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Trainingslager: Ab zur Therapie

Nach dem Debakel gegen Werder Bremen fährt Trainer Friedhelm Funkel mit den Spielern zum Wundenlecken in den Westerwald. Von Thomas Kilchenstein

Patrick Ochs im Einsatz: beim Fussball, nicht beim Ballett.
Patrick Ochs im Einsatz: beim Fussball, nicht beim Ballett.
Foto: Getty

Wenn der Frankfurter Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen im sportiven Outfit bei einer offiziellen Pressekonferenz auf dem Podium auftaucht, weiß man, dass Feuer unterm Klubdach ist. Denn dann fährt der Boss mit der Mannschaft in ein Kurz-Trainingslager.

Das war in der Hinrunde so, als Eintracht Frankfurt, am Tabellenende angekommen, vor dem Spiel beim Karlsruher SC die Abgeschiedenheit des Westerwaldes nutzte, um den Kopf frei zu bekommen. Und das ist jetzt so: Am Tag nach dem 0:5-Debakel gegen Werder Bremen, der höchsten Heimschlappe seit 18 Jahren, fuhr die Eintracht einen Tag früher als geplant nach Duisburg ins Landhaus Milser, weil "wir uns ohne Hektik in Ruhe auf das Spiel" gegen den VfL Bochum vorbereiten wollen, wie Trainer Friedhelm Funkel sagte. Er sagte außerdem noch: Dies sei keine außergewöhnliche Situation.

Mit Verlaub: Das ist es doch. Eintracht Frankfurt ist, zwei Spieltage vor Schluss, noch einmal richtig hart getroffen worden. Sportlich, denn die fünf Treffer haben das Torverhältnis kaputt gemacht. Emotional, weil niemand ernsthaft mit einer derartigen Klatsche gerechnet hat und jetzt sogar der Abstieg drohen kann. Ein 0:5 muss erst einmal verarbeitet werden. Funkel beteuert zwar, das schaffe er und er werde die erforderlichen Dinge einleiten, "um uns zurück in die Erfolgsspur zu führen".

Sechs Punkte beträgt das recht respektable Polster bis zu einem Relegationsplatz. Das sollte reichen, denn zuvorderst Bielefeld müsste zweimal gewinnen (darunter in Dortmund), dazu Bochum und Gladbach kräftig punkten, um die Eintracht zu überholen. Einerseits. Andererseits passieren am Ende einer Saison mitunter die verrücktesten Dinge.

Die Eintracht ist ja das beste Beispiel dafür, was alles möglich sein kann: In der Saison 1998/99 fühlte sich der 1. FC Nürnberg zwei Spieltage vor Schluss mit fünf Punkten Vorsprung auch noch sicher, selbst vor dem letztenSpieltag hatte die Franken noch drei Punkte Vorsprung auf die Hessen, ehe die Frankfurter den rettenden Strohhalm packten und Nürnberg in die zweite Liga schickten.

Ein Spiel Sperre für Ochs

"Wir werden einiges verändern", kündigte Funkel gestern an. Was, wollte er zunächst der Mannschaft sagen. Personell wird es gezwungenermaßen zwei Umstellungen geben. Für Rotsünder Patrick Ochs, der mit einer milden Sperre von einem Spiel davon kam, wird Sebastian Jung in die Mannschaft kommen, Chris wird wahrscheinlich für den gelbgesperrten Habib Bellaid in die Innenverteidigung rücken.

Nun versuchen sie, auf den Brustwarzen kriechend, irgendwie das Ziel zu erreichen. Damit ist niemand ernsthaft zufrieden. "Es kann nicht unser Anspruch sein, dass wir auf Niederlagen von Bielefeld und Cottbus angewiesen sind", sagte am Mittwoch Präsident Peter Fischer. "Das ist der pure Frust." Der äußerte sich am Mittwochabend schon darin, dass Hunderte von Hardcore-Fans sich vor der Haupttribüne aufbauten und ihrem Unmut lautstark freien Lauf ließen.

Auch der Aufsichtsrat soll nicht gerade entzückt gewesen sein. Vor allem die Art und Weise, wie binnen elf Minuten ein Tor nach dem anderen gefangen wurde, stieß vielen Funkel-Gegnern unangenehm auf. "So dürfen wir nicht einbrechen", sagte Torwart Markus Pröll. "Nach dem 0:1 sind wird doch völlig zusammengebrochen." Warum das so war, lässt sich nur schwer erklären. "Zu früh und zu schnell" (Funkel) habe die Mannschaft auf den Ausgleich gedrängt, später habe man "der Bremer Spielfreude nichts mehr entgegnen können", sagte Funkel. Er sagte aber auch: "Die überlebensnotwendigen Spiele haben wir gewonnen." Und er sei sicher: Mit allen gesunden Leistungsträgern an Bord stünde die Eintracht "vier, fünf Plätze weiter oben".

Klubchef Bruchhagen weigerte sich am Donnerstag, schon Bilanz dieser durchweg verkorksten Saison zu ziehen. Erst am Ende werde abgerechnet, "da werden wir uns fragen, was gefehlt hat", sagte Bruchhagen. "Natürlich haben die zahlenden Fans ein Recht darauf, ihrem Unmut Luft zu machen. Aber ich nehme mir das Recht heraus, analytisch zu sein und nicht emotional. Ich werde der öffentlichen Meinung nicht nachgeben", sagte Bruchhagen.

Der Eintracht-Boss stellte zudem in ungewohnt scharfer Form die Mannschaft an den Pranger. "Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei den Spielern auseinander. Sie haben einen hohen Anspruch, das zeigen sie bei jeder Vertragsverhandlung. Jetzt ist der Zeitpunkt da, wo man das von ihnen auch auf dem Platz abverlangen darf. Wir haben eine andere Erwartungshaltung an die Mannschaft." Und für die Partie in Bochum gilt: Wiedergutmachung.

Autor:  THOMAS KILCHENSTEIN
Datum:  15 | 5 | 2009
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