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Umweltminister Norbert Röttgen: "Besser als die Kernkraft"

Umweltminister Norbert Röttgen geht im FR-Interview auf Konfrontationskurs zu den Kernkraft-Fans in Union und FDP. Der CDU-Minister wirft seinen Widersachern rückschrittliches Denken und mangelnde Argumente vor.

Norbert Röttgen widerspricht seinen Parteifreunden Roland Koch und Stefan Mappus, die einen schnellen  Ausstieg aus der Atomenergie ablehnen.
Norbert Röttgen widerspricht seinen Parteifreunden Roland Koch und Stefan Mappus, die einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie ablehnen.
Foto: Anreas Arnold

Herr Röttgen, mit Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel verbindet Sie ?

Nicht viel. Sie sind meine Amtsvorgänger. Ich habe einen anderen Ansatz.

Norbert Röttgen widerspricht seinen Parteifreunden Roland Koch und Stefan Mappus, die einen schnellen  Ausstieg aus der Atomenergie ablehnen.
Norbert Röttgen widerspricht seinen Parteifreunden Roland Koch und Stefan Mappus, die einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie ablehnen.
Foto: Andreas Arnold

Beim Atomausstieg setzen Sie den Trittin-Gabriel-Kurs fort, sagen manche.

Das stimmt nicht. Ich verfolge ein Einstiegskonzept, kein Ausstiegskonzept. Es geht darum, nahezu vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen. Es geht um den Einstieg in eine bessere Technologie als die Kernkraft.

Deutsche Kernkraftwerke und Atomlager

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Ihre Amtskollegen aus Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, wo Altreaktoren wie Neckarwestheim 1, Biblis A und Isar 1 stehen, sind sehr verärgert über Ihre Politik. Trifft Sie das?

Ich lasse mich nur durch Argumente beeindrucken.

Die Südstaatler werfen Ihnen vor, Sie hielten sich nicht an die Partei- und Koalitionslinie, über AKW-Laufzeiten erst zu reden, wenn das Energiekonzept der Bundesregierung fertig ist.

Das ist ein Argument, aber es stimmt nicht. Im Koalitionsvertrag steht: Die Atomkraft soll nur eine Brückenfunktion haben, bis die erneuerbaren Energien die Versorgung verlässlich und preislich wettbewerbsfähig übernehmen. Genau das verfolge ich. Der Ökostromanteil muss noch von heute 16 auf 40 Prozent ansteigen, dann ist es soweit. Selbst nach den skeptischsten Annahmen ist das 2030 der Fall.

Das jüngste deutsche Atomkraftwerk hätte dann etwa 40 Jahre Laufzeit erreicht, acht mehr als im rot-grünen Atomkonsens festgelegt.

Unsere Kernkraftwerke sind technisch auf 40 Jahre ausgelegt. Danach müssen sie sicherheitstechnisch neu bewertet werden.

Nicht 60 Jahre, wie Ihr Parteifreund und Wirtschaftsexperte Joachim Pfeiffer empfiehlt?

Nein, denn wir wollen die Hauptversorgung durch erneuerbare Energien ja so schnell wie möglich erreichen. Außerdem passen viel Atomstrom und viel Ökostrom als ökonomische Konzepte nicht zusammen.

Ist denn denkbar, dass der rot-grüne Atomkonsens bestehen bleibt, bei dem der letzte Reaktor 2022 vom Netz müsste? Die Ökostrom-Branche sagt ja: Wir können bis 2020 fast die Hälfte des Stromverbrauchs decken.

Das erscheint mir zu optimistisch. Wir dürfen nicht mit Wunschzahlen operieren. Ich bin dafür, konservativ zu rechnen, denn wir brauchen eine verlässliche Stromversorgung.

Die salomonische Mitte zwischen null und acht Jahren Laufzeitverlängerung sind vier Jahre. Richtig?

Ich sage: Die Umstellung auf erneuerbare Energien so schnell wie möglich und so langsam wie nötig. Nicht mehr und nicht weniger.

Sie wollen, dass der CO2-freie Atomstrom durch CO2-freien Ökostrom ersetzt wird. Sollten nicht besser Kohlekraftwerke abgeschaltet werden?

Noch mal: Wir wollen, dass die Erneuerbaren voll übernehmen. Wer den jetzigen Kraftwerks-Mix konserviert, verhindert das. Windkraft und Solarenergie müssen durch flexibel und schnell regelbare fossile Kraftwerke ergänzt werden, nicht durch große Kernkraft-Blöcke.

US-Präsident Obama sieht das anders. Er will neue Atomkraftwerke und mehr Ökostrom. Liegt er falsch?

Die USA haben eine veraltete Energieversorgungsstruktur und werden die Vollumstellung auf Ökostrom nicht so schnell schaffen wie wir. Deutschland ist technologisch bei den erneuerbaren Energien führend, und hier liegen auch die Arbeitsplätze der Zukunft.

Die Jobs in den AKW zählen nicht?

Doch, aber sie laufen unweigerlich aus, weil auch die Stromindustrie keine neuen Kernkraftwerke mehr bauen will. Wir haben heute 30.000 Arbeitsplätze im Kernkraft-Sektor, aber fast schon 300.000 bei Windkraft, Solar- und Biomasse-Energie. Dieser Sektor wird weiter wachsen. Die Erneuerbaren sind beschäftigungsintensiv, es ist heimische Wertschöpfung. Die globale Nachfrage nach diesen Technologien steigt und steigt.

Das klingt jetzt aber wie bei Trittin und Gabriel.

Dadurch wird es nicht falsch.

Es sieht aber doch so aus: Beim Atomausstieg spielt Deutschland das gallische Dorf, während Frankreich, Finnland, Italien und Großbritannien neue AKW bauen oder bauen wollen.

Auch diese Staaten sind gegenüber Deutschland im Stromsektor im Hintertreffen. Sie haben eingesehen, dass sie die Erneuerbaren viel stärker fördern müssen als bisher und dafür ein neues europäisches Verbundnetz gebraucht wird. Ich habe auch Zweifel, ob die Atom-Renaissance in diesen Ländern so kommen wird. Die Kernenergie-Debatte ist dort noch lange nicht zu Ende.

Sie haben Ihre deutschen Länderkollegen mit der Bemerkung verärgert, die Sondergewinne der Konzerne durch eine eventuelle Laufzeitverlängerung seien nicht so leicht abzuschöpfen. Sie sehen also Rechtsprobleme?

Dem Staat Erlöse zu verschaffen, ist noch kein energiepolitisches Konzept. Damit wird der Erwartung der Bürger und der Industrie nach sicherer und preisgünstiger Energiegewinnung nicht entsprochen. Noch ein Aspekt: Es darf nicht einmal der Verdacht aufkommen, dass der Staat in einen Konflikt geraten könnte zwischen dem Interesse, Gewinne zu erzielen, und jenem, Sicherheit zu gewährleisten. Sicherheit kostet Geld! Schließlich kenne ich noch nicht die verfassungsrechtliche Grundlage, auf der es zu Sonderabschöpfungen für den genehmigten Betrieb von Kernkraftwerken kommen könnte.

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Datum:  19 | 2 | 2010
Seiten:  1 2
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