Eintracht Frankfurt
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26. November 2012

Eintracht Frankfurt: „Einen neuen Rode zu finden, gelingt meistens nicht“

Das Thema Thurk ist längst vergessen: Christian Heidel (r.) und Heribert Bruchhagen. Foto: Michael Schick

05-Manager Christian Heidel über die Grenzen von Eintracht Frankfurt und Mainz 05 und seine Furcht vor dem Geldadel aus Leipzig und Wolfsburg. Mit Videokolumne FR-"Volltreffer".

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05-Manager Christian Heidel über die Grenzen von Eintracht Frankfurt und Mainz 05 und seine Furcht vor dem Geldadel aus Leipzig und Wolfsburg. Mit Videokolumne FR-"Volltreffer".

Vor dem Gastspiel von Mainz 05 bei Eintracht Frankfurt hat der Mainzer Manager Christian Heidel noch mehr Termine als üblich. Der Frankfurter Rundschau stand der 48-Jährige bei einem doppelten Espresso in der Mainzer Arena zum Interview zur Verfügung – und hatte eine Menge zu sagen. 

Herr Heidel, was muss man ihnen bieten, damit Sie noch vor der Winterpause Ihren bis 2017 laufenden Vertrag lösen und Mainz 05 verlassen?

Das ist undenkbar.

Warum?

Ich bin in dieser Stadt geboren, kenne hier jeden und habe ein ganz anderes Verhältnis zu diesem Klub als jemand, der als Manager von außen geholt wurde. Ich würde niemals etwas tun, was Mainz 05 schaden könnte.

Wenn aber jemand Ihnen morgen zehn Millionen Euro Gehalt bieten würde?

Das ist jetzt sehr weit her geholt, aber ich würde jetzt wohl trotzdem nicht weggehen. Wenn ich das tun würde, würde ich irgendwo arbeiten, viel Geld verdienen, könnte aber damit nicht glücklich sein. Wenn irgendwann mal der Tag kommt, dann kommt er auf jeden Fall geordnet. Ich würde mich ja auch total unglaubwürdig machen, wenn ich hier von Montag auf Dienstag einfach ginge.

Das Beispiel Klaus Allofs passt also nicht auf Christian Heidel?

Bevor ich konkrete Verhandlungen mit irgendjemand führe, würde ich die Sache intern im Verein klären. Sollten Harald Strutz und meine Vorstandskollegen dann sagen „Du, das passt uns eigentlich ganz gut“ wäre es eine andere Situation.

Sie hatten mal ein Problem mit Eintracht Frankfurt, als die Eintracht hinter dem Rücken von Mainz 05 an Michael Thurk baggerte. 

Stimmt, aber ich bin sicher, dass Heribert Bruchhagen das so auch nicht mehr machen würde. Das haben wir bereits vor Jahren geklärt.

Da ist also nichts hängen geblieben?

Gar nichts. Es ist ja gerade das Kuriose, dass wir das beste Verhältnis, neben Borussia Dortmund, zu den Klubs haben, deren Fans sich nicht so furchtbar gut verstehen: zu Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Kaiserslautern.

Die Tendenz geht dahin, die Jobs des Sportdirektors und Vorstands zu trennen. In Frankfurt teilen sich das Bruchhagen und Bruno Hübner, in Bremen künftig Frank Baumann mit einem noch unbekannten Sport-Geschäftsführer, Bayern, Dortmund, Hamburg – fast überall wird so gearbeitet, nur in Mainz nicht. Muss da was geändert werden?

Nein. Denn das würde eine völlig andere Philosophie bei uns im Klub bedeuten. Unsere Philosophie ist es, den richtigen Trainer so stark wie möglich zu machen. Ich will einen starken Trainer! Für mich ist der Trainer gleichzeitig auch der Sportdirektor. Der Trainer ist bei uns auch derjenige, der die sportliche Entscheidung für neue Spieler trifft. Ich muss dieser Entscheidung allerdings zustimmen. Mein Job als Manager ist es dann vor allem, das Wirtschaftliche und Charakterliche zu überprüfen. Außerdem kümmere ich mich als Manager um sehr viele, andere Themen abseits des Fußballbetriebs. Das Management bezieht sich auf alle Abteilungen und Aufgaben im Verein. Von Marketing, Stadion bis zu den Finanzen. Dafür sieht man mich seltener am Trainingsplatz, weil ich dem Trainer voll vertraue und nichts kontrollieren muss. Wenn ich dort plötzlich häufiger auftauche , dann stimmt irgendwas nicht. (lacht)

Dann hätten Sie einen geschwächten Trainer?

