Herr Skibbe, haben Sie es eigentlich bereut, so früh bei Eintracht Frankfurt zugesagt zu haben? Es wurden ja noch attraktive Jobs frei in der Bundesliga.
Nein, ich hatte mich ganz früh schon auf die Eintracht festgelegt. Mir war nach den ersten Gesprächen mit Heribert Bruchhagen klar, dass ich es mache - wenn die Eintracht will.
Michael Skibbe, 43, neuer Trainer von Eintracht Frankfurt, biss herzhaft zu. Vor dem Interview bei seinem Antrittsbesuch in der Frankfurter Rundschau stärkte er sich zur Mittagszeit erst einmal mit belegten Brötchen. Dann wich er in dem mehr als einstündigem Redaktionsgespräch keiner Frage aus.
Der gebürtige Gelsenkirchener, trotz seiner Jugend schon seit 20 Jahren Trainer, wird der Eintracht in der kommenden Saison ein neues taktisches System verpassen - sie wird verstärkt Pressing praktizieren. Ob Marcel Heller, zuletzt an den MSV Duisburg ausgeliehen, dabei eine Rolle spielen wird, wird sich zeigen. "Er ist immerhin sehr schnell", sagte Skibbe.
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Hat die Eintracht Ihnen so viel Geld geboten?
Nee, das hat mit Geld wenig zu tun. Die Chance, mit der Eintracht etwas zu bewegen, ist sehr groß. Wenn man nur 33 Punkte holt, dann hat man die Möglichkeit, den Sprung auf ein anderes Niveau zu wagen und auch zu schaffen. Das ist einfacher, als wenn man 47 Punkte geholt hat und die Erwartung dann 55 Punkte sind.
Es heißt doch hier immer, alles sei fest zementiert.
Mit zementiert meint Heribert Bruchhagen, dass sich die vordere Hälfte der Liga hat absetzen können von der hinteren. Diesen Kreislauf muss man erstmal durchbrechen, das ist verdammt schwierig. Dazu braucht man finanzielle Mittel, die die Eintracht nicht hat. Deshalb sind Leistungsträger, wichtige Stützen wie Jones, Streit oder Kyrgiakos, weitergezogen.
Aber wie will es die Eintracht schaffen, in die Phalanx der ersten Acht, Neun einzubrechen?
Wir wollen zunächst mal mehr als 33 Punkte holen. Da kommen wir mit aggressiveren, offensiveren Spielen hin. Gerade in den Heimspielen wollen wir den Zuschauern attraktive Spiele anbieten. Wir wollen immer so offensiv wie möglich auftreten. Manchmal werden uns da sicherlich auch die Grenzen aufgezeigt, aber trotzdem erwarte ich von meiner Mannschaft ein konstruktives und mutiges Spiel - gegen jeden Gegner. Die Formel muss lauten: Über attraktive Spiele mehr Punkte holen, über mehr Punkte für noch mehr Aufschwung in der Stadt sorgen, dadurch andere Ressourcen erzielen, die es uns ermöglichen, gute Spieler zu halten oder noch bessere zu verpflichten, damit die Eintracht wieder die attraktive Adresse wird, die sie einmal war.
Wie wollen Sie den Fans wieder Stoff zum Träumen geben?
Das Wichtigste ist, dass die Fans das Gefühl bekommen: Wenn ich am Samstag ins Stadion gehe, dann geht da richtig die Post ab. Die Leute sollen sich schon morgens darauf freuen.
Aber wie wollen Sie der Mannschaft das Funkel-Gen austreiben? Dieses Sicherheitsdenken, diese Risikominimierung.
Der Verein wollte, dass ein neuer Trainer mit der Mannschaft einen neuen Stil kreiert. Das ist möglich, indem man Kreativität und Individualität fördert. Die Spieler brauchen Freiheiten. Uniformität mag ich nicht. Das ist nicht mein Stil. Ich bin daher auch kein Freund der Kasernierung von morgens acht bis abends um sieben.
Glauben Sie denn, dass man mit dieser Mannschaft überhaupt offensiv spielen kann?
Ja, definitiv. Friedhelm Funkel wollte das vielleicht auch. Aber manchmal sind die Modelle am Reißbrett in der Realität einfach nicht umzusetzen. Friedhelm hat hier exzellente Arbeit abgeliefert.
Was braucht ein gutes Offensivspiel?
Wichtig ist, dass man bei Ballbesitz mutig und gradlinig und schnell nach vorne spielt. Noch wichtiger ist aber, dass man willens ist, bei Ballbesitz des Gegners ihn so früh zu attackieren und unter Zeitdruck zu setzen, dass er schnell den Ball verliert. Das wird unser Ziel sein: In den Heimspielen wollen wir das Spielgeschehen in die gegnerische Hälfte verlagern. Es soll keine langen Ballpassagen mehr geben, die Bälle sollen nicht von Russ zu Spycher und weiter zu Ochs geschoben werden - bis sich der Gegner wieder formiert hat.
Pressing hat man in Frankfurt vier Jahre nicht gesehen
Tja, dann wird sich das ändern.
Brauchen Sie dafür noch bestimmte Spieler?
Da zwei defensive Mittelfeldspieler weggegangen sind, brauchen wir da auch zwei neue. Es sollen laufstarke, zweikampfstarke Spieler sein, die Pressing und gute Pässe spielen können.
Haben Sie sich schon mal mit dem Nachwuchs vertraut gemacht? Sebastian Jung ist ein hoffnungsvolles Talent. Oder auch Marcel Titsch-Rivero.
Ich bin heute mit Frank Leicht (den Trainer der U23; Anm. d. Red.) verabredet, da werde ich mir ein Bild machen. Sebastian Jung habe ich schon spielen sehen. Er bringt das nötige Tempo mit und die nötige Frechheit. Das sind gute Voraussetzungen.
Nehmen Sie die Spieler eigentlich in Einzelgesprächen ins Gebet vor der Saison?
Natürlich. Es ist wichtig, dass man den Spielern sagt, was sie können und was sie nicht können. Und was man von ihnen erwartet. Man muss aus ihnen rauskriegen, was sie von sich selbst erwarten. Und ich möchte, dass wir ein gemeinsames Ziel entwickeln.
Arbeiten Sie mit einem Mentaltrainer zusammen, um noch mehr herauszukitzeln?
Nein, ich bin kein Freund von besonderen Dingen, die von außen herangetragen werden, bei denen man aber nicht das Gefühl hat: ,Das haben wir uns erarbeitet.' Wer glaubt, dass man nach drei Tagen Rafting mit Überlebenstraining gestählt für 34 Spiele ist, der irrt. Das ist mir zu plump.
Herr Skibbe, charakterisieren Sie sich doch mal bitte selbst. Sind Sie einer, der die lange Leine bevorzugt und ein Freund der Spieler ist?
Ach, das finde ich unfair, sich selbst einzuschätzen, wo doch jeder Trainer so viele Arbeitsnachweise anbietet. Aber gut: Ich bin kommunikativ, ich kann diplomatisch sein, ich kann hart sein, ich bin ganz sicher gerecht in meiner Beurteilung, ich bin sehr konsequent, ich bin selten sauer, aber wenn ich sauer bin, dann fliegen die Fetzen. Man reagiert als Trainer halt situativ. Das Wichtigste aber ist: Man muss den Spielern gegenüber total authentisch sein.
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