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Eintracht-Kolumne: Eigenhändig aus dem Tritt gebracht

Eintracht Frankfurt nimmt sich erneut eine lange Auszeit, dezimiert sich selbst, steht mit leeren Händen da und wird nach hinten weitergereicht. Bruchhagen sauer: "Da war bei weitem mehr drin". Von Thomas Kilchenstein

Oka Nikolov schlägt bei der Leistung seiner Vordermänner die Hände über den Kopf (13.03.2010).
Oka Nikolov schlägt bei der Leistung seiner Vordermänner die Hände über den Kopf (13.03.2010).
Foto: getty

Hinterher war Selim Teber ganz klein, so klein, da hätte er auch mit seiner Kappe unter einen Teppich gepasst. Der Mann wusste ja, was er angerichtet hatte. "Zu elft hätten wir hier nie verloren", sagte er hinterher geknickt. Er habe sich auch bei der Mannschaft für sein Fehlverhalten entschuldigt, "es tut mir verdammt leid". Fast mochte man den Mann in den Arm nehmen, aber halt nur fast. Der selbst ernannte Führungsspieler, der sich bei seiner Vorstellung im Sommer noch eher abfällig über die Art und Weise äußerte, wie Eintracht Frankfurt in der Vorsaison Fußball gespielt hatte - er hatte ja Recht: Ohne seinen Platzverweis hätte die Eintracht diese Partie in Hannover wohl nicht verloren, so viel konnte man guten Gewissens sagen.

Nach 54 Minuten streckte der 29-Jährige seine Hand unvermittelt und ohne jede Not nach dem Ball. Es war eine völlig unnötige Aktion, auf Höhe der Mittellinie und praktisch Aug´ in Aug´ mit dem insgesamt unsicheren Schiedsrichter Peter Gagelmann. "Ich war mir sicher, den Ball noch zu bekommen. Es war ein Reflex, da zuckt mein Arm zum Ball", sagte Teber immer wieder, aber da war es schon zu spät. Und weil er bereits nach elf Minuten die Gelbe Karte gesehen hatte, zu Recht übrigens, war für ihn nach 54 Minuten Feierabend - Gelb-Rot. Kaum war er vom Feld, erzielte Hannover 96 nach mehreren vergeblichen Anläufen das 2:1 durch Sergio Pinto (57.). Es sollte das Endergebnis sein. Man fragt sich auch, warum Trainer Michael Skibbe den einschlägig belasteten Teber (zehn Gelbe Karten in 24 Spielen) nicht zur Pause in der Kabine ließ.

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Der Platzverweis von Selim Teber, bis dato wie gewohnt unauffällig, war der Knackpunkt. Und er erstickte das sich gerade entwickelnde Spiel der Frankfurter im Keim. Gerade hatte es nämlich so ausgesehen, als hätte die Eintracht das Spiel im Griff: Sie hatte die Kontrolle über die Begegnung, hatte mehr Ballbesitz, spielte sich Torchancen heraus. Die Frankfurter waren Herr im fremden Haus. Hannover 96, ohnehin angeschlagen, zeigte Wirkung. Unmittelbar vor der Pause (45.) war den Frankfurtern durch den bis dahin schwachen Halil Altintop der Ausgleich gelungen, nach feiner Vorlage von Pirmin Schwegler, zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt, wie es so schön heißt.

Und tatsächlich kam da eine Frankfurter Mannschaft aus der Pause zurück, die gewillt und in der Lage war, diese Partie noch zu drehen. Denn wie schon gegen Schalke 04 im vergangenen Spiel schafften es die Hessen erneut, weite Teile der ersten Halbzeit schlichtweg zu verschlafen. Diese unerklärlichen Blackouts haben das Team zuletzt erheblich zurückgeworfen. Ob es nun "15 Minuten" waren, wie Patrick Ochs sagte, "25 Minuten", wie Klubchef Heribert Bruchhagen meinte, oder doch nur "20 Minuten", wie Trainer Michael Skibbe schmallippig erzählte, sei einmal dahingestellt: Eintracht Frankfurt hat ganz offenbar ein Problem, sich auf ein Spiel einzustellen. Woher diese Schlafmützigkeit, diese Unkonzentriertheit rührt, wusste Skibbe in einer ersten Analyse auch nicht zu sagen. "Es ist einfach nur schade."

