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Eintracht Frankfurt
Spielberichte und Interviews, News und Hintergründe zu Eintracht Frankfurt

17. Dezember 2012

Eintracht Frankfurt: Eintracht Spaßfurt

 Von Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein
Stefan Aigner legt zum 2:0 auf. Foto: Stefan Krieger

Eine von den Verantwortlichen klug zusammengestellte Frankfurter Mannschaft liegt auf Kurs Europapokal und beeindruckt die Liga mit attraktivem Offensivfußball.

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In der Trainerkabine von Armin Veh ist an der Wand ein Plakat angebracht, auf dem die Punkte bis zur Rettung vermerkt sind. Im Sommer stand dort die 40. 40 Punkte reichten bisher immer für den Klassenerhalt, sie gelten als magische Grenze, inzwischen genügen meist 34, 35, 36 Zähler. Es wurden schnell weniger, vor der Partie beim VfL Wolfsburg waren es noch 13. Wenn der Coach von Eintracht Frankfurt Anfang Januar sein Büro betritt, wird er als Erstes die Zahl nach unten korrigieren, zehn mickrige Zähler sind es nur noch bis zum erklärten Saisonziel. Dann muss ein neues her.

Mannschaft mit Potential

Das kann − Stand heute − nur die Teilnahme am internationalen Geschäft sein. Und ist nicht vermessen, denn die überragende Platzierung nach der Hinrunde ist kein Zufall. Die 30 Punkte sind Ausdruck neuer Stärke und dokumentieren das Potenzial der Mannschaft. Dieses Team ist nach dem Aufstieg radikal umgebaut worden, ganz nach den Vorgaben des Trainers Veh, der seine Vorstellung von attraktivem Fußball in Frankfurt realisieren kann. Es ist seine Mannschaft, sein Baby.
Dass dies bis in Champions- League-Gefilde führen würde, damit hatte im Sommer kein Mensch gerechnet. „Wer uns 30 Punkte vorhergesagt hätte, den hätten wir für verrückt erklärt“, sagte Torwart Kevin Trapp. „Ein super geiles Gefühl.“ Kapitän Pirmin Schwegler sprach von „absolutem Wahnsinn, ein tolles Jahr.“ Und Sportdirektor Bruno Hübner fand gar, dass „man als Aufsteiger nicht viel besser spielen“ könne, „einfach fantastisch“.

Sie haben in Frankfurt tatsächlich „vieles richtig gemacht in diesem tollen Jahr“, wie Schwegler bilanzierte. Zunächst ist der Aufstieg geschafft worden. Mit einem ziemlichen Kraftakt wurde der Betriebsunfall Abstieg korrigiert, mit einer Mannschaft, die mit der aktuellen wenig gemein hat. „Wenn wir dieses Team behalten hätten, hätten wir nicht so gespielt wie jetzt, sondern mehr auf Konter“, sagt Veh. Aufstiegsspieler wie Mo Idrissou, Oka Nikolov, Benjamin Köhler, Constant Djakpa, Gordon Schildenfeld oder auch Erwin Hoffer und Heiko Butscher wurden weggeschickt oder spielen jetzt kaum noch eine Rolle. Sie passen nicht mehr in das „System Veh“, der auf eine schnelle Mannschaft setzt und auf Teufel komm raus stürmen lässt.

Spektakel als Normalfall

Er hat dafür auch die Spieler, jeder einzelne beherrscht den Ball. Das fußballerische Potenzial bei der Eintracht ist erstaunlich hoch, fast jede Aufgabe, auch die komplizierte, wird auf feine spielerische Art und Weise gelöst. Dieses furiose Offensivspiel ist manchmal mit hohem Risiko behaftet, „aber immer, wenn wir davon abgegangen sind, hat es nicht so geklappt“, sagt Trapp, der formidable Schlussmann. Dieses Risiko ist Veh bewusst eingegangen, er will die Klasse mit spielerischen Mitteln erhalten und sich eben nicht im eigenen Strafraum verbarrikadieren. „Dann kriegst du sowieso einen rein. Das ziehen wir durch. Wir können nicht anders.“

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Der Höhenflug der Frankfurter basiert natürlich auf einer klugen Personalpolitik − und dem Glück, dass die meisten Neuverpflichtungen voll eingeschlagen haben. Das fängt beim Torwart an. Kevin Trapp hat sich zu einem der drei besten Schlussleute der Liga gemausert, ohne ihn stünde die Eintracht mit Sicherheit nicht auf dem vierten Platz. Er hat sie in fast jeder Partie überhaupt im Spiel gehalten. Aber die „Alt-Gedienten“ bilden das Gerüst der Mannschaft. Trapp gehört mit Pirmin Schwegler, Sebastian Rode und Alexander Meier zu jener Achse, die das Gebilde zusammenhält. Ohnehin ist das Mittelfeld, dazu gehören noch Stefan Aigner und Takashi Inui, das Prunkstück. Das Frankfurter Mittelfeld ist hinter den Bayern das torgefährlichste der ganzen Liga, 26 der 33 Tore erzielten Spieler aus dem Mittelfeld. Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass der Angriff eher harmlos daherkommt. Ganze drei Tore steuerten die Stürmer (Hoffer, Matmour, Occean) bei. Neuzugang Olivier Occean ist ohnehin das große Sorgenkind. Als Torjäger aus der zweiten Liga gekommen (17 Treffer) hinkt er den Erwartungen weit hinterher.

