Der Abzug der Alliierten aus Afghanistan beginnt - und am Hindukusch wächst die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg. Die Taliban versuchen, den Übergabeprozess mit Anschlägen zu torpedieren. Auch die Bundeswehr ist alarmiert.
Frauen ans Gewehr: Ein Ausbilder der afghanischen Polizei bringt weiblichen Rekruten das Schießen bei.
Foto: Raheb Homavandi / rtr
Frauen ans Gewehr: Ein Ausbilder der afghanischen Polizei bringt weiblichen Rekruten das Schießen bei.
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Kabul –
Mustafa Safi schnaubt verächtlich. „Diese verrückten Leute“, sagt er und blickt aus dem Fenster seines Taxis. „Diese verrückten Leute können doch die Taliban nicht stoppen.“ Er meint die Polizisten, die im nächtlichen Kabul an der Straße stehen und Autos kontrollieren – und er meint es als Kritik an der Nato, die nun ihren Abzug vorbereitet.
Zwischen dem 14. und 21. Juli will sie damit beginnen, die Verantwortung für die Sicherheitslage in ersten Gebieten an Afghanistans Polizei und Armee zu übergeben, kündigte Ashraf Ghani, Chef der zuständigen Kommission an. Doch die meisten bezweifeln, dass diese der Aufgabe bereits gewachsen sind.
Am Hindukusch wächst die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg, wie er nach Abzug der Russen 1992 aufflammte – oder einer neuerlichen Machtübernahme durch die Taliban. Von Sieg redet ohnehin längst keiner mehr. Für den Westen scheint es nur noch darum zu gehen, sich möglichst schnell und gesichtswahrend zu verabschieden. Damit die 150.000 Soldaten nach Hause können, sollen die Afghanen bis Ende 2014 schrittweise die Obhut für ihr Land übernehmen. Die „Transition“ – wie es im Militärjargon heißt − ist Basis des Abzugsplans von US-Präsident Barack Obama.
Damit die Übergabe nicht mit einem Debakel beginnt, sollen jene sieben Gebiete den Anfang machen, die als die sichersten gelten: Dazu gehört auch die Stadt Masar-i-Scharif im Norden, wo die Bundeswehr sitzt. Modellprojekt ist Kabul, das bereits seit drei Jahren weitgehend von den Afghanen gesichert wird. Umso mehr war der jüngste Anschlag auf das Nobelhotel Intercontinental eine Blamage zur falschen Zeit. Erst mit Hilfe der Nato und nach über sechs Stunden Kämpfen war es gelungen, die neun Angreifer unschädlich zu machen.
Taliban stürmen Luxushotel in Kabul
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Taliban stürmen Luxushotel in Kabul
Trotz strenger Kontrollen war es den Aufständischen gelungen, mit Sprengstoffgürteln, Raketen und anderen Waffen in das Gebäude einzudringen. Sie hatten es wohl vor allem auf Ausländer abgesehen.
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Afghanische Sicherheitskräfte versuchten, den Angriff niederzuschlagen.
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In der Nacht lieferten sie sich schwere Gefechte mit dem Taliban-Terrorkommando. Die Kämpfe dauerten mehr als vier Stunden.
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Auf Gefechtsstation: Afghanische Soldaten während der Operation gegen die Taliban-Kämpfer.
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Als Unterstützung forderten die afghanischen Sicherheitskräfte auch einen Kampfhubschrauber der internationalen Schutztruppe Isaf an, nachdem sie die Angreifer auf das Dach des Hotels gedrängt hatten.
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Nach Angaben des Sprechers der ISAF in Afghanistan, Bundeswehr-General Carsten Jacobson, wurde dabei ein Kampfhubschrauber vom Typ Black Hawk eingesetzt, mit dem die Aufständischen auf dem Hoteldach angegriffen worden seien. Dabei seien aber keine Raketen abgeschossen worden.
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In dem staatlichen Hotels hielten sich zu Beginn des Angriffs die Teilnehmer einer Konferenz auf, die sich am nächsten Tag mit der Übergabe der Sicherheitsverantwortung auf die Afghanen beschäftigen wollten.
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Während der Kämpfe wurden neben den acht Angreifern auch acht Zivilisten und zwei Polizisten getötet, wie die afghanischen Behörden mitteilten.
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Gezeichnet vom Kampfeinsatz: Soldaten der Nato nach den Gefechten mit den Taliban-Kämpfern, die sich fünf Stunden im Intercontinental Hotel in Kabul verschanzt hatten.
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Spuren der Verwüstung: Rauch zeugt von den schweren Gefechten zwischen Sicherheitskräften und Taliban-Kämpfern im Intercontinental Hotel.
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Der Anschlag erfolgte wenige Wochen vor dem geplanten Beginn des Abzugs der internationalen Schutztruppe Isaf.
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Ein Terrorkommando der Taliban hat am Dienstagabend das Luxushotel Intercontinental in Kabul gestürmt.
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Die Einsätze der Bundeswehr
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Die Einsätze der Bundeswehr
Heute ist die Bundeswehr noch mit 1850 Mann im Rahmen der KFOR-Mission im Land. Ziel des Einsatzes ist die Sicherung und Aufbau eines funktionierenden Staates. Kosovo hatte erst am 17. Februar 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Serbien erkennt die Unabhängigkeit nicht an.
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Innerhalb der UN-Mission UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon) ist die Bundeswehr vor Libanon mit ihrer Marine beteiligt...
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Ziel der Mission in den Küstengewässern ist die Unterbindung des Waffenschmuggels in den Libanon.
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Deutsche Marine am Horn von Afrika, sie sind Teil der EU-Mission "Atalanta"...
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Ziel der Mission "Atalanta" am Horn von Afrika ist der Schutz der Handelsschiffe vor somalischen Piraten.
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Eine nepalesische UNAMID-Angehörige leistet medizinische Hilfe in einem Dorf in Nord-Darfur. Deutsche Soldaten sind vor allem als Unterstützer in Logistikzentren oder als IT-Berater im Einsatz. Das Mandat dauert aktuell bis Mitte August 2011 an.
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Auch in Sudan sind einige deutsche Soldaten präsent, sie unterstützen die UN-Mission UNAMID, die das Darfur-Friedensabkommens vom 05. Mai 2006 sichern soll. Die Bundeswehr ist derzeit mit acht Soldatinnen und Soldaten vor Ort. Auf dem Bild sind afrikanische UNAMID-Kräfte im Gespräch mit arabischen Nomaden zu sehen.
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Mit maximal 20 Mann ist die Bundeswehr seit April 2010 auch in Uganda präsent...
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Ziel der EU-Ausbildungsmission ist der Aufbau lokaler Sicherheitskräfte. Die deutschen Soldaten sind Teil einer maximal 150-Mann starken europäischen Truppe. Der Einsatz muss nicht vom Bundestag legitimiert werden, weil er nicht als "Einsatz bewaffneter Streitkräfte" im Sinne des Parlamentsbeteiligungsgesetzes definiert wird.
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Demokratische Republik Kongo - im Jahr 2006 nahmen Bundeswehrsoldaten bei einem mehrmonatigen EUFOR-Einsatz teil. Auf dem Bild erklärt eine Bundeswehr-Ethnologin in der Hauptstadt Kinshasa auf einem Markt, den Zweck des Einsatzes ausländischer Truppen im Land...
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Die europäischen Truppen halfen einer UN-Mission, die Lage im Land während der ersten freien Präsidentschaftswahlen seit 1965 zu sichern.
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In Hohenfels trainieren die Soldaten für ihre Auslandseinsätze, im "Übungsdorf" üben sie auch für den Einsatz im Rahmen der EUFOR-Mission in Bosnien-Herzogovina.
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In Sarajevo sind derzeit nur noch 15 Bundeswehrsoldaten im Einsatz, die Obergrenze liegt bei 900. Ihre Aufgabe ist der Aufbau bosnischer Streitkräfte. Im Bild ist ein deutsches Kontingent vom Mai 2007 zu sehen.
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Deutsche Soldate im afghanischen Chahar Dara. Ende Dezember 2001 hatte der Deutsche Bundestag das Mandat für die deutsche Beteiligung am ISAF-Einsatz auf Basis der UN-Resolution 1386 erteilt...
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Am Anfang des Einsatzes lag die Personalobergrenze bei 2500 Soldaten, neun Jahre später sind es 5350...
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Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU) nimmt am 17. Juni 2011 bei einem Truppenbesuch in Afghanistan im Lager Kundus an einer Gedenkzeremonie für Gefallene des ISAF-Einsatzes teil. Seit Beginn der Mission kamen nach Angaben der Bundeswehr 52 Soldaten ums Leben...
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Jedes Jahr hat der Deutsche Bundestag bisher das Mandat um jeweils ein Jahr verlängert. Wie lange deutsche Soldaten am Hindukusch noch bleiben werden, will kein Politiker konkret sagen. Im Juni 2011 transportierte die Bundeswehr mit dem Schwerlastflugzeug Antonov AH-124-100 eine Panzerhaubitzen aus Mazar-e-Sharif ab.
