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Eintracht Frankfurt: Skibbe attackiert alle

Nach der peinlichen 0:4-Schlappe in Leverkusen setzt Michael Skibbe zu einem Rundumschlag an: "Wir müssen uns in den nächsten ein bis eineinhalb Jahren völlig anders aufstellen, um konkurrenzfähig zu sein." Von Thomas Kilchenstein

Eintrach-Trainer Michael Skibbe auf der Bank im Spiel gegen Bayer Leverkusen.
Eintrach-Trainer Michael Skibbe auf der Bank im Spiel gegen Bayer Leverkusen.
Foto: rtr

So aufgebracht und kühl-wütend hat man den Frankfurter Trainer Michael Skibbe bei der Eintracht noch nie erlebt. Kaum war die im höchsten Maße "lächerliche, einfach nur noch peinliche" (Pirmin Schwegler) Vorführung von Leverkusen abgepfiffen und die ersten Kameras angeknipst, da brach es aus dem 44 Jahre alten Fußball-Lehrer heraus: "Wir hatten Angst vor der eigenen Courage", wetterte er, "Wir müssen uns bei Eintracht Frankfurt in den nächsten ein bis eineinhalb Jahren völlig anders aufstellen, um konkurrenzfähig zu sein."

Später bei der offiziellen Pressekonferenz legte der Coach, erst seit Sommer im Amt, noch einmal richtig nach: "Wenn es so weitergeht mit Eintracht Frankfurt, dann werden wir zwar nicht durchgereicht, aber wir werden schwächer und schwächer und schwächer. Der ganze Verein ist jetzt aufgerufen, die Sachen besser zu machen. Wir müssen" - und jetzt wurde Skibbe richtig lautstark - "alle Vollgas geben in allen Bereichen, jeder muss volle Pulle Vollgas geben. Wichtig ist, dass wir Konkurrenzfähigkeit anstreben." Er, Skibbe, fasse sich da auch an die eigene Nase, "ich nehme aber auch jede Nase mit, die mir auf dem Weg hilft, uns zu verbessern." Und schließlich sagte er: "Eintracht Frankfurt muss sich verändern, um konkurrenzfähig zu bleiben."

Michael Skibbe wollte auch auf Nachfrage nicht konkreter werden. "Das sind Dinge, die im Verein intern abzulaufen haben", sagte er. Aber es ist kein Geheimnis, dass Skibbe mit vielen Dingen im Klub nicht einverstanden ist. Mit Dingen, die sich im Laufe der Zeit eingefahren haben. Er will diese verkrusteten Strukturen aufbrechen. Ohne Namen zu nennen, ist ihm ganz offenbar, unter vielen, die Scouting-Abteilung ein Dorn im Auge. "Nicht alles, was wir tun, muss auch gleich viel Geld kosten", sagte Skibbe auf das Argument, der Klub verfüge nicht über den notwendigen finanziellen Rahmen, auf dem Transfermarkt tätig zu werden - es sei denn, Spieler würden den Klub verlassen.

Skibbe nannte als Beispiel den Spieler Pirmin Schwegler. Den hat er - für 600.000 Euro - von Leverkusen nach Frankfurt geholt, ein Volltreffer, wie sich auch in diesem Spiel am Freitag wieder zeigte: "Wir haben eine Qualität, wir haben einige Spieler, die mitspielen können, wie Pirmin Schwegler. Wenn der heute im Bayer-Trikot gespielt hätte, wäre er nicht abgefallen." Solche Transfers, die wenig kosten, aber viel bringen, seien also möglich. "Doch dafür muss Manpower da sein. Man muss diese Spieler erkennen, sehen, scouten. Wir wissen, dass wir Dinge aufzuholen haben. Wir müssen bei unseren Spielern auf ein besseres Niveau kommen." Und diese Veränderung sei möglich, man müsse es nur anpacken. Ihm, Skibbe, sei es zu einfach, "nur immer die Spieler zu attackieren".

Leverkusen - Eintracht 4:0

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Das grundlegende Probleme bei Eintracht Frankfurt sei nicht, dass Ioannis Amanatidis, Patrick Ochs oder Chris fehlten. Die Spieler würden im Rahmen ihrer Möglichkeiten noch das Beste aus sich machen: Der Klub müsse endlich aufwachen, müsse endlich die Zeichen der Zeit erkennen, müsse moderner, offener werden. Müsse endlich aufwachen. Vieles empfindet Skibbe bei den Hessen als eingefahren, als starr und zementiert. "Wir müssen anpacken und besser werden. Wenn wir den Status Quo noch ein Jahr halten oder verwalten wollen, wird es immer schwieriger und schwieriger."

Frontalangriff auf Bruchhagen

Mit diesen Forderungen, die nicht aus Frust über die 0:4-Niederlage resultieren, sondern die er schon eine Weile mit sich herumträgt, geht der Cheftrainer frontal den Klubchef Heribert Bruchhagen an. Den Vorstandsvorsitzenden hat Skibbe als Bremser, als zu konservativen Mahner ausgemacht, der nur noch die Gegenwart verwalte und das (finanzielle) Risiko in der Zukunft scheue. Die Eintracht habe sich gemütlich eingerichtet in ihrer mausgrauen Nische. Zu mehr - als sich in der Bundesliga etabliert zu haben - fehle Phantasie, Mut und, ja auch, Know-how, findet Skibbe.

Der Trainer hat damit zum dritten Mal Bruchhagen vor das Schienbein getreten - zuvor schon beim gescheiterten Transfer von Lincoln, den er als "großen Fehler des Klubs" bezeichnet hatte. Dann hatte er seinem Vorgesetzten Bruchhagen geraten, sich mit öffentlicher Kritik zurückzuhalten. Bruchhagen dürfte über den neuerlichen Vorstoß seines Angestellten alles andere als erfreut sein. Skibbe sagt: "Wir stehen im ständigen Kontakt." Bruchhagen sagte am Samstag der FR: "Diese Aussagen von Michael sind seiner maßlosen Enttäuschung nach dem Spiel geschuldet. Wir arbeiten doch seit sechs Jahren beharrlich an dem gleichen Ziel: Die Eintracht besser zu machen. Und wir sind im Vorstand selbstbewusst genug zu wissen, dass wir das schon richtig machen. Wir müssen uns dafür nicht rechtfertigen."

Bleibt die Frage: Was hat Michael Skibbe eigentlich erwartet bei seinem Antritt? Einen vor Selbstvertrauen strotzenden Klub voller innovativer Ideen, dem nur der Mut zur Realisation fehlt? Skibbe hatte wohl völlig andere Vorstellungen davon, wie das ist, wenn man einen Mittelklasse-Klub trainiert, der in der Regel gegen die Großen der Branche verliert und die Kleinen schlägt. Und macht er es sich nicht auch ein wenig zu einfach, nach neuen Spielern, nach Veränderungen zu rufen, wenn es nicht läuft?

Der Trainer ist auch immer verantwortlich für die Einstellung der Mannschaft - und wenn eine Mannschaft binnen zehn Tagen zweimal - im Pokal gegen die Bayern, gestern gegen Bayer, jeweils 0:4 - binnen kürzester Zeit quasi auseinanderfällt, muss sich auch der Coach kritische Fragen gefallen lassen. Oder provoziert Michael Skibbe gar seinen Rausschmiss? Das ist eher unwahrscheinlich. Michael Skibbe spürt aber, dass es mit dem Schmusekurs der letzten Wochen so nicht weitergeht. Er ist in der Halbzeitkabine bei seinen Spielern laut geworden, und er ist es nach dem Spiel. Wie sein Rundumschlag bei den sportlich Verantwortlichen im Klub angekommen ist, bleibt spannend zu beobachten.

Autor:  Thomas Kilchenstein
Datum:  7 | 11 | 2009
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