Eintracht Frankfurt
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07. Dezember 2012

Eintracht Frankfurt: „Ich sehe keinen, der an sich zweifelt“

Pirmin Schwegler: "Zugucken geht gar nicht" Foto: Rhode

Eintracht-Kapitän Pirmin Schwegler über die Ohnmacht als Fernsehzuschauer, das kleine Tief der Eintracht und ein herausragendes Jahr 2012.

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Eintracht-Kapitän Pirmin Schwegler über die Ohnmacht als Fernsehzuschauer, das kleine Tief der Eintracht und ein herausragendes Jahr 2012.

Herr Schwegler, waren Sie beim letzten Auswärtsspiel in Düsseldorf eigentlich im Stadion?
Im Stadion? Da kennen Sie mich aber schlecht. Nee, ich saß zu Hause vor dem Fernsehgerät. Wenn ich nicht spiele, dann packe ich es nervlich nicht ins Stadion. Das halte ich nicht aus.

Haben Sie das Spiel mit Kumpels in Ihrer Wohnung angesehen?
Nein, um Gottes willen. Ich kann da nicht mit jemandem zusammen gucken, das geht nicht. Ich bin total nervös, aufgeregt ohne Ende. Wenn ich selbst spiele, habe ich die Ruhe weg, da bin ich ganz entspannt. Aber zugucken geht gar nicht. Das ist schlimm.

Was haben Sie gedacht, als Karim Matmour mit Gelb-Rot vom Platz geflogen ist? Haben Sie es kommen sehen?
Ich habe gar nichts gedacht, ich habe auch nichts kommen sehen. Ich habe die Szene gar nicht gesehen, erst in der Halbzeitpause.

Wieso denn das?
Ganz einfach: Ich hatte umgeschaltet, ich habe die ganze Zeit weggezappt, ich kann da nicht hinsehen.

Und die Tore für die Fortuna haben Sie auch nicht gesehen?
Nee, ich war dreimal auf Toilette, zweimal am Kühlschrank. Am Liveticker habe ich dann gesehen, dass es 2:0 für Düsseldorf steht. Okay, da wusste ich, jetzt wird es schwer. Anschließend habe ich noch weniger geguckt.

Ärgern Sie sich als Fernsehzuschauer dann über so eine Niederlage genauso wie als Spieler?
Der Ärger ist genauso groß, klar. Aber ich bin ein Typ, der den Blick wieder schnell nach vorne richtet. Was gewesen ist, ist gewesen. Am Samstagmorgen beim Auslaufen war alles vergessen.

"Das wirft uns nicht um"

Haben Sie Bedenken, dass der Mannschaft die Puste ausgeht und Sie in eine Talsohle rutscht?
Das glaube ich nicht. Das würde zu weit gehen. Wir waren uns bewusst, dass als Aufsteiger mal zwei, drei Spiele kommen, die vielleicht nicht ganz so optimal laufen. Aber das wirft uns nicht um, davon lassen wir uns nicht verrückt machen. Ich nehme das wahr, was in der Mannschaft abläuft. Und deshalb bin ich positiv gestimmt, das sind gute Jungs.

Nach der ersten Halbzeit auf Schalke kam der Bruch im Eintracht-Spiel, in den folgenden 225 Minuten ging für die Mannschaft kaum noch was zusammen. Was ist passiert in dieser einen Woche?
Was soll passiert sein? Nichts. Es zeigt mir nur einmal mehr, wie schnell man medial gefeiert und dann wieder runtergeholt wird, wie schnell die Urteile gefällt werden. Nach dem Schalke-Spiel schrieben die Zeitungen: „Reifeprüfung bestanden“, zwei Spiele später wird alles in Frage gestellt. Es gibt Menschen, die haben auch nach einem 3:0-Sieg etwas zu kritisieren. So ist das halt im Fußball. Aber mich wirft so etwas schon lange nicht mehr aus der Bahn.

