Um kurz vor 22 Uhr blickte die kleine Eintracht-Welt nach Salzburg. Der große Sebastian Vettel, dreifacher Formel-1-Weltmeister aus dem südhessischen Heppenheim, war plötzlich live zugeschaltet. Gerade hatte er noch einen Auftritt beim österreichen Sender Servus TV absolviert. Peter Fischer, seit 13 Jahren Eintracht-Präsident, war am anderen Ende der Leitung und erwischte den schnellen Mann auf dem falschen Fuß. Fischer bot Vettel eine „lebenslange Mitgliedschaft bei Eintracht Frankfurt“ an, weil er selten eine Gelegenheit auslässt, ein Fan der Frankfurter Eintracht zu sein. Der Rennfahrer war ob des Angebots sichtlich überrascht, vorher war nichts durchgesickert. Selbst die mehr als 550 Eintracht-Mitglieder auf der Ordentlichen Jahreshauptversammlung des Vereins im Casino der Frankfurter Stadtwerke, darunter auch erstmals Sportdirektor Bruno Hübner, wussten nichts von dem Coup. Breit grinsend nahm Vettel schließlich das Angebot an.
Zuvor hatte Präsident Fischer in seinem Rechenschaftsbericht von einem „schwierigen Jahr“ gesprochen. Der Verein hatte im abgelaufenen Geschäftsjahr „ein deutliches Minus“ (Fischer) von etwa 2,9 Millionen Euro angehäuft, vornehmlich durch neue Steuerrückstellungen in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Fischer nannte dies „einen politischen Angriff auf den Leistungssport in Deutschland“. Schließlich trüben ausstehende Mitgliederbeiträge von unter 400 000 Euro die Bilanz. Einen großen Teil seines Berichts nahm die Sicherheitsdiskussion ein. Peter Fischer distanzierte sich aufs Heftigste „von Kriegsberichterstattung à la Antonia Rados“, wenn von Fanausschreitungen auf den Rängen die Rede ist. „Ich möchte diejenigen, die von Bürgerkrieg im Stadion schreiben, mal für 48 Stunden nach Syrien schicken. Das ist Bürgerkrieg“, sagte der Eintracht-Präsident. Er machte auch unmissverständlich klar, dass er kein Pardon in der Frage der Pyrotechnik kennt. „Pyro ist gefährlich und gehört sich nicht“, sagte Fischer. Im Verlauf der Sitzung wollte Eintracht Frankfurt diesbezüglich noch einen eigenen Passus neu in die Klubsatzung aufnehmen: „Der Verein und seine Mitglieder bekennen sich zu einer lebendigen und friedfertigen Fankultur und lehnen jegliche Form von Diskriminierung, Rassismus und Gewalt sowie die Gefährdung anderer Stadionbesucher, insbesondere durch den Einsatz verbotener Pyrotechnik, ab.“ Zu mitternächtlicher Stunde ist der Club mit der geplanten Satzungsänderung vorerst gescheitert. Da beim Votum am Montagabend keine klare Zweidrittel-Mehrheit auszumachen war, soll nun im März kommenden Jahres bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung erneut darüber abgestimmt werden.
Heribert Bruchhagen, Vorstandsboss der Fußball AG, hob in seinem Beitrag die große Leistung des Klubs nach dem Abstieg im Jahr 2011 hervor. Der Abstieg habe die Hessen 11,1 Millionen Euro gekostet. Trotzdem habe man mit ruhiger Hand und Weitblick in einem wahren Kraftakt und mit dem höchsten Etat, der je in der zweiten Liga aufgestellt worden sei (20,4 Millionen Euro), den Wiederaufstieg geschafft. „Darauf kann der Klub stolz sein“, sagte Bruchhagen. Der Klubchef widersprach Fischer, der einst von „der Rückrunde der Schande“ gesprochen hatte. Es sei keine Schande, es war „ein bitterer Abstieg, weil das sportliche Potenzial höher war als Platz 17.“ Diese Talsohle durchschritten zu haben, erfülle ihn mit Genugtuung, so Bruchhagen weiter. Der Verein sei geprägt von „großer Kontinuität“, sagte der Vorstandsboss, dennoch appellierte er, „das Delta zwischen Erwartungshaltung und Realität möglichst klein zu halten − auch wenn es in der Stadt der Hochhäuser und Banken schwer ist.“ Abschließend sagte Bruchhagen zur aktuellen Sicherheitsdiskussion: „Wer Eintracht Frankfurt liebt, ist nicht in der Lage zu Pyrotechnik, Gewalt und Rassismus. Und diese Gruppe hat keinen Platz in unserem Verein.“
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