So kann man das sehen. Interessant finde ich, dass es von unserer Zunft nicht mehr allzu viel gibt: Dirk Dufner in Freiburg und Martin Bader in Nürnberg zum Beispiel noch, bei Klubs übrigens, bei denen wie bei uns Ruhe im Saal herrscht.  

Sie haben im Kader elf Spieler, die fast 30 oder über 30 Jahre alt sind. Acht sind schon 32 oder älter. Ist die Mainzer Mannschaft überaltert?

Nein, überhaupt gar nicht. Bei uns laufen elf Verträge aus. Wir hätten dann ein  Problem, wenn ich diese elf Verträge allesamt verlängern würde. Dann hätten wir im Defensivbereich vielleicht eine Mannschaft, die etwas zu alt wäre. Da die Verträge durchweg am Saisonende auslaufen, hat Mainz 05 das beste Regulativ. Das heißt aber nicht, dass wir die Spieler alle am Saisonende wegschicken. Alter schützt vor Leistung nicht.

FR-Videokolumne "Volltreffer"

Video zum Thema
FR-"Volltreffer" vom 26.11.2012

Seit André Schürrle und Jan Kirchhoff vor dreieinhalb Jahren hat sich kein eigener Nachwuchsspieler mehr bei den Profis durchgesetzt. Ist das nicht bedenklich?

Wir wussten, dass die Jahrgänge danach nicht so gut sein würden. Aber die geballte Qualität  kommt noch. Wir haben einen der besten 96-er Jahrgänge in Deutschland. Ich bin sicher, dass wir in Kürze wieder Spieler nach ganz oben durchbringen werden.

Kirchhoffs Vertrag läuft im Sommer aus. Wäre es ein wichtiges Signal, ihn zu halten?

Ach, ich bin da Realist. Wir hätten ihn im Sommer für eine ganze Menge Geld verkaufen können. Er wollte das aber gar nicht, und wir brauchten das Geld nicht. Wir hätten natürlich gern seinen Vertrag verlängert. Aber ich kann auch gut verstehen, dass er erst mal abwarten will.  Der Junge ist ablösefrei und jeder weiß, dass von den Topteams in der Liga fast alle Interesse haben. Der Junge ist 21, es ist für ihn ein sehr wichtiger Vertrag. Wenn er tatsächlich ein Angebot von einem oder mehreren dieser Topklubs erhält, muss ich doch mit ihm über Geld gar nicht reden. Selbst wenn wir es könnten, würde ich ihm dennoch das Geld nicht zahlen, das ein Topklub ihm zahlt. Aber er könnte sich ja auch aus sportlichen Gründen entscheiden, noch ein, zwei Jahre bei uns zu bleiben. 

Und wenn Eintracht Frankfurt daher käme?

Da fehlen mir die Argumente, warum Jan Kirchhoff zu Eintracht Frankfurt wechseln sollte. Das hat nichts mit fehlender Wertschätzung für die Eintracht zu tun, aber das ist für ihn doch kein Schritt! Mainz 05 und Eintracht Frankfurt agieren inzwischen auf einem Level, auch wenn die Eintracht derzeit ein paar Ränge vor uns platziert ist.

Vor zwei Jahren hat Mainz 05 oben reingestochen, vergangene Saison Mönchengladbach, derzeit die Eintracht. Kann es ein solcher Klub auch auf lange Sicht schaffen?

Das wird ungeheuer schwer. Denn die Spitzenteams sind sehr, sehr weit weg. Ich habe gelesen, dass Heribert das große Ziel im Auge hat, europäisch mitmischen zu können.

Ganz neue Worte von Bruchhagen!

Ja, da war ich auch etwas überrascht und teile sie auch nicht so ganz. Weil die Eintracht zur Zeit auch noch nicht die wirtschaftlichen Möglichkeiten hat, da oben dauerhaft mitzuspielen. Auch wir haben es ja erleben müssen, dass wir unsere besten Spieler nicht halten konnten. Ich habe seinerzeit lange Zeit tapfer gesagt, wir geben den Schürrle nicht ab – und dann war er doch weg. Jetzt sagt die Eintracht, sie gäbe den Rode nicht ab – und dann ist er auch weg, wenn er weiterhin auf diesem Niveau Fußball spielt. Einen neuen Rode zu finden, das gelingt dann auch mit dem eingenommenen Geld meistens nicht, und dann bist du bald wieder im Mittelmaß. Schauen sie sich Mönchengladbach an.

Also hat Bruchhagen Recht, wenn er von der zementierten Liga spricht?

Im Grunde ja.

Klingt ernüchternd.

Wenn die Eintracht einen 120-Millionen-Euro-Etat gestemmt bekommen sollte, kann sie aufschließen. Ich sehe ja die vielen Hochhäuser, wenn ich nach Frankfurt rein fahre. Dort liegt eine Menge Geld. In Köln und Berlin wäre das auch möglich.

Die TV-Gelder werden kommende Saison spürbar ansteigen. Mainz 05 kann bei gutem Verlauf mit sechs Millionen Euro mehr rechnen. Wandert das Geld direkt in die Spielertaschen?

Das kann ich momentan noch nicht feststellen. Wir haben auch in der Vergangenheit unsere Überschüsse lieber in Infrastruktur investiert. Das werden wir so beibehalten.

Bleiben Sie dabei, dass Mainz 05 ein Klub bleibt, der sich freut, nicht abzusteigen?

Hundertprozentig! Ich habe immer Angst davor. Wir dürfen uns keine kapitalen Fehler erlauben. Das hätte sonst sofort etwas mit Abstieg zu tun. Und es wird noch schwieriger werden. Irgendwann kommen unsere Rasenballfreunde aus Leipzig hochmarschiert. Das ist dank der Mateschitz-Millionen in Stein gemeißelt. Dadurch wird es für Vereine wie unseren noch einen Platz weniger geben.  Also müssen wir uns noch mehr anstrengen, zumal Köln und Hertha nicht ewig in der zweiten Bundesliga spielen werden. Das sind zwei Riesen.

Leipzig wird von der Firma Red Bull mächtig unterstützt.

Richtig, und ich fürchte, dass noch mehr Unternehmen auf eine ähnliche Idee kommen könnten. Wenn das Financial Fairplay der Uefa nicht konsequent umgesetzt wird, kann das dann auch in Deutschland  einen anderen Fußball geben. Einen Fußball, den ich persönlich nicht will. Schauen Sie sich den VfL Wolfsburg an.

Der für Klaus Allofs ordentlich investiert hat!

Ja, der nur auf der Funktionärsebene binnen einer Woche mehr Geld bewegt hat, als bei uns für den gesamten Kader in einem Jahr. Die finden Felix Magath ab, der noch zweieinhalb Jahre Vertrag hatte, holen einen Neuen und zahlen Ablöse. Und dann wird vielleicht noch ein neuer Trainer hinzukommen. Wahnsinn. Da spielt Geld keine Rolle, denn der VFL musste keinen Cent davon selbst erwirtschaften.

Also muss das Financial Fairplay auch in der Bundesliga umgesetzt werden?

Ich wünsche mir nichts anderes und kann mir auch nicht vorstellen, dass die Deutschen sich davor verschließen können. Und danach wird aber kaum jemand  mehr in Europa an Bayern München herankommen.

Ist Nestwärme auch für ausgebuffte Profifußballer wichtig?

Ganz sicher! Der Wohlfühleffekt  ist eminent wichtig. Denn der Kontoauszug ist jeden Monat in etwa der Gleiche und schnell Normalität. Daran gewöhnt man sich sehr schnell, der ist irgendwann keine zusätzliche Motivation mehr. Aber wenn man jeden Tag gerne ins Training geht und sich in der Stadt und im Verein wohlfühlt, dann macht das was aus. Das ist unsere Maxime hier in Mainz: wirtschaftliche Defizite mit einem Gefühl für die Spieler auszugleichen.

Ist das Derby bei der Eintracht mehr als ein Drei-Punkte-Spiel?

Wir haben dort noch nie gewonnen. Das wollen wir ändern. Es geht um drei Punkte und es geht um das Gefühl einer Region. Für uns Mainzer sind drei Punkte in Frankfurt also etwas anderes als drei Punkte in Hamburg. Ich weiß aber auch, dass wir anders herum diesen Stellenwert für die Eintracht-Fans noch nicht haben

Thomas Tuchel hat einen Trainervertrag bis 2015. Sie haben den Kontrakt im Mai erst verlängert. Auch mit dem Hintergedanken, eine Ablöse zu erzielen, wenn er früher geht?

Das ist kein Thema. Das ist für mich die absurdeste Diskussion überhaupt.

Sie wird geführt, weil Tuchels Name überall fällt, wenn bei einem ambitionierten Klub eine Trainerposition frei wird!

Eines kann ich Ihnen versichern: Da braucht  niemand anzukommen und hoffen, dass er uns den Trainer für eine oder zwei Millionen wegkaufen kann. Die Bayern haben allein für Martinez 40 Millionen Euro bezahlt.  Und der Chef von Martinez soll dann fünf Prozent davon  kosten? Das ist für mich nicht schlüssig. Es gibt aber ohnehin keinen Markt für Thomas Tuchel, denn wir haben uns in die Hand versprochen, dass wir bis mindestens zum 30. Juni 2015 zusammenarbeiten. Und wir vertrauen uns.

Das Gespräch führte Jan Christian Müller

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