Die Parallelen zum letzten Auftritt des VfB Stuttgart im Frankfurter Stadion sind frappierend, fast schon alarmierend. Und man kann sich aus Frankfurter Sicht nur wünschen, dass die Eintracht aus der Geschichte lernt: Das letzte Aufeinandertreffen der beiden Teams war am 27. Februar 2011, ein Sonntag, beide Teams waren nicht gerade auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Die Eintracht taumelte in Richtung Tabellenkeller. Es war die Saison und die Zeit, in der der beispiellose Abstieg fiel.
Die "Rückrunde der Schande"
Später sollte Präsident Peter Fischer von einer „Rückrunde der Schande“ sprechen, an jenem 27. Februar vor ziemlich genau zwei Jahren aber waren die Hessen noch leidlich zuversichtlich. Okay, seit sechs Spielen hatten sie keinen eigenen Treffer mehr erzielt bei 0:11 Toren, sie hatten gegen Hannover verloren und Nürnberg und gegen alle, die sie eigentlich auf ihrem Weg in den Europapokal noch überholen wollten. Aber irgendwann, so hieß es, müsse der Bock doch umgestoßen werden. Wenn nicht gegen den krisengeschüttelten VfB Stuttgart, wann sonst? Die Stuttgarter waren 17., schwebten in großer Abstiegsnot – selbst wenn der VfB ein Frankfurter Angstgegner ist und der letzte Heimsieg gegen die Schwaben am 19. Mai 2001 gefeiert wurde. Und zum Feiern war seinerzeit niemand zumute. Der 2:1-Sieg am letzten Spieltag war völlig belanglos, weil die Eintracht schon abgestiegen, der VfB unter Felix Magath nach langem Abstiegskampf schon gerettet war.
Der ideale Aufbaugegner
Auch die Wortwahl von damals klang so wie heute, derzeit sprechen sie in Frankfurt von „einer Phase, die es mal so gibt“. Der VfB schien seinerzeit ein prima Aufbaugegner, er war Vorletzter. Es gab Verstimmungen im Team, der Trainer Bruno Labbadia schien nicht mehr allzu fest im Sattel zu sitzen, er griff schon zu Alibi-Maßnahmen und wechselte in der Woche vor dem Spiel den Torwart: Sven Ulreich, ein sehr talentierter Ballfänger, musste auf die Bank, Marc Ziegler kam ins Tor, doch der Altmeister verletzte sich drei Tage vor dem Frankfurter Gastspiel in einem Europapokalspiel gegen Benfica Lissabon am Kopf. In Frankfurt stand Ulreich wieder unter der Latte. Auch in dieser Woche ist der VfB international unterwegs, am Donnerstag spielt er in der Europa League gegen Lazio Rom. Noch so eine Parallele…
Freude vs Frust: Der VfB Stuttgart feiert nach dem Schlusspfiff den 2:1-Sieg gegen Eintracht Frankfurt.
Foto: Bongarts/Getty ImagesDie Partie selbst war an Einseitigkeit kaum zu überbieten. Es spielte nur eine Mannschaft, nämlich Eintracht Frankfurt, die ein wirklich gutes Spiel machte. Ein paar Zahlen: Die Hessen hatten 61 Prozent Ballbesitz, sie schossen insgesamt 30-Mal aufs Tor, sie löffelten 21 Flanken in den Strafraum – und sie spielten 75 Minuten in Überzahl: Nach einer Viertelstunde war Maik Franz „unabsichtlich“, wie er sagte, dem Verteidiger Matthieu Delpierre auf den Fuß getreten, der hatte sich gewehrt und Schiedsrichter Wolfgang Stark stellte ihn vom Platz.
Munteres Scheibenschießen
Und trotzdem packte es die Eintracht nicht, ein Tor zu schießen. Denn im Stuttgarter Tor stand dieser Tausendsassa Sven Ulreich, der gehalten hat „wie ein junger Gott“ (Franz): Es war fast schon absurd, welche Chanen die Frankfurter ausließen, jeder durfte mal schießen, keiner traf, immer war noch ein Bein dazwischen, der Pfosten, oder Ulreich hielt. Es gab Chancen im Minutentakt, zwei Dutzend sicherlich. Natürlich traf auch Theofanis Gekas nicht, der kurz vor dem Stuttgarter Doppelschlag durch Martin Harnik (64.) und Tamas Hajnal (68.) allein vor dem Tor nur den Innenpfosten traf. „Ich bin sprachlos“, sagte hinterher Ioannis Amanatidis, der nun selten auf den Mund gefallen ist. „Ich bin ein bisschen fassungslos.“
Während Sven Ulreich, damals 22 Jahre, das Spiel seines Lebens machte, patzte auf der anderen Seite der Frankfurter Schlussmann Ralf Fährmann zweimal amateurhaft. Aber selbst danach, selbst nach dem 0:2, hatte die Eintracht genug beste Möglichkeiten, die Partie noch einmal zu drehen. „Wir hätten noch Stunden spielen können und hätten kein Tor geschossen“, sagte Pirmin Schwegler resigniert.
Ticket für die zweite Liga
Diese Niederlage war mitentscheidend für den Abstieg 2011. Die Stuttgarter berappelten sich nach dem glücklichsten Sieg seit ewigen Zeiten, die Eintracht taumelte weiter Richtung Keller. Dennoch sprach der unverdrossen Optimismus versprühende Trainer Michael Skibbe nach der Schlappe von einem "leidenschaftlichen, guten Spiel" und davon, dass die "Moral der Mannschaft intakt" sei.
Marco Russ, der damals noch verteidigte, redete nach der Partie allerdings Klartext: „Wenn wir so weiter spielen, können wir uns gleich ein Bahnticket für die zweite Liga holen.“ Der Mann sollte Recht behalten.
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