Nervt das?
Nein, es ist normal. Wichtig ist nur, dass man innerhalb der Mannschaft die Ruhe behält und sich davon nicht beeinflussen lässt. Und das machen wir auch nicht. Wir sind nicht am Boden zerstört, weil wir jetzt zweimal verloren haben, wir können uns und unsere Situation realistisch einschätzen. Ich glaube, dass wir die Zeichen erkannt haben und die Situation nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber wir werden unser Spiel nicht aufgeben.

Düsseldorf als Warnschuss

Aber was ist der Grund dafür, dass es auf einmal nicht mehr so rund läuft?
Wir haben viel Kraft gelassen in den Spielen zuvor, da sind wir über unsere Grenzen gegangen und haben absoluten Powerfußball gespielt. Vielleicht konnten wir das in den beiden letzten Spielen nicht mehr so hochhalten. Aber das kommt wieder. Düsseldorf war vielleicht ein kleiner Warnschuss, aber wir sind nicht beunruhigt. Und wir sind nicht so vermessen, zu glauben, dass wir die Übermannschaft der Bundesliga sind und da durchmarschieren. Wir verfallen nicht in Aktionismus. Wir dürfen uns nicht verbiegen, wichtig ist, dass man nicht alles auf den Kopf stellt.

Kommt dennoch Sorge auf, diesen überragenden Eindruck des Saisonbeginns zu verwischen?
Nein. Noch mal: Wir sind Aufsteiger. Uns hat doch keiner was zugetraut, am Anfang nach dem Pokalspiel in Aue hieß es doch: ,Wie wollt ihr mit dieser Truppe denn in der Liga bestehen? Ihr holt vielleicht zehn oder 15 Punkte.’ Und dann haben wir so eine Serie hingelegt, das hat doch niemand erwartet. Und diese Leistung lassen wir uns nicht wegreden.

Aber die Leichtigkeit der ersten Wochen ist verflogen, zu Saisonbeginn fiel dem Team ja fast alles in den Schoß.
Klar ist die Leichtigkeit nicht mehr so da, aber das ist normal. Wir haben viele Spieler aus der zweiten Liga. Sie sind eingeschlagen wie eine Bombe, und das man irgendwann mal wieder die Realität vor Augen geführt bekommt, ist nicht besorgniserregend. Das ist ein Lernprozess. Aber ich sehe bei keinem, dass er hadert oder an sich zweifelt. Selbstmitleid bringt sowieso nichts.

Die Partie gegen Bremen ist ein wichtiges Spiel, um den Turnaround zu schaffen und mit einem guten Gefühl zum letzten Spiel nach Wolfsburg zu fahren.
Klar, aber für uns ist jedes Spiel wichtig. Wir wollen nichts herschenken. Wir wollen ein tolles Jahr gut abschließen. Wir haben in diesem Jahr gerade zu Hause klasse Spiele abgeliefert, das war ein Wahnsinnsjahr, wir haben viele Sympathien und einigen Kredit zurückgewonnen, wir haben den Leuten etwas bieten können. Und das erfüllt einen mit Stolz. Wir wollen einen schönen Abschluss.

"Federer oder Muhammad Ali haben auch mal auf die Fresse bekommen"

Aber es kann auch schiefgehen, mit zwei Niederlagen würde die Eintracht abrutschen in der Tabelle und die gute Stimmung wäre futsch. Das ist der Fluch der guten Tat.
Das ist mir zu negativ. Warum sollten wir uns vorher mit solchen Szenarien befassen? Und selbst wenn: Dann ginge die Welt auch nicht unter. Es gibt Phasen, in denen es schlechter läuft. Roger Federer oder Muhammad Ali haben auch mal auf die Fresse bekommen, lagen am Boden, aber sie sind zurückgekommen. Das Wichtigste im Leben und im Sport ist, wieder aufzustehen. Im Erfolgsfall ist alles einfach, aber im Misserfolg zeigt sich, wie stark man ist. Da darf man nicht zu sehr an sich zweifeln.

