet, ausgerüstet, geführt und nach der Rückkehr aus dem Krieg in der Heimat empfangen werden". Verweigern wir dies, tragen wir mit dazu bei, Vertrauen zu zerstören. Wir fördern die Zerstörung der Fähigkeit zu vertrauen und verhindern damit, dass aus Soldaten wieder vollwertige Staatsbürger werden können.

Autor:  KLAUS NAUMANN
Datum:  27 | 3 | 2009
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