Hannover 96 - Eintracht Frankfurt (2:1)

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Doch das muss Skibbe zu denken geben. Dieses Nicht-auf-dem-Platz-sein war das Thema der vergangenen Trainingswoche, nachdem die Eintracht gegen Schalke den ersten Abschnitt abgeschenkt hatte. Und jetzt erneut: In dieser Zeit fiel prompt das 1:0 für Hannover. Patrick Ochs, der später wegen "aggressiven Meckerns" (Gagelmann) noch die fünfte Gelbe Karte sah, war da ziemlich ungeschickt unter einer Mondflanke gesprungen, so dass Leon Andreasen den Ball ins Tor schießen konnte (14.). Allein in den ersten sieben Minuten hatten sich Hannover drei glasklare Chancen geboten, das Frankfurter Spiel war in der Anfangsphase schlicht desolat. "Wir haben viel zu passiv begonnen, wir hatten überhaupt keine Souveränität bei Ballbesitz", deckelte Skibbe. "Mit den ersten 20 Minuten war ich total unzufrieden." Und in dieser Zeit "haben wir auch das Spiel verloren."

Dass die Eintracht danach immer besser in die Partie kam, ja, dass sie auch in Unterzahl recht gefällig spielte und Chancen kreierte - und Pech hatte, als Martin Fenin (83.) hauchzart am Ball vorbeischrammte -, darf nicht darüber hinwegtäuschen: Dieses Spiel hat die Frankfurter Eintracht leichtfertig hingegeben. "Da war heute bei weitem mehr drin", urteilte auch der Vorstandsvorsitzende Bruchhagen. Natürlich konnten sie, mit einiger Berechtigung, bei mancher Schiedsrichterentscheidung anderer Meinung sein. Gagelmann hatte in einem Spiel voller Emotionen nicht gerade beruhigend gewirkt, bei den spielentscheidenden Szenen lag er aber nicht daneben. Auch der zweite Platzverweis für Maik Franz, kurz vor Schluss, ebenfalls Gelb-Rot, war vertretbar. Franz hatte in der ersten Halbzeit mit seiner aufbrausenden Art die Verwarnung praktisch provoziert. Es war der sechste Platzverweis seiner Karriere - das ist Liga-Spitze. "Wir haben uns selbst aus dem Spiel genommen", sagte Skibbe später, der eine Viertelstunde vor Schluss auch noch Alex Meier aus dem Spiel nahm. Nicht ganz nachvollziehbar, wenn man weiß, dass gerade Meier, der beste Torschütze, gerade in den Schlussminuten immer noch für ein Tor oder eine gefährliche Aktion gut ist.

Es waren aber nicht nur die Undiszipliniertheiten, die Klubchef Bruchhagen nach dem Spiel ansprach. "Wir müssen das Ganze selbstkritisch sehen. Den Spielverlauf haben wir uns selbst zuzuschreiben." Er selbst darf sich bestätigt fühlen: Die Eintracht wird weiter nach unten durchgereicht, jetzt liegt sie schon auf Platz zehn. Von Europa, wie noch vor vier Wochen, redet jetzt keiner mehr.

Es ist Ernüchterung eingekehrt in Frankfurt. Oder Realismus? Die Hessen haben seit vier Spieltagen nicht mehr gewonnen. Trotzdem will Skibbe nicht von einem Knick oder gar einer Krise reden. "Durchgereicht werden wir nicht. Das ist ein Prozess, den die Mannschaft durchmachen muss. Es ist wichtig, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen."

Nur welche? Dass sich die Mannschaft genau da einpendelt, wo sie allgemein erwartet wurde? Ist der Schwung von vor vier Wochen schon abgeebbt? Trudelt die Saison nur noch aus? Die nächsten Spiele werden es weisen, und die werden nicht einfach: Nach dem Bayern-Spiel müssen die Frankfurter nach Bochum, dann erwarten sie Bayer Leverkusen - da empfiehlt es sich, von der ersten Minute an wach zu sein.

Autor:  Thomas Kilchenstein
Datum:  13 | 3 | 2010
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