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19 Punkte: Glücklich im Niemandsland

Die Frankfurter Eintracht verliert mal wieder in der Fremde, macht aber das Beste aus einer kniffligen Situation. Klubchef Bruchhagen: "Funkel ist unsere Lokomotive".

Dicke Luft im Frankfurter Strafraum.
Dicke Luft im Frankfurter Strafraum.
Foto: ap

Den herrlichen gestrigen Wintertag nutzten Heribert Bruchhagen und seine Ehefrau Angelika zu einem Spaziergang. Am sonnenüberfluteten Mainufer ließ sich mal für ein, zwei Stündchen wunderbar abschalten vom ewigen Fußball-Geschäft. Am Abend war der Vorstandschef der Frankfurter Eintracht schon wieder in Schlips und Kragen in offizieller Mission unterwegs, die Weihnachtsfeier stand auf dem Terminplan.

Im Palazzo ließ Eintracht Frankfurt das Jahr 2008 ausklingen. Der Ärger über die unnötige, aber gleichsam verdiente 0:1-Niederlage in Hamburg war da längst verflogen. Die Eintracht bleibt bei 19 Punkten stehen, das sind vier weniger als vor Jahresfrist - und doch ist die Leistung in dieser Saison womöglich höher einzuschätzen als in der vergangenen Runde. Denn es ging so ziemlich alles schief, was schief gehen konnte.

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Der Frankfurter Klub musste einen kapitalen Fehlstart und eine beispiellose Verletzungsmisere meistern. Bruchhagen sprach sogar davon, dass die Eintracht "personell ausgeblutet" sei. "Welche Mannschaft schafft es denn, sich aus solch einer prekären Situation so zu befreien, wie wir es geschafft haben?", fragt er rhetorisch. Zur Erinnerung: Vor dem KSC-Spiel am 22. Oktober war die Eintracht ganz unten, auf Rang 18, angekommen. Trainer Friedhelm Funkel sah sich nun sogar veranlasst, eine Laudatio auf das verbliebene Häuflein Aufrechter zu halten: "Diese Mannschaft ist einfach nur gut. Man kann sie gar nicht hoch genug loben", sagte der 55-Jährige. Und Funkel, einmal in Fahrt, jubilierte ungeniert weiter: "Die Mannschaft hat sich am eigenen Schopf aus der Situation befreit. Was sie erreicht hat, ist fantastisch."

In der Tat war vor einigen Wochen nicht abzusehen, dass die Hessen zum Jahreswechsel einen gesicherten Mittelfeldplatz belegen werden. Und mit dem Abstieg, prophezeite Funkel, werde die Eintracht auch anno 2009 nichts zu tun haben: "Wir werden mit Sicherheit nicht absteigen, das ist Fakt." Liegt das an der eigenen Stärke? Oder der Schwäche der anderen? Funkel war für die knifflige Aufgabe prädestiniert. Er versteht es wie kaum ein anderer, Kräfte zu bündeln, den Blick aufs Wesentlich zu richten und aus wenig das Optimum herauszuholen. Mit Funkel, die These sei gewagt, wird sich Eintracht Frankfurt etablieren in der Liga. Allerdings wohl eher auf mittlerem Niveau.

Liegt das tatsächlich an den zementierten Kräfteverhältnissen in der Liga oder müsste die Eintracht mit ihren unzweifelhaft vorhandenen Standortvorteilen nicht alle Anstrengungen unternehmen, in die Phalanx der Großen einzubrechen? Das ist leichter gefordert als umgesetzt, und dazu gehört auch eine intelligente, pfiffige und weitsichtige Einkaufspolitik. Denn an gute und gestandene Profis kommt die Eintracht nicht heran, es reicht nicht einmal für Bankdrücker wie Boubacar Sanogo (Bremen) oder Theofanis Gekas (Leverkusen). "Sie verdienen zu viel Geld, sie würden mehr verdienen als unser Spitzenverdiener", sagt Bruchhagen. So läuft es auf eine kleine Lösung hinaus. Der Eintracht möchte am liebsten einen Stürmer ausleihen, um dessen Tauglichkeit erst einmal zu überprüfen. "Die Geschichte Caio muss uns sensibel machen", betont Bruchhagen. Dem umstrittenen Brasilianer traut nicht mal mehr der Eintracht-Boss "den ganz großen Durchbruch" zu, "aber er kann uns in bestimmten Situationen helfen." Das war mal anders geplant.

In einer anderen Personalie positioniert sich Bruchhagen hingegen glasklar. "Dass wir uns so befreien konnten, zeigt in hohem Maß die Qualität unseres Trainer." Es sei einzig und allein Funkels Verdienst, dass sich die Eintracht in der Bundesliga etabliert und sich bislang aus allen gefährlichen Lagen befreien konnte: "Funkel ist unsere Lokomotive, er ist nicht sprunghaft, er hat diese stoische Ruhe, er ist glaubwürdig. Die Spieler zweifeln keine Sekunde an ihm", sagte Bruchhagen.

Da wäre es ja ein leichtes, den am Saisonende auslaufenden Vertrag mit dem Fußballlehrer vorzeitig um ein Jahr zu verlängern. Bruchhagen scheint dazu zu tendieren. Zu gegebenem Zeitpunkt werde er sich mit dem Trainer zusammensetzen, in der Vergangenheit war das stets im Wintertrainingslager in Portugal der Fall. Davon ist auch dieses Mal auszugehen, selbst wenn er sagt: "Ich bin nicht allein auf der Welt." Im Aufsichtsrat, das ist bekannt, sitzen nicht nur Freunde des Trainers.

Bruchhagen lässt das unbeeindruckt. Er diskutiere mit allen Funktionären und höre sich alle Meinungen an, "aber der Vorstand trifft die Entscheidung. Niemand sonst." Und der Aufsichtsrat habe in fünf Jahren noch nie ins operative Geschäft "reingeredet oder eingegriffen - andernfalls würde ich am gleichen Tag aufhören". Bruchhagen kann eh nicht nachvollziehen, dass im Umfeld Kritik am Trainer keimte. "Funkel muss keine Bittstellerhaltung einnehmen, er muss eigentlich Forderungen stellen." Wenn Funkel nicht mehr Trainer der Eintracht wäre, "wäre er nicht eine Woche arbeitslos."

Am Samstag gab es noch mal den typischen Funkel. "Ich bin stolz, wie wir aufgetreten sind, fantastisch, wie sich die Mannschaft aus der Affäre gezogen hat", sagte er arg euphemistisch. Es sei daran erinnert: Die Eintracht verlor gegen einen schwachen HSV und kam fünf Minuten vor Schluss durch Martin Fenin das erste und einzige Mal gefährlich vors Tor. Mit ein bisschen mehr Mut hätte das Jahr 2008 vielleicht "einen wunderbaren Abschluss" (Bruchhagen) gefunden.

Autor:  INGO DURSTEWITZ UND THOMAS KILCHENSTEIN
Datum:  14 | 12 | 2008
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