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Eintracht Frankfurt
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26. Januar 2013

Eintracht Frankfurt: Der leise Abschied des Unterschätzten

 Von Ingo Durstewitz
Ungewohnter Dress: Benjamin Köhler im Lautern-Trikot. Foto: imago sportfotodienst

Benjamin Köhler sagt der Eintracht nach langer Zeit Lebewohl. Für viele war er ein rotes Tuch, wurde oft in falsche Schubladen gesteckt und galt als Ballverschlepper - doch das wird ihm nicht gerecht. Eine Würdigung.

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Benjamin Köhler sagt der Eintracht nach langer Zeit Lebewohl. Für viele war er ein rotes Tuch, wurde oft in falsche Schubladen gesteckt und galt als Ballverschlepper - doch das wird ihm nicht gerecht. Eine Würdigung.

Als Benjamin Köhler im August des vergangenen Jahres bei brütender Hitze den Frankfurter Journalisten unter einem großen Sonnenschirm Rede und Antwort stand, war alles so, wie es oft war. Benjamin Köhler sollte erklären, wie er damit umgehe, dass er erst mal nicht erste Wahl sein werde, weil offenkundig war, dass Trainer Armin Veh für seine Position den neuen Mann Takashi Inui vorgesehen hatte. Benjamin Köhler kannte die Situation nur zu gut, in fast jedem Jahr wurde ihm erst einmal ein Spieler vor die Nase gesetzt − am Ende spielte Köhler. „Ich habe keine Lust, jedes Jahr dasselbe zu erzählen“, sagte er im Trainingslager in Feldkirchen und wirkte nicht besonders aufgeregt. „Ich habe mich immer durchgesetzt, und ich bin davon überzeugt, dass es auch dieses Mal so sein wird.“ Dieses eine Mal hatte sich Benjamin Köhler getäuscht.

Vertragsauflösung nach acht Jahren

Vor acht Tagen löste der frustrierte 32-Jährige seinen Vertrag in Frankfurt auf, nach achteinhalb Jahren. Sechs Einwechslungen, eine kümmerliche Nettospielzeit von 33 Minuten und die gefühlte Aussichtslosigkeit ließen ihn verzweifeln und nach Kaiserslautern weiterziehen. Es war ein unspektakulärer Abschied durch die Hintertür. Irgendwie typisch für Benny Köhler, den Leisetreter.

Der Pendler

So ganz wird Benjamin Köhler erst einmal die Zelte nicht abbrechen in Frankfurt. Er bleibt zunächst am Main wohnen. Genauso wie Mohamadou Idrissou, der im Sommer nach Kaiserslautern wechselte, aber immer noch in Sachsenhausen lebt. Idrissou und Köhler, die Eintracht-Dependance in der Pfalz, werden eine Fahrgemeinschaft bilden. „Es sind ja nur 50 Minuten“, sagt Köhler. Das hat ihm Idrissou gesteckt.

Der Abgang ist dem Berliner nicht leicht gefallen, er hatte sich Bedenkzeit erbeten, viel gesprochen mit Freunden, seiner Familie. Was Wunder, die Eintracht war nicht nur ein Job, da steckte viel Herzblut drin, Benny Köhler war ja immer da, „ich gehöre hier zum Inventar“, sagte er einmal. Er war ein Stück Eintracht.

Genauso wie Alex Meier, sein guter Kumpel, mit dem ihm weit mehr verband als die Duelle an der Playstation. Die beiden sind richtig gute Freunde geworden, tauschten sich aus, unternahmen viel gemeinsam. Sie waren nur optisch ein ungleiches Paar. Die Geschichte von Benjamin Köhler und Alexander Meier weist frappierende Parallelen auf. Beide kamen 2004 an den Main, als die Eintracht nach dem dritten Bundesligaabstieg eine neue Mannschaft aufbaute, Köhler war 23, kam aus der Regionalliga von Rot-Weiss Essen, damals war er noch Stürmer.

Meier war 21, siedelte vom FC St. Pauli hinunter. Beide trugen zum steten Aufstieg der Eintracht einen gewaltigen Teil bei, Köhler freilich stand immer ein wenig im Schatten des langen Kumpels. Wenn es aber um die Gunst des Publikums ging, wurden beide lange Zeit über einen Kamm geschoren. Beide galten lange als Synonym für Stillstand und Mittelmaß, beide wurden gar ausgepfiffen vom eigenen Anhang. Köhler sogar mehrfach übel beschimpft beim Gang in die Fankurve. „Das geht nicht spurlos an einem vorbei, wenn man nicht so die Wertschätzung spürt. Das tut schon weh“, sagte er mal.

Ruf des Ballverschleppers

Für viele war er ein rotes Tuch, galt er als Ballverschlepper, der gerne mal einen Freistoß provoziert, die vielen Eckstöße auf Kniehöhe blieben im Kopf. Das wird ihm nicht gerecht. Köhler steckte immer in den falschen Schubladen. Er kämpfte einen Kampf, den er kaum gewinnen konnte, einen um Gunst, Anerkennung und Achtung.

Dabei war er ein wichtiger Bestandteil, einer, der sich nicht ins Bockshorn jagen ließ, sondern stets zurückkam, der alle Trainer über kurz und vor allem lang überzeugte. „Vielleicht liegt es an meinen Können, dass ich spiele. Vielleicht sollten die Leute das mal akzeptieren“, sagte er einst.

Wer seine Leistung seriös bewerten will, sollte mal ins Archiv steigen. Heribert Bruchhagen etwa, der Vorstandschef, adelte ihn einst als „wundervollen Spieler“. Köhler, Vater eines Sohnes, war in den vielen Jahren wertvoller als man auf den ersten Blick denken könnte. Er hat nicht immer geglänzt, er war keiner für das große Spektakel, aber er war ein verlässlicher Teamplayer, der sich stets in den Dienst der Mannschaft stellte, der nie aufmuckte oder Forderungen stellte, der sich über seine Leistung definierte.

„Ich bin kein Showspieler. Ich bin keiner, der Zeichen setzt, die Gegner wegrasiert“, sagte er nach einem Spiel gegen Mainz 05. Das war im Dezember 2010, und wer dabei war in der WM-Arena im Stadtwald, der wird sich erinnern an einen Spieler im defensiven Mittelfeld, der wie aufgezogen spielte, klug, strategisch, technisch versiert, fast schon perfekt. Es war eine Augenweide, sein bestes Spiel in seiner langen Karriere. Der Linksfuß spielte damals auf der Sechs, auf dieser ungewohnten Position blühte er auf. Aber was heißt ungewohnte Position? Köhler spielte dort, wo ihn der Trainer hinstellte: ganz vorne, links vorne, im linken Mittelfeld, als Zehner, als Sechser, als Achter, auch als linker Verteidiger stand er seinen Mann − öfter als ihm lieb war. Hinten links machte ihm am wenigsten Spaß.

Köhler, der "Alles-Spieler"

Die FR bezeichnete ihn im Laufe der Jahre wahlweise als „Vollblutfußballer, Stehaufmännchen, Dauerbrenner, Allzweckwaffe oder Alles-Spieler.“ Köhler war keine Eintagsfliege, sondern ein Qualitätsspieler, auf den Verlass war. Der kleine Mann hat Spuren hinterlassen in Frankfurt, er hat den Verein nicht geprägt, aber er war ein Puzzlestück des großen Ganzen. Zuletzt ist das Spiel über ihn hinweggegangen, die auf Schnelligkeit und Zielstrebigkeit ausgelegte Philosophie ist nicht die von Benny Köhler, dem dazu das Tempo fehlt.

Es ist die Ironie der Geschichte, dass er ausgerechnet nach seiner stärksten Saison mit neun Toren und elf Vorlagen gehen musste. Er, der Aufstiegsheld, der mithalf, die Eintracht nach oben zu schießen. Schicksal.

Im Trainingslager im August sagte er treuherzig: „Momentan sieht es so aus, als ob ich meine Karriere in Frankfurt beende.“ Auch da hat sich Benjamin Köhler geirrt.

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