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Interview mit Energieexpertin Kemfert: „Kohle ist ein Auslaufmodell“

Die Energieexpertin Claudia Kemfert erklärt im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, warum sie den Neubau von Kohlekraftwerken ablehnt und die alten Meiler rasch vom Netz gehen sollten.

Das Kraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg, hier in einer Nachtansicht
Das Kraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg, hier in einer Nachtansicht
Foto: dpa

Frau Kemfert, brauchen wir für die Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland neue Kohlekraftwerke?

Nein. Angesichts der von der Bundesregierung beschlossenen Laufzeitverlängerung für die Kernkraft können wir auf den Neubau von Kohlekraftwerken verzichten. Wir benötigen sie ebenso wenig als Ersatz für alte Kohlemeiler. Auch diese ineffizienten Kraftwerke sollten in den nächsten Jahrzehnten nach und nach abