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Zukunftsangst: Der afghanische Exodus

Viele Einwohner Afghanistans verlassen das Land, weil sie sich vor der Zukunft fürchten, wenn die Nato-Kampftruppen abziehen. Manche ziehen selbst die haarsträubendsten Möglichkeiten zur Flucht in Betracht.

Viele Afghanen fürchten, dass die Lage im Land nach 2014 noch schlechter wird, als sie ohnehin schon ist.
Viele Afghanen fürchten, dass die Lage im Land nach 2014 noch schlechter wird, als sie ohnehin schon ist.
Foto: REUTERS
Kabul –  

Das Meer kennt Hamid Samar nur aus Erzählungen. Sein Wissen über Kalifornien bezieht der 21-jährige, in Kabul aufgewachsene Student, aus Hollywood-Filmen. Aber just dort, Tausende Kilometer vom Hindukusch entfernt, will er noch im Juli seine neue Heimat gründen – in Long Beach am Pazifik. Dort will er auch seinen Berufsabschluss in Betriebswirtschaft machen. Dann hat Hamid Samar geschafft, wovon viele Afghanen träumen: Er wird legal ins Ausland ziehen.

„Ich habe die Prüfung für ein MBA-Stipendium an der Universität bestanden“, erzählt der junge Mann, dessen Familie ursprünglich aus dem Pandsheer-Tal nördlich von Kabul stammt, voller Stolz. „Eineinhalb Jahre wird der Studienaufenthalt dauern.“ Samars Kollegen am Empfang des Gästehauses, in dem er während der vergangenen Jahre arbeitete und seine Englischkenntnisse perfektionierte, sind neidisch. Aber für ausländische Diplomaten ist sein Beispiel eine Erfolgsgeschichte. Seit 2001 steigen die Studentenzahlen und nun bieten viele ausländische Universitäten, ermuntert von ihren Regierungen, den Absolventen Stipendien für ein Fortbildungsstudium im Ausland an. „Diese Leute stellen die Zukunft Afghanistans dar“, sagt ein Vertreter der Vereinten Nationen in Kabul.

Hamid Samar freilich hat seine eigene Meinung über die Zukunft Afghanistans und deshalb ganz andere Pläne. „Ich komme nach dem Studienaufenthalt nicht wieder zurück nach Kabul“, sagt er. „Ich bin doch nicht verrückt.“ Der junge Afghane, der mitten im Bürgerkrieg geboren wurde und in den vergangenen zwei Jahrzehnten Frieden nur als kurze Pause zwischen verschiedenen Kriegen kennenlernte, hat kein Vertrauen in die Zukunft seiner Heimat.

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Hamid Samar gehört zu der großen Gruppe von Afghanen, die kaum etwas unversucht lassen, um ins Ausland zu gelangen – von Universitätsstipendien bis zu waghalsigen Reisen quer durch die Welt. Sie flüchten, weil sie Afghanistans „Cold Turkey“ fürchten. So nennen, in Anlehnung an den Entzug von Drogenabhängigen, Vertreter des Westens die Zeit nach dem Jahr 2014.

Dann wird Afghanistan zwar aller Voraussicht nach immer noch der führende Opiumproduzent der Welt sein. Aber bis 2014 werden auch die Nato-Kampftruppen abziehen. Gleichzeitig versiegt vermutlich der Geldstrom, der zurzeit nach Afghanistan fließt. Allein die USA buttern momentan monatlich zehn Milliarden US-Dollar in das Land. „Afghanistan wird dann ein ganz normales, unterentwickeltes Land wie viele andere in der Welt sein“, sagt ein europäischer Diplomat über die Zeit nach 2014.

„Ich habe sicher genug Geld, um hier mit mit meiner Familie weiter gut leben zu können“, sagt der 52-jährige Qasim Shah, der während des vergangenen Jahrzehnts Grundstücke in der Umgebung von Kabul und in Masar-i-Scharif gekauft hat. „Aber ich überlege, das alles zu verkaufen. Denn wer weiß, wie es anschließend weitergehen wird.“ Der Vater einer 16-köpfigen Familie glaubt nicht recht an die Version vom „ganz normalen unterentwickelten Land“. Ihn bewegt die Möglichkeit, dass Afghanistan nach dem Abzug des Westens wieder in der Anarchie versinkt, die bereits nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen ausbrach.

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Autor:  Willi Germund
Datum:  12 | 7 | 2011
Seiten:  1 2
Kommentare:  6
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