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Europacup: Zarte Träume

Warum für die spielerisch stark verbesserte Frankfurter Eintracht ein Europacup-Platz in Reichweite gerät. Von Ingo Durstewitz

Die Eintracht trägt seine Handschrift: Michael Skibbe.
Die Eintracht trägt seine Handschrift: Michael Skibbe.
Foto: rtr

Auch am Tag danach schwimmt Michael Skibbe noch auf dem Kamm der Welle der Begeisterung. Dieser Husarenritt in Dortmund, dieser freche, freudig-verspielte Auftritt im westfälischen Fußballtempel hat nachhaltige Wirkung hinterlassen beim Eintracht-Trainer. "Die erste Halbzeit war ganz nahe am Optimum, viel besser geht es nicht", sagt der 44-Jährige. Und dann vergleicht er das formidable Spiel seiner Eintracht mit dem einer anderen Mannschaft, er überlegt kurz und sagt dann: "Ach, schreiben Sie das besser nicht." Es ging, so viel sei verraten, nicht um den VfL Bochum.

Trainer Skibbe hat allen Grund dazu, stolz zu sein auf seine Mannschaft, die sich mit diesem 3:2-Erfolg in Dortmund fast schon selbst übertroffen hat. Es blühen nun im dicksten Winter zarte Träume, Träume von europäischen Festspielen in Frankfurt. Die waren vor kurzem noch so weit weg wie die Sterne am Himmel. Nun sind sie in Reichweite.

Was aber macht die neue Eintracht aus? In Dortmund waren die Passsicherheit, die Präzision und der Kombinationsfluss bemerkenswert. Das erste und vor allem das dritte Tor wurden stringent, mit großem Behauptungswillen und fußballerischer Klasse herausgespielt. Die Angriffe wurden mit erstaunlicher Klarheit und technischem Können zu Ende gespielt. Geschliffen, schnell und schnörkellos. So sieht Fußball der Moderne aus. Zelebriert von den vormals mausgrauen Profis aus Frankfurt. Das ist fast schon unglaublich. Aber auch wieder nicht. Und schon lange kein Zufall.

Einen Gutteil des Erfolgs kann sich Trainer Skibbe ans Revers heften. Er hat seinem Team dieses Siegergen eingepflanzt, er fordert immer mehr, er will hoch hinaus, er versteckt sich nicht - und ruft große Ziele aus. Genauso tritt er vor die Mannschaft. "Und wir folgen ihm", sagt Benjamin Köhler.

Aber der Erfolg ist auch in fußballerischer Kärrnerarbeit begründet. Skibbe lässt Tag für Tag, Einheit für Einheit spielen, spielen, spielen. Da stehen Spiele und Spielformen auf dem Programm, Übungen mit zwei, drei Ballkontakten, das schnelle, direkte, genaue Spiel wird trainiert. Bis zum Abwinken. "Hier wird Fußball gespielt", lobt Halil Altintop, der neue, starke Stürmer, der auf Schalke eher die deftig-rustikale Gangart kennenlernte. "Das ist hier ganz anders."

Skibbe spielt seinen Anteil am Erfolg herunter, ob seine Handschrift nun zu lesen sei? "Nein, da wird zu viel hineininterpretiert. Die Mannschaft hat einfach eine gute Qualität." Das hörte sich bei ihm auch schon mal anders an. Fakt ist jedoch: Sein Team tritt selbstbewusster auf, furchtlos, es glaubt an sich und seine Stärke. "Die Jungs sind sehr aufnahmebereit, sie sind sehr gut und leicht zu trainieren, sie sind sehr willig. Und wir haben viele gute Fußballer drin. Die Mannschaft traut sich was, sie ist mutiger geworden", befindet der Fußballlehrer.

Und sie hat mehr Tempo im Spiel, durch Sebastian Jung und Patrick Ochs auf rechts und der neuen Spitze Halil Altintop. Das macht sich bemerkbar, das Spiel ist nicht mehr so statisch und nicht mehr so berechenbar. Der Eintracht fällt es mittlerweile auch leichter, auswärts bei den Schwergewichten anzutreten, weil diese um Offensive und Spielkultur bemüht sind. Da lässt sich das eigene Spiel besser konzipieren und entwerfen. Am Sonntag gastiert der SC Freiburg in Frankfurt, die Breisgauer werden aus einer massierten Abwehr zum Erfolg kommen wollen. Und die Eintracht wird verzweifelt versuchen, irgendwie den Defensivkordon zu knacken. "Da werden wir uns wieder einige blutige Nasen holen", sagt Skibbe. Denn gegen einen tiefstehenden Gegner haben die Frankfurter trotz der spielerischen Weiterentwicklung noch kein Rezept gefunden.

Trainer Skibbe beschäftigt sich dieser Tage aber noch weitaus intensiver mit der fernen Zukunft. Erst am Montag hielt er nochmals ein Plädoyer für Oka Nikolov, der unbedingt gehalten werden müsse. Der Verein müsse alles, aber wirklich alles tun und ausschöpfen, um Nikolov zu binden. "Wenn er ginge, wäre das fatal", sagte Skibbe. Nikolov sei gemeinsam mit Kapitän Christoph Spycher der "Stabilisator im Teamgefüge", er sei einfach unverzichtbar. "Ich will ihn halten. Unbedingt."

Autor:  Ingo Durstewitz
Datum:  9 | 2 | 2010
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