Wie groß die Hysterie in diesen Tagen wegen des Abbrennens von Feuerwerkskörpern einiger Frankfurter Chaoten in Leverkusen schon gediehen ist, zeigte am Montag sehr schön die Frage eines Reporters der Deutschen Presse-Agentur an den hessischen Innenminister Boris Rhein (CDU): „Kommen jetzt Vollkontrollen und Nacktscanner?“ Nacktscanner sollen, sofern sie eingesetzt werden dürfen, am Flughafen bewaffnete Terroristen aufspüren helfen. So weit wollte sogar Minister Rhein, ein Hardliner, noch nicht gehen. „Nackscanner habe ich von Beginn an für überzogen gehalten“, sagte er.
Die stürmende Abteilung der Frankfurter Eintracht ist ziemlich ausgedünnt in diesen Tagen. Am ersten Trainingstag der neuen Woche, dem Dienstag, werden zwei Angreifer entschuldigt fehlen. Rob Friend und Dorge Kouemaha. Beide sind vom Training freigestellt. Der Kanadier Friend weilt in seiner Heimat, um über einen Vertrag bei den Vancouver Whitecaps zu verhandeln. Nach anderthalb Jahren auf der Tribüne in Frankfurt scheint der 31-Jährige die Nase voll zu haben und bereit zu sein, den hessischen Bundesligisten zu verlassen. Der Großverdiener, ab morgen 32 Jahre alt, würde sich seinen Abgang freilich mit einer satten Abfindungszahlung versüßen lassen. Der Eintracht wäre auch das recht, weil sie über jeden Cent froh ist, den sie bei Friend überhaupt sparen kann. Friend und Eintracht − das war ein großes Missverständnis.
Das Feld aber ist bereitet für drakonische Maßnahmen, für durchgreifende Reaktionen auf diese Art gezielter Provokation. Und Eintracht Frankfurt muss derzeit mit dem Schlimmsten rechnen. Der Kontrollausschuss des Deutschen-Fußball-Bundes (DFB) hat am Montagnachmittag, wegen der Vorfälle vom Samstag, einen Antrag gegen den Tabellenvierten zurückgezogen, der eine Geldstrafe von 100.000 Euro wegen Vorfällen mit Frankfurter Rowdys am 21. September beim 1.FC Nürnberg und am 30. November bei Fortuna Düsseldorf vorsah. Auch da wurde gezündelt, auch da waren Frankfurter Krawallmacher unangenehm aufgefallen, allerdings gab es keine Spielunterbrechung. Diese Fälle fließen nun in die Beurteilung des Leverkusen-Spiels mit ein. Das verheißt nichts Gutes für die Hessen. Ein Geisterspiel würde die Eintracht mehr als eine Million Euro kosten, vom Imageschaden ganz zu schweigen.
Ganz okay: Carlos Zambrano. Stand relativ sicher in der Abwehr, zweikampfstark, gut in der Luft. Hielt seine Abwehr weitgehend zusammen. Hinkte mit Sprunggelenksblessur vorzeitig vom Feld.
Foto: imago sportfotodienstDas Ganze wirkt ein wenig so, als sammele der DFB Munition, um Eintracht Frankfurt mit einem Geisterspiel zu belegen, also einer Partie unter Ausschluss aller Besucher. Diese Strafe muss die Eintracht allemal fürchten, sie ist Wiederholungstäter. Seit 2002 haben die Hessen für Verfehlungen ihrer Besucher eine knappe halbe Million Euro berappen müssen, zudem haben sie bereits zwei Teilausschlüsse hinter sich.
Trainer Armin Veh hält Geisterspiele für sinnlos. „Geisterspiele? Wer will denn so was? Wir mussten schon mal vor 15.000 Zuschauern spielen. Was hat es gebracht? Nichts. Sinn macht nur, diese Leute aus dem Verkehr zu ziehen.“ Der Coach empfindet die erhöhte Aufmerksamkeit, die den Störenfrieden gegeben wird, für kontraproduktiv. Er hält auch die aufgeregte Berichterstattung für nicht ganz schuldlos. „Als ich ein kleiner Junge war, sind im Stadion ganz andere Sachen passiert.“
Laut DFB könnte bis Mitte/Ende nächster Woche mit einer Entscheidung zu rechnen sein. Allerdings ist die Eintracht darum bemüht, Druck aus dem Kessel zu nehmen und die aufgeladene Stimmung zu entspannen. Das DFB-Urteil solle nicht durchgepeitscht werden.
Immerhin muss die Eintracht eine sportliche Strafe nicht fürchten. „Einen Punktabzug wird nicht erwogen, weil man mit einem Urteil wegen Zuschauerausschreitungen nicht in den sportlichen Wettbewerb eingreifen will“, sagte Hans E. Lorenz, Vorsitzender des DFB-Sportgerichts, dem Kicker.
Die Eintracht hat bis Ende dieser Woche Gelegenheit, schriftlich zu den Vorgängen in Leverkusen Stellung zu beziehen. Justiziar Philipp Reschke nennt Sachverhalt und Tätersuche komplex: „Wir müssen die Nadel im Heuhaufen suchen.“ Er meint damit: Es ist nicht gerade leicht, diejenigen zu identifizieren, die Pyros abbrannten und Böller warfen, weil sie vermummt waren, zuvor Nebelkerzen abbrannten und nach dem Spuk die Kleider tauschten. Man will die erwischen, die mit dem Feuer gespielt haben.
Der einflussreiche Nordwestkurven-Rat der Eintracht, ein starkes Bündnis zahlreicher Fan-Organisationen, hat am Montagabend in einer bemerkenswerten Mitteilung klar Stellung bezogen: „Wir bedauern den nicht kontrollierbaren Einsatz von Pyrotechnik“, hieß es da. Denn: „Alles, was die Hand verlässt, muss geächtet und verhindert werden.“ Dieser Konsens sei bisher nicht erreicht worden. Eine Aktion wie die in Leverkusen werde von einem Großteil der Auswärtsfahrer abgelehnt. „Wir müssen innehalten und uns verständigen, was wir dulden und was nicht toleriert werden kann.“ Die Vereinigung macht deutlich: „Das muss eine Zäsur für den Umgang der Nordwestkurve mit diesem Thema sein.“ Ein Satz, der aufhorchen lässt.
Auch die Ultras haben sich von jenen Anhängern distanziert, die für die Spielunterbrechung gesorgt hatten. „Wir möchten alle Eintracht-Fans darüber informieren, dass das Zünden von Böllern, das Schmeißen von Bengalos und das Abschießen von Leuchtspur, insbesondere auch noch auf Spieler, nicht unsere Unterstützung findet“, heißt es in einer Erklärung auf der Homepage (U97.de) der Fan-Gruppe. Diese Mitteilung lässt den Schluss zu, dass sich abseits der Ultras eine weitere, autarke Gruppe gebildet hat. Das wiederum passt zu den Informationen von szenekundigen Insidern, wonach die Ultras keine homogene Gruppe mehr sind.
Boris Rhein hält nichts von Kollektivstrafen. „Wir bestrafen am Ende die Falschen. Wir müssen uns um die kümmern, die Probleme gemacht haben. Die müssen wir rausgreifen.“ Der Innenminister plädiert für eine bessere Videoüberwachung, die bereits auf den Weg gebracht sei.
Bundestrainer Joachim Löw, Augenzeuge des Feuerwerks in Leverkusen, sagte am Montag am Rande der Trainertagung in Düsseldorf: „Es ist absolut untragbar, wenn ein Spiel unterbrochen werden muss. Man muss mit aller Macht gegen solche Leute vorgehen.“
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