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Eintracht Frankfurt: Der Erneuerer

Bei den Hessen weht unter dem neuen Trainer ein anderer Wind. Wie Michael Skibbe eine mittelmäßige Mannschaft wieder auf Trab bringen will. Von Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz

Daumen hoch und  mittendrin: Michael Skibbe.
Daumen hoch und mittendrin: Michael Skibbe.
Foto: rtr

Es dauert meist eine kleine Ewigkeit, ehe Michael Skibbe nach der täglichen Trainingseinheit unter der Dusche steht - und das liegt nicht nur daran, dass er jeden Tag einer Handvoll Journalisten Rede und Antwort stehen muss. Michael Skibbe, der neue Trainer des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt, lehnt keinen Autogrammwunsch ab, er signiert Trikots, Schals und Bäuche, er lässt sich fotografieren, er plaudert mit den Kiebitzen, die sich eng um das Übungsgeviert drängen. Ein Trainer zum Anfassen, der das Bad in der Menge nicht als unangenehm empfindet.

Skibbe, 44, vierfacher Vater, ist ein offener, freundlicher, durch und durch positiv gestimmter Mensch, kommunikativ und diplomatisch. Die Mitarbeiter in der Geschäftsstelle im Stadion blühen förmlich auf, Skibbe, in Gelsenkirchen geboren, hat für jeden ein offenes Ohr, kaum ein Wunsch wird abgeschlagen. Skibbe ist der Gegenentwurf des bisweilen sturen, bisweilen mürrischen Vorgängers Friedhelm Funkel. Es ist offensichtlich: Skibbe will bei Eintracht Frankfurt eine andere Stimmung erzeugen, er will eine positive Atmosphäre schaffen.

Zum Spiel

Bremen: Wiese - Fritz, Mertesacker, Naldo, Pasanen - Frings, Borowski, Marin, Özil - Sanogo, Almeida.

Frankfurt: Nikolov - Ochs, Russ, Vasoski, Spycher - Teber, Chris, Schwegler, Caio - Meier, Amanatidis.

Schiedsrichter:Es fehlen bei Frankfurt: Fährmann (Handbruch), Preuß (Reha), Bajramovic (Trainingsrückstand).

Der Mann kommt über Worte. Er bemüht sich, es jedem recht zu machen. Das kann nicht gelingen. Rhetorik ist seine Stärke, und geschliffen reden konnte er schon, als er an der Seite von Rudi Völler Überraschungs-Vizeweltmeister 2002 wurde. Jetzt, kurz vor dem heutigen Bundesligaauftakt beim SV Werder Bremen, hat er (gemeinsam mit der Mannschaft) Platz neun und 46 Punkte als Ziel ausgegeben. Manche nennen das erfrischend optimistisch, andere illusorisch. In der vergangenen Saison hat diese Mannschaft 33 Punkte geholt, das ist abstiegsreif. Aber damit hält sich Skibbe nicht auf. Der Mann, der wegen dreier Kreuzbandrisse seine Profikarriere schon mit 22 Jahren beenden musste und fast schon ein alter Hase im Trainergeschäft ist, will etwas bewegen in Frankfurt.

Keine Kleinrederei mehr

Dazu geht er seinen Weg und kann auch unpopuläre Entscheidungen treffen: Er rasierte den alten Kapitän Ioannis Amanatidis, das Gesicht von Eintracht Frankfurt, und setzte sich damit über die Empfehlung seines Vorgesetzten Heribert Bruchhagen hinweg. Er sagt den Spielern, mit denen er nicht mehr plant, die Wahrheit ins Gesicht. Habib Bellaid etwa, vor einem Jahr noch ein aufstrebender französischer Auswahlspieler und für 2,5 Millionen Euro gekauft, hat er umgehend aussortiert. Da ist er konsequent.

Skibbe versucht, Pflöcke einzuschlagen, die Richtung vorzugeben, in freundlichen Worten, bei Bedarf wird der Ton schon mal frostiger. Deutlich soll werden: Ich bin zwar vom Grundsatz her ein Netter, aber ich kann auch anders. Er sagt: "Wenn einer denkt, er kann machen, was er will, muss er ausgesondert werden." Dann legt er die Stirn in Falten.

Aber wer ist dieser Mann eigentlich? Skibbe möchte sehr wohl als erfolgreicher Fußballlehrer wahrgenommen werden. Zuweilen muss er das auch mal sagen: Auf seiner allerersten Pressekonferenz hat er gleich seine Verdienste hervorgehoben bei seinen früheren Klubs Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Galatasaray, er hat gesagt, dass er es "unglaublich unfair" fände, dass seine Leistungen als Trainer in der Vergangenheit gering geschätzt würden. "Ich habe in den letzten zehn Jahren Spuren hinterlassen." Er kämpft unentwegt gegen seinen Ruf. Sein Ruf ist: zu weich, zu lieb, nicht hart genug für dieses Geschäft. Wen er das hört, reagiert er zuweilen dünnhäutig. Er sträubt sich mit Macht dagegen, als Spieler-Versteher bezeichnet zu werden. Dabei spricht er deren Sprache, er kommt an bei der Mannschaft. Die Spieler heben seine fachlichen Qualitäten hervor, das Training ist facettenreicher, taktische Übungen stehen im Vordergrund. Er gestaltet zu 75 Prozent das Training höchstselbst. Das entspricht seinem Selbstverständnis. Skibbe, der Macher und Entscheider.

Er hat ehrgeizige, hochgesteckte Ziele, nicht nur bei der Punktzahl: Er will die Spiele der Eintracht zum Event machen, Zuschauer sollen sich am Morgen darauf freuen, dass am Nachmittag die Eintracht spielt. "Da soll die Post abgehen." So hört es sich in seiner Diktion an. Und er kündigt an, attraktiven, offensiven Fußball spielen zu lassen, mutig und auch gegen Bayern München nach vorne. Er redet Caio stark und von Pressing und Kombinationsfußball. Daran wird er sich messen lassen müssen. Das will er auch. Das alles klingt wunderschön, doch trifft es auch die Realität? Noch nie stimmte die Phrase so sehr: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Der Lackmustest steht ohnehin noch aus. Und die Frage ist auch: Ist das mit dieser Mannschaft überhaupt zu schaffen?

Selbst Klubchef Heribert Bruchhagen hat da Zweifel. Er hält das Saisonziel für zu gewagt und "von Pressing habe ich in Offenbach nichts gesehen", hat er im FR-Interview gesagt. So genau weiß auch der Vorstandsvorsitzende nicht, wohin die Reise geht mit Skibbe. Der 44-Jährige ist auch nach sechs Wochen noch irgendwie schwer zu packen, er ist schwer einzuordnen und ein Stück weit unberechenbar. Wofür steht Michael Skibbe eigentlich? Und wie reagiert er, wenn es sportlich nicht so läuft wie vorher angekündigt?

Die heute für die Eintracht beginnende Saison verspricht einiges an Spannung.

Autor:  Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz
Datum:  7 | 8 | 2009
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2. Bundesliga
Mannschaft Tore Punkte
1 Greuther Fürth 73:27 70
2 Eintracht Frankfurt 76:33 68
3 Fortuna Düsseldorf 64:35 62
4 FC St. Pauli 59:34 62
5 SC Paderborn 51:42 61
6 1860 München 62:46 57
7 Union Berlin 55:58 48
8 Braunschweig 37:35 45
9 Dynamo Dresden 50:52 45
10 MSV Duisburg 42:47 39
11 VfL Bochum 41:55 37
12 FC Ingolstadt 43:58 37
13 FSV Frankfurt 43:59 35
14 Energie Cottbus 30:49 35
15 Erzgebirge Aue 31:55 35
16 Karlsruher SC 34:60 33
17 Alemannia Aachen 30:47 31
18 Hansa Rostock 34:63 27
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