Bei Eintracht Frankfurt herrschte am Mittwochmorgen erhöhter Redebedarf. Denn die Bild-Zeitung hatte schlagzeilenträchtig auf der Titelseite die „Gewalttabelle der Bundesliga“ veröffentlicht. Tabellenführer nach von der Polizei erhobenen absoluten Zahlen aus einer bisher nicht veröffentlichten Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS): Eintracht Frankfurt. Zudem wurde Heribert Bruchhagen zitiert, die Eintracht gelte aufgrund des Fanverhaltens als „bundesweit unsympathischster Verein“ − ein Zitat, das der Frankfurter Vorstandschef gestern ausdrücklich dementierte.
Die ZIS mit Sitz in Duisburg registriert und beobachtet bundesweit Fußballgewalttäter und führt die Datei „Gewalttäter Sport“, die jüngst veröffentlicht wurde und einen Anstieg der Verletzten bei Fußballspielen in der Saison 2011/12 von 846 auf 1142 Personen auswies. Das Bündnis aktiver Fußballfans glaubt allerdings, dass „die meisten dieser Personen bei Polizei- und Ordnereinsätzen Schaden nahmen“ und wehrt sich: Das Bündnis spricht von „Hysterie der Polizeigewerkschaften und mancher Innenminister, die den Fußball als Problem Nummer eins entdeckt haben“. Damit solle davon abgelenkt werden, „dass Neonazi-Mörder unter Beobachtung des Verfassungsschutzes zehn Menschen umbrachten“, und nun keine Woche vergehe, ohne dass Akten über diesen Skandal „unerklärlicherweise zu Konfetti verarbeitet werden“.
Auf FR-Nachfrage sagte eine ZIS-Sprecherin, man wolle die in Bild aufgeschlüsselten Zahlen nicht kommentieren. Der Informationsstelle gehe es vielmehr darum herauszustellen, dass die Mehrheit der Fans friedlich sei − dass man aber die Vereine beim Umgang mit gewaltbereiten Fans mehr in die Pflicht nehmen müsse.
Diese Pflicht will Eintracht Frankfurt künftig sorgsam erfüllen. „All jene, die dauerhaft Regeln missachten“, warnt Vorstand Axel Hellmann, „verwirken ihr Recht auf Teilnahme an Spielen von Eintracht Frankfurt.“ Hellmann befürchtet: „Wenn wir als Eintracht Frankfurt es gemeinsam mit unserer Fanszene nicht hinbekommen, dass bei Regelverstößen Sanktionen folgen, dann werden es andere tun: Polizei, Verbände, Politik, Staatsanwaltschaften. Die Sanktionen werden dann härter sein.“ Bei der Mitgliederversammlung am 3. Dezember soll der Verzicht auf Gewalt, Diskriminierung und Pyrotechnik in die Vereinssatzung aufgenommen werden. „Das“, so Hellmann, „wäre ein klares Signal.“
Die Eintracht wies aber auch relativierend darauf hin, die „holzschnittartige Darstellung der Zahlen“ vernachlässige, „dass Eintracht Frankfurt die größte Zahl auswärtsfahrender Fans in Deutschland mitbringt und deshalb auch Vergehen in höherer Anzahl vorkommen“. Bei Heimspielen ist der Anteil registrierter gewaltbereiter oder gar gewaltsuchender Eintracht-Fans unter den Zuschauern höher als bei der Erstligakonkurrenz, aber nicht so hoch wie bei manchem Zweit- oder Drittligisten.
Der Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, Michael Gabriel, glaubt, die aktuelle Boulevardberichterstattung beeinflusse vor allem „die Wahrnehmung derjenigen, die nicht ins Stadion gehen“. Regelmäßige Besucher von Bundesligaspielen hätten einen ganz anderen Eindruck. Gabriel: „Viele meiner Kollegen beginnen darüber nachzudenken, ob derartige Berichte nicht von interessierter Seite gesteuert werden. Ohne die bestehende Problematik verharmlosen zu wollen, könnte man den Eindruck gewinnen, dass viele Politiker und Funktionäre der Polizeigewerkschaften noch nie in einem Fußballstadion waren.“
Stefan Minden, Leiter der Fan- und Förderabteilung der Eintracht, hält es für „keinen Zufall, dass diese Zahlen jetzt bekannt werden“. Er sieht die Veröffentlichung im Zusammenhang mit dem 12. Dezember. Dann soll das umstrittene DFL-Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ beschlossen werden. Minden glaubt, Hardliner wollten in der Sicherheitsdebatte mit den Zahlen Politik machen. Die Angaben, die die Eintracht betreffen, hält er für „viel zu hoch gegriffen“.
Eintracht Frankfurt ist für das Spitzenspiel am Samstag gegen Schalke 04 gerüstet. „Natürlich ist das ein Spitzenspiel, wenn der Zweite gegen den Dritten spielt. Es sind ja schon zwölf Spieltage absolviert“, sagte der Frankfurter Trainer Armin Veh.
Mark Kohlbecher, Sprecher im hessischen Innenministerium, bestätigt, dass 630 Eintracht-Fans den Kategorien B (gewaltbereit) und C (gewaltsuchend) zugerechnet werden. Die Zahl werde vor allem nach Einschätzungen von szenekundigen Beamten erhoben. Minden sagt: „Natürlich haben wir Fans, die auffällig werden.“ Tatsächlich habe es vergangene Saison aber nur beim Pokalspiel gegen Kaiserslautern ernstzunehmende Gewalttaten gegeben. Ansonsten beschränkten sich die Eintracht-Fans auf „vier oder fünf große Pyroshows im Jahr“. Beim Spiel in Nürnberg im September hatte es aber vor dem Stadion Ausschreitungen gegeben.
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