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Eintracht dominiert FC Bayern: Später Lohn für frühen Mut

Die Eintracht zeigt sich beim Heimsieg gegen den FC Bayern furchtlos und spielerisch überlegen. Dabei war Klubchef Bruchhagen schon auf dem Weg in die Katakomben. Von T. Kilchenstein und I. Durstewitz

Martin Fenin.
Martin Fenin.
Foto: dpa

Den Anfang vom guten Schluss hatte der Frankfurter Klubchef gar nicht mitbekommen. Als der kurz zuvor erstmals in dieser Saison eingewechselte Juhvel Tsoumou, außerhalb Frankfurts eher auf den Plätzen der vierthöchsten Spielklasse bekannt, die Kugel drei Minuten vor Ultimo irgendwie im Bayern-Netz untergebracht hatte, war Heribert Bruchhagen schon auf dem Weg zur versammelten Journaille, die einer Spielanalyse des Vorstandsvorsitzenden harrte.

Bruchhagen hatte sich schon ein paar Worte zurecht gelegt, um eine höchst überflüssige und zutiefst ungerechte 0:1-Niederlage gegen den FC Bayern zu erklären. Der Mann ist dann, nach dem kollektiven Torschrei, zurück auf seinen gepolsterten Sitz geeilt und hat, nur 104 Sekunden später, auch noch den Siegtreffer (Martin Fenin, 89.) erleben dürfen. Sogar live. "Das Spiel", diktierte er den Journalisten mit leichter Verzögerung, aber zufrieden in die Blöcke, "war hochgradig erfreulich."

Wenn ein Spiel je gerecht ausgegangen war, dann dieses. Es war ein über die Maßen verdienter Frankfurter Sieg, darüber gab es später keine zwei Meinungen. Selbst der bisweilen seltsam daher kommende Trainer des FC Bayern München, Louis van Gaal, räumte dies ein: "Man kann sagen, es ist verdient, aber wir haben das auch weggegeben. Das ist schade." Die Statistik untermauerte den starken Auftritt der Gastgeber: Frankfurt 14 Torschüsse, München sechs, Frankfurt 20 Flanken, München eine.

Tatsächlich hatten die Bayern nach dem sehr frühen 1:0 (Miroslav Klose, 6.) das Fußballspielen eingestellt. Sie verwalteten die Partie nur, taten nichts mehr nach vorne, blieben fast die gesamte Spielzeit seltsam passiv, phlegmatisch. Ernst nahmen sie die Frankfurter nicht. Prompt ereilte den Branchenführer die erste Niederlage nach 19 erfolgreichen Spielen. Die Münchner waren eine einzige Enttäuschung, einzig Arjen Robben versprühte so etwas wie Torgefahr. Ohne ihn hätten in den weißen Bayern-Trikots auch Spieler von, sagen wir, dem VfL Bochum, stecken können.

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Das mag auch an dem sehr couragierten Spiel der Frankfurter gelegen haben, die den Tabellenführer niemals in Ruhe ließen, ständig attackierten und am oberen Limit spielten. Die Eintracht, und das war bemerkenswert, dominierte die Bayern mit spielerischen Mitteln. Dazu ging die gewagte, furchtlose Taktik von Trainer Michael Skibbe auf. Entgegen den Erwartungen ließ er den Defensiven Ricardo Clark erneut auf der Bank, brachte statt seiner die Offensiven Caio und Marcel Heller, der in dieser Runde bislang exakt sieben Minuten zum Einsatz kam und am Ende dieser Saison wohl gehen muss. "Ich wollte ein Signal ausgeben, ich wollte nach vorne spielen", sagte Skibbe hinterher und freute sich auch darüber, dass "wir uns dieses Mal nicht ins Hemd gemacht haben".

Das Signal kam an, die Eintracht marschierte mutig nach vorn. Natürlich ist es Glück, wenn in den letzten 180 Sekunden die entscheidenden Tore fallen, aber es war deshalb kein glücklicher Sieg. Denn: Die Eintracht war die klar bessere Mannschaft, spielerisch, kämpferisch und auch taktisch. Die Bayern hätten zwar nicht "fünf, sechs Stück" kassieren müssen, wie der mal wieder überragende Chris sagte, aber schon zur Halbzeit hätten die Gastgeber in Führung liegen müssen. Sie lagen aber 0:1 zurück: Köhler, Caio, Altintop, Schwegler, Meier, Jung - sie alle hatten beste Möglichkeiten, ein Tor zu erzielen, scheiterten aber entweder an Butt, an einem Bayern-Bein auf der Linie oder schossen vorbei.

Als Schlüssel zum Erfolg erwies sich die rechte Frankfurter Angriffsseite. Da wirbelten die bislang in der Bundesliga noch nicht sonderlich auffällig gewordenen Sebastian Jung und Marcel Heller. Dabei war dieses belebende Moment aus purer Not geboren, weil Maik Franz und Patrick Ochs gesperrt zusehen mussten. Doch Jung, den Skibbe eigens hervorhob ("Er war herausragend"), und eben Heller machten ihre Sache auf dem Flügel richtig gut. (Siehe nebenstehenden Bericht). "Heute hat man gesehen, was sich mit Mut und Schnelligkeit alles erreichen lässt", lobte Skibbe. Dass die Hessen vornehmlich über ihre rechte Seite kamen, war kühl kalkuliert. Man habe gewusst, dass die Bayern dort mit David Alaba und Danijel Pranjic am verwundbarsten seien, so der Coach. "Wir wollten den Schnelligkeitsvorteil über rechts nutzen", sagte Skibbe. Ein Konzept, das aufging.

Zumal Sebastian Jung geradezu über sich hinauswuchs. 19 Jahre ist der gelernte Bäckergeselle alt, 15 Bundesligaspiele hat er auf dem Buckel, doch er spielte wie ein Alter. Hinten ließ er gegen Nationalspieler Thomas Müller nichts anbrennen, dazu flitzte er, wann immer sich die Gelegenheit bot, nach vorn.

"Es ist natürlich total schön, wenn man gegen die Bayern gewinnt und auch noch so total verdient", war Skibbe hinterher "mächtig zufrieden" mit dem Spiel. Für ihn war es auch ein ganz besonderes Erlebnis, denn solange er als Trainer arbeitet, war ihm noch nie ein Sieg über die Bayern gelungen. "Es war eines unserer besten Spiele", sagte der Fußball-Lehrer. Aber selbst, wenn Eintracht Frankfurt die Partie nicht in den letzten drei Minuten gedreht hätte, wäre Skibbe nicht enttäuscht gewesen. "Auch da hätten wir erhobenen Hauptes nach Hause gehen können."

Für ihre tadellose Leistung wurden die Frankfurter vom Coach prompt belohnt - mit einem freien Tag. Erst heute um 16 Uhr bittet Skibbe wieder zur Ballarbeit. Im nächsten Spiel wartet übrigens der VfL Bochum, graue Maus, Abstiegsgefahr. Früher hätte man darauf wetten können, dass die Hessen so ein Spiel nach einem Sieg gegen den FC Bayern in den Sand setzen.

Autor:  Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz
Datum:  22 | 3 | 2010
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