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Kosovo war der erste Auslandseinsatz der Bundeswehr, bei dem sie seit den Nato-Luftangriffen im Jahr 1999 dabei ist...
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Zwar mühte sich die Nato, die afghanischen Sicherheitskräfte in gutem Licht dastehen zu lassen. Die hätten sich „hervorragend“ geschlagen, hieß es. Doch was Augenzeugen berichteten, klang weniger rühmlich. „Die Sicherheitskräfte können nicht einmal ein paar Leute in einem Hotel beschützen. Wie können sie ein ganzes Land sichern“, fragte ein Überlebender erbost. Ein anderer Hotelgast bilanzierte: „Wenn Sie die Sicherheit um zehn Uhr Afghanistans Regierung übergeben, wird die Regierung um 12 Uhr stürzen. Sie kann nicht ohne Ausländer überleben.“
Taliban töten Polizisten
Bei Taliban-Angriffen auf Polizeiposten im Osten Afghanistans sind nach Behördenangaben mehr als 30 Beamte ums Leben gekommen. Die Polizeiposten in der Provinz Nuristan im Grenzgebiet zu Pakistan wurden am Mittwoch bereits den zweiten Tag in Folge von Aufständischen attackiert, die nach Behördenangaben über die pakistanische Grenze nach Afghanistan kamen. Bei den zweitägigen Kämpfen starben 33 Grenzpolizisten und fünf Zivilisten sowie rund 40 Taliban-Kämpfer, wie Provinzgouverneur Dschamaluddin Badr sagte.
In dem pakistanischen Stammesgebiet Nord-Waziristan an der Grenze zu Afghanistan griffen die Taliban unterdessen einen Kontrollposten der Armee an. Soldaten und Aufständische lieferten sich am Mittwoch heftige Kämpfe im Stadtzentrum von Miranshah, nachdem die Taliban dort einen Kontrollpunkt der Armee angegriffen hatten. Zwei Kampfhubschrauber beschossen dabei nach Angaben eines Anwohners auch eine Schule, in der sich die Aufständischen verschanzt hatten. Nach Angaben von Augenzeugen und einem Militärvertreter begannen die Soldaten am Dienstag damit, ein kleines Privatkrankenhaus zu sprengen, in dem die Taliban und andere Aufständische ihre Verletzten versorgen lassen. (afp)
Die Taliban versuchen ganz offensichtlich, den Übergabeprozess mit Anschlägen und gezielten Tötungen zu torpedieren. Auch die Bundeswehr ist alarmiert.
Tatsächlich ist der Übergabeplan bisher mehr Wunschdenken geschuldet, mit den Realitäten hat er wenig zu tun. In Windeseile werden Polizei und Militär auf mehr als 300.000 Mann aufgestockt. Viele Rekruten sind junge arbeitslose Männer, die weder schreiben noch lesen können. Einige sind drogenabhängig, andere sympathisieren mit den Taliban. Im Schnellkursen sollen sie fit für die Aufgabe gemacht werden. Aber wer garantiert, dass sie für Hungerlöhne von 100 bis 200 Dollar ihr Leben riskieren werden? Oder eine Regierung schützen, die viele als korrupt und unfähig ansehen? Und wer weiß, wem am Ende ihre Loyalitäten gehören? Schon jetzt gehen viele Rekruten bald wieder stiften.
Afghanistan ist ein sozial und ethnisch gespaltenes Land. Es gibt das Karsai-Lager, die Nordallianz, die Taliban, zahlreiche Warlords, Volksgruppen und Clans. Die Gefahr eines Bürgerkrieges sei real, sagt Thomas Ruttig vom Afghanistan Analyst Network. Während die Nato die Lage schönredet, bringen sich die wichtigsten Gruppen bereits in Stellung. Gerüchte machen die Runde, dass sich alle Seiten für den Fall der Fälle mit Waffen eindecken.
Die USA hoffen offenbar darauf, einen Burgfrieden mit den Taliban zu erkaufen, damit das Land nicht umgehend nach Abzug in Chaos stürzt. Sie verhandeln mit ihnen, wobei Deutschland als Vermittler eine Schlüsselrolle spielt. Doch die Erfolgsaussichten sind ungewiss. So wollen die Amerikaner angeblich fünf Militärbasen am Hindukusch dauerhaft nutzen. Ob die Taliban dies schlucken, ist nicht ausgemacht.