Eintracht Frankfurt blickt auf die beste Hinrunde seit 19 Jahren zurück. Damals, 1993/94, war die Eintracht nach 17 Spielen Tabellenführer, es wirbelten Yeboah, Bein, Gaudino und Okocha und Trainer Klaus Toppmöller wünschte der Konkurrenz alles Gute: „Bye, bye, Bayern.“ In diesem Jahr 2012 sammelten die Hessen saisonübergreifend 59 Punkte ein, sie feierten 18 Siege in 32 Spielen, sie schossen 66 Tore. All diese stolzen Zahlen wecken Erwartungen − mit dem nackten Klassenerhalt wird sich in Frankfurt jetzt kaum einer mehr zufrieden geben.

Verwirrspiel um Köstner

Lorenz-Günther Köstner ist die Unsicherheit über seine Zukunft leid. Allerdings legte er nach der Niederlage des VfL Wolfsburg einen ziemlich wirren Auftritt hin. Erst beantwortete er eine Frage, die gar nicht gestellt wurde. „Ich habe die Mannschaft vom letzten Tabellenplatz weggeholt und wenn es mit mir nicht mehr reicht, dann muss man mir das ganz schnell sagen“, forderte er. Von seinem Vorpreschen offenbar überrascht, ruderte der 60-Jährige im nächsten Satz wieder zurück. Als Ultimatum wolle er dies nicht verstanden wissen, obwohl es genau das war. Schließlich sagte er: „Ich gehe mit der Situation gelassen um.“ Sein Auftritt bei der Pressekonferenz hinterließ freilich einen ganz anderen Eindruck. Vermutlich ist seine Zeit als Cheftrainer nach dem DFB-Pokal-Achtelfinale des VfL am Mittwoch gegen Bayer Leverkusen beendet, denn Geschäftsführer Klaus Allofs vermeidet weiter jedes langfristige Bekenntnis zum desillusionierten Aushilfscoach. Köstner will weiter „keine Eigenwerbung“ machen – aber er will offenbar vor den Feiertagen endlich Klarheit. (hel.)

Überraschungsmannschaft der Saison

Denn schon immer hat es in jeder Saison eine Überraschungsmannschaft gegeben, die keiner der Experten auf der Rechnung hatte. In der vergangenen Saison war das Borussia Mönchengladbach (60 Punkte), davor Hannover 96 (ebenfalls 60 Punkte). Kann Eintracht Frankfurt in diese Rolle schlüpfen? Der vierte Platz jedenfalls könnte machbar sein, auch wenn die Hessen, als zweitstärkstes Heimteam der Liga (punktgleich hinter den Bayern) in der Rückrunde nur noch acht Mal vor heimischer Kulisse antreten dürfen.
Der Einzug nach Europa wäre auch deswegen von unschätzbarem Gewinn, weil er dem Klub den Boden bereiten würde, das nächste Level zu erreichen. Ein mögliches internationales Geschäft würde den Steigflug der Eintracht beschleunigen, man würde sich förmlich selbst überholen. Es gäbe einen neuerlichen Schub. Mit europäischem Lorbeer könnten etwa Leistungsträgern mit bald auslaufenden Verträgen (etwa Sebastian Jung und Sebastian Rode) auch in Frankfurt eine sportlich reizvolle Perspektive geboten werden. Die Anhebung des Lizenzspieleretats von jetzt 25,6 Millionen Euro auf bis zu 35 Millionen Euro wäre dann zudem keine Utopie mehr. Es wäre ein rasanter Aufstieg − vom kleinen Aufsteiger, von der Fast-Fahrstuhlmannschaft, zu einem „etablierten Bundesligisten“ (Heribert Bruchhagen).

Plötzlich ist Respekt da

Und Eintracht Frankfurt hat sich verändert, zum Positiven verändert. Der Verein erfährt aus der Liga Respekt für ein forsches, spektakuläres Auftreten, er wird nicht mehr als „Randalemeister“ wahrgenommen, sondern als Bereicherung empfunden. „Es macht einfach Spaß zuzuschauen“, ist der am häufigsten verwendete Satz, wenn über die neue Eintracht gesprochen wird. In Frankfurt ist inzwischen das Spektakel zur Normalität geworden, Spiele wie gegen Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund, Hannover 96 oder Werder Bremen bleiben wegen ihrer Rasanz, wegen ihrer Dramatik und ihrer Attraktivität im Gedächtnis. Dem Klub ist durch den schönen Fußball ein erstaunlicher Imagewechsel gelungen. Die Frankfurter Eintracht hat deutlich an Reputation gewonnen. Diese Hinrunde macht einfach Lust auf mehr.

FR-"Volltreffer" vom 16.12.12

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