Heribert Bruchhagen erinnert sich noch sehr gut an seine aktive Karriere zwischen 1969 und 1978 beim Zweit- und Oberligisten DJK Gütersloh. Der Eintracht-Boss galt seinerzeit als durchaus gewitzter Offensivspieler, der sich darauf verstand, Elfmeter zu schinden. „Ich war extrem schnell, einmal, gegen den VfL Osnabrück, habe ich in einem Spiel sogar zwei Elfmeter herausgeholt.“ Nicht durch Schwalben, sondern mit Cleverness. Die hätte er auch von Takashi Inui gern beobachtet: „Ich hätte aus den Augenwinkeln gesehen, dass der Abwehrspieler da wie ein Schienenfahrzeug angerauscht kommt.“
Zu grün hinter den Ohren
Eine Szene wie die zwischen Havard Nordtveit und Inui „haben wir in der Bundesliga seit Jahren nicht gesehen“, dass nämlich „ein Stürmer verhindern will, dass es Strafstoß für seine Mannschaft gibt“. Fair Play sei ja gut und schön, es habe aber in dieser Situation im Grunde „das Recht auf Elfmeter wegen der Dummheit des Abwehrspielers“ gegeben. Alle im Stadion hatten gesehen, wie Inui in höchstem Tempo nach einem feinen Solo durch den Strafraum den Ball einen Tick weit vorgelegt hatte, der Fuß des Gladbachers kam klar zu spät, er traf den Japaner. Es war ein astreines Foul, selbst oben auf der Haupttribüne deutlich zu erkennen, Schiedsrichter Deniz Aytekin hätte diesen Strafstoß pfeifen müssen.
Urgestein Karl-Heinz Körbel konnte es nicht fassen: „Der Abwehrspieler kommt doch schon so, batsch“ − Körbel, einst Innenverteidiger, fuhrt die Arme auseinander und wieder zusammen wie eine Schere und schüttelte dann nur noch stumm den Kopf. Doch Inui ignorierte den Tritt, er sprang hoch, ließ sich eben nicht treten (und dann fallen) und schoss die Kugel aus spitzem Winkel an den Fuß von Gladbachs Torhüter Marc-André ter Stegen.
„Dadurch, dass Inui hochgesprungen ist, hat er Zeit verloren und ist in eine schlechtere Position geraten. Aber wenn er nicht zu Boden geht, muss er ihn machen“, sagte Trainer Armin Veh und er ergänzte kopfschüttelnd: „Klarer geht es doch nicht, da fällt mir nichts mehr ein − eine einmalige Geschichte, wie er zwei Meter hochspringt. Da könnte er die Fair-Play-Medaille bekommen. Ich wäre da zu meiner aktiven Zeit ganz schnell hingefallen.“
Takashi Inui verstand hinterher die ganze Aufregung nicht so ganz. Er fand, dass es gar kein Foul war, deshalb habe er keinerlei Veranlassung gesehen, sich fallen zu lassen. Womöglich wollte er auf gar keinen Fall riskieren, sich wegen einer Schwalbe eine Gelbe Karte einzuhandeln − es wäre seine fünfte gewesen. „Er ist nicht abgezockt“, sagte Veh, „Er ist zu grün hinter den Ohren.“ Aber wirklich böse konnte er seinem kleinen Dribbler nicht sein. Er ist auch sonst keiner, der sich fallen lässt. Veh mag die Mentalität der Japaner, das hat er oft genug gesagt.
Ohnehin war Inui einer der ganz wenigen Aktivposten. Er immerhin hatte eine Reihe von Möglichkeiten, die beste drei Minuten nach der Pause nach Pass von Alex Meier , da schoss er die Kugel über das Tor. Vier Torschüsse hatte der 25-Jährige, dreimal legte er den Kameraden auf, er hatte 65 Ballkontakte, 76 Prozent seiner Pässe kamen an. Dazu war er viel unterwegs, im zweiten Abschnitt gar als Stürmer. „Bei uns war viel Bewegung drin, obwohl noch nicht mal ein nomineller Stürmer auf dem Platz war“, sagte Kapitän Schwegler. Inui kann das für sich als Lob nehmen, er war zudem der einzige, von dem so etwas wie Torgefahr ausging.
Terrier Sebastian Rode haderte ebenfalls: „Wenn ich an Inui denke, wenn er sich da fallen lässt, dann spielen wir hier Unentschieden. Es ist ja ehrenwert, dass er da stehen bleibt, aber er wird ja getroffen, da hätte sich niemand beschweren können, wenn er gefallen wäre.“ Vielleicht, sagte Schwegler, „sind wir da zu brav.“ Die ganze Mannschaft? „Ja, kann man so sagen.“ (jcm./kil.)
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