Und doch geht in Frankfurt ein bisschen die Angst um, dass die Eintracht ähnlich einbrechen und abstürzen könnte wie vor zwei Jahren. Sie waren damals dabei. Sehen Sie Parallelen?
Überhaupt keine. Wenn ich was anderes spüren würde, würde ich es ansprechen. Wir haben in der Hinrunde etwas erreicht, was uns keiner zugetraut hätte, unsere Auftritte sind positiv besetzt, wir haben eine gute Stimmung erzeugt. Deshalb muss man nicht nach dem Negativen suchen oder krampfhaft versuchen, irgendwelche Vergleiche anzustellen. Die sind nicht zulässig. Innerhalb der Mannschaft nehme ich etwas anderes wahr als vor zwei Jahren. Die aktuelle Mannschaft hat ihren Namen verdient, sie hält zusammen. Jeder denkt in erster Linie an das Team, stellt sich in den Dienst der Mannschaft. Das war vor zwei Jahren ein wenig anders. Auch von der Mentalität und vom Charakter her sehe ich keine Parallele.

Haben Sie persönlich aus dem Abstiegsjahr etwas mitnehmen können?
Einiges. Ich habe viel erlebt, gesehen, wie schnell es gehen kann. Entscheidend für mich war, dass ich danach wieder in die Spur gefunden habe. Rückschläge gehören dazu. Man muss aus ihnen lernen, dann wird man stärker.

Schweigen von Hitzfeld

Hat Sie auch das Kapitänsamt beflügelt ?
Das müssen andere beurteilen. Fakt ist: Ich sehe das Ganze, bin nicht auf mich fokussiert. Ich werde älter, da wird man reifer, lernt dazu, wächst an der Aufgabe. Ich glaube schon, dass mich das weitergebracht hat.

Ist es Ihre Aufgabe, verunsicherten und formschwachen Spielern wie Olivier Occean zu helfen?
Natürlich. Er ist ein Teil unserer Mannschaft, ein Teil des Erfolgs. Natürlich geht man auf ihn ein und hilft ihm. Wir ziehen ihn mit hoch, unterstützen ihn.

Können Sie als Kapitän den umworbenen Spielern wie Sebastian Rode und Sebastian Jung Ratschläge geben, ob Sie bleiben oder sich verändern sollen? Sie selbst haben ja auch lange über einen neuen Vertrag verhandelt.
Das stimmt, ich habe nicht von heute auf morgen die Entscheidung gefällt. Ich habe zu beiden einen guten Draht, ich sehe es als ganz normal an, dass sie verhandeln und überlegen und sich Zeit lassen. Das ist ja eine Entscheidung fürs Leben. Beide werden nächstes Jahr hier sein, das glaube ich schon. Ob sie ihre Verträge verlängern, weiß ich nicht. Aber sie sind gut beraten und im Kopf sehr weit, deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass sie die richtige Entscheidung für sich treffen werden.

Haben Sie eigentlich etwas von Ihrem Nationaltrainer gehört?
Nein, in letzter Zeit nicht.
Ottmar Hitzfeld sagte, er baue zunächst einmal auf das Schweizer Neapel-Trio im defensiven Mittelfeld. Das ist ja eine absurde Argumentation.
Dann muss ich jetzt einen Vereinswechsel in Betracht ziehen (lacht). Nein, im Ernst: Ich bin das Thema leid.

Aber es ist doch so: Sie sind der Kapitän eines Bundesligisten, der Überraschungsmannschaft, spielen eine überragende Runde. Ihre Nichtberücksichtigung ist doch nicht nachvollziehbar.
Was soll ich in meiner Position dazu sagen? Ich schweige lieber und versuche weiterhin, Leistungen sprechen zu lassen.

Das Gespräch führten Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

Video zum Thema
FR-"Waldstadion" vom 06.12.12

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