Eintracht Frankfurt
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07. Januar 2013

Eintracht Frankfurt Trainingslager: Alte Baustellen unter neuen Türmen

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Traumhafte Bedingungen: Frühsport auf dem Trainingsplatz des Emirates Palace. Foto: Heiko Rhode

Eintracht Frankfurt will in Abu Dhabi einige neue Wege gehen, wird aber von der Bundesliga-Realität eingeholt.

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Abu Dhabi –  

Heribert Bruchhagen deutet mit dem Kopf hinüber zu dem Luxustempel, diesem orientalischen Märchenschloss im Herzen des Wüstenstaats Abu Dhabi, dann zieht er die Achseln nach oben. „So etwas ist auch für mich neu“, sagt der Klubchef von Eintracht Frankfurt und nimmt die Zuhörer mit auf einen kurzen Trip in die Vergangenheit. Damals, 1992, sei er als Manager des Hamburger SV mit dem Trainer Benno Möhlmann ins Trainingslager ins dänische Vejle gefahren, alles war sehr spartanisch, ursprünglich. „Das war eine bessere Jugendherberge“, erzählt Bruchhagen. „Das da“, hebt er an und deutet wieder hinüber auf das Emirates Palace, „das ist das andere Extrem.“

Von der zweiten Liga ins Königshaus

Drei Milliarden Euro hat der Bau des Prestigeobjekts verschlungen, das Nobel-Hotel ist das Nonplusultra in Abu Dhabi, eine Sehenswürdigkeit. Eine Residenz dieser (Sterne-)Kategorie ist für einen Klub wie die Eintracht nicht selbstverständlich, natürlich stellt sich da zwangsläufig die Frage, ob „die jetzt durchdrehen“, wie Bruchhagen selbst einwirft. Vor einem halben Jahr noch in der zweiten Liga – jetzt im Königshaus. „Diese Diskussion haben wir intern auch geführt“, betont der Vorstandsvorsitzende. Doch man habe sich dennoch für Abu Dhabi und das Palace entschieden. „Der Charakter unserer Spieler ist so geartet, dass sie das alles genau einzuschätzen wissen. Sie sollen das hier als Highlight mitnehmen.“ Entscheidend seien nicht der Luxus und die Annehmlichkeiten, sondern die perfekten Bedingungen. „Es gibt für Wintertrainingslager nur zwei Kriterien: Klima und Rasen.“ Beides könnte besser nicht sein.

In der Kostenfalle gefangen

Die Eintracht ist auch deshalb an den Persischen Golf geflogen, um ein bisschen was fürs Image zu tun, um wichtige Kontakte zu pflegen. Frankfurt ist ein Begriff in der Arabischen Welt, und einige einflussreiche Scheichs haben sehr wohl registriert, dass die Eintracht in der Bundesliga vorne mitmischt und genauso viele Punkte ergattert hat wie Borussia Dortmund, der deutsche Meister, der den Abu-Dhabi-Klub Manchester City aus der Champions League gekegelt hat. Zudem haben die Eintracht-Verantwortlichen „offizielle Termine mit zwei Frankfurter Unternehmen“, berichtet Bruchhagen. Aber es solle nur keiner annehmen, die Eintracht werde fern der Heimat en passant einen neuen Hauptsponsor an Land ziehen. „Das ist nicht realistisch.“ Und neue Märkte erschließen, wie es so schön heißt? Bruchhagen zeigt auf die verspiegelten Türme, die auf der anderen Straßenseite des Trainingsplatzes in die Höhe ragen. „Diese Märkte hier spielen in einer anderen Liga. Es wäre besser, wenn wir unsere Märkte zu Hause erst einmal erschließen würden. Wir haben ja auch solche Türme.“

Die Eintracht, das hat sich herumgesprochen, ist in einer gewissen Kostenfalle gefangen. Auf der einen Seite drücken die Abgaben an die Stadt und den Vermarkter, auf der anderen Seite ist die Einnahmenseite so gut wie ausgereizt. Da sind neue Wege gefragt. Der Klub, glaubt der Vorstandschef, werde seinen Personaletat in der neuen Saison sicherlich um vier Millionen auf rund 30 Millionen Euro anheben können, „aber ich kann ja nichts dafür, dass es sechs Vereine gibt, die 100 oder mehr Millionen haben“. Gerade deshalb, und da bleibt Bruchhagen bei seiner Theorie der Zementierung, sei es eine „Tragik der Bundesliga“, dass ein Spieler, der etwa von Gladbach nach Dortmund wechselt, sein Grundgehalt von 35000 auf 175000 Euro aufbessern kann. „Die Realität ist grausam in der Bundesliga.“ Für den erfahrenen Funktionär stellt sich daher nun die Frage, ob die Eintracht „vom Markt eingeholt wird“ oder ob es ihr gelingt, sich mit Überzeugung, Fleiß und Finesse aus dieser Spirale zu befreien.

Auszeichnungen "eine einzige Katastrophe"

Bruchhagen ist in diesem Zusammenhang auch gar nicht froh darüber, dass die herausragenden Leistungen der Eintracht-Profis honoriert wurden und sie etwa in der Kicker-Rangliste so weit vorne liegen und abgesahnt haben. „Für uns ist das eine einzige Katastrophe.“ Auszeichnungen wecken Begehrlichkeiten bei anderen, und sich dieser zu erwehren, ist für den hessischen Bundesligisten enorm schwer. Das sieht man an den beiden Frankfurter Rohdiamanten Sebastian Rode und Sebastian Jung, deren Vertragsverlängerungen im vergangenen Sommer nur als Formsache galten. Nun ist man davon weit entfernt. Bruchhagen klingt nicht sonderlich optimistisch, wenn er über eine Verlängerung der Arbeitspapiere spricht. „Ich kann die Grammatik der Aussagen der Berater lesen – da müssen die Spieler gar nichts sagen“, befindet er. Auch die Aussagen der Spieler in den vergangenen Monaten kann man als Rückzugsrhetorik werten. Bruchhagen denkt manchmal an das persönliche Gespräch mit Sebastian Rode im Sommer zurück, er schwärmt von einem „lieben, braven, anständigen Jungen“. Das sei er immer noch, „aber er hat auch einen Berater, der seine eigenen Vorstellungen entwickelt.“ Bruchhagen setzt bei den beiden gebürtigen Hessen ein Stück weit auf die Karte Identifikation. „Es gibt ja auch noch eine emotionale Bindung.“ Womöglich könne die Eintracht über diese Schiene punkten. Zumal: „Auch wir zahlen ja gutes Geld.“

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Rode und Jung sind wichtige Mosaiksteine im Eintracht-Gebilde. Deshalb wäre ein Abgang so schmerzhaft für den Verein. Bruchhagen weiß, dass die Eintracht mit dieser Mannschaft, so sie denn in dieser Konstellation zusammenbleiben sollte und gezielt auf zwei, drei Positionen verstärkt würde, eine gute Perspektive hätte, in der Bundesliga auch mittelfristig vorne mitzuspielen. Denn die bisherigen Auftritte waren kein Zufall. Der Klubchef hat sich daher auch erstmals etwas weiter aus dem Fenster gelehnt und liebäugelt mit einer Teilnahme am europäischen Wettbewerb. „Was soll ich denn anderes sagen?“ Die Eintracht hat sich mit ihrem rasanten Offensivfußball 30 Zähler aufs Konto gespielt, und in den vergangen Jahren hätten am Ende 52, 53 Punkte ausgereicht, um am Ende einen Europapokalplatz zu belegen. „Warum“, fragt Bruchhagen also, „sollten wir nicht 24 Punkte in der Rückrunde holen?“ Die größte Frage lautet für den 64-Jährigen, wie sich die Mannschaft befreit, wenn der Gegner ihr Spiel unterbindet. „Es wird darauf ankommen, inwieweit wir Lösungen haben, wenn sich der Gegner besser auf uns einstellt.“ Bange ist ihm da nicht: „Armin Veh wird das schon richten.“ Noch so ein Überflieger, der im Kicker abgefeiert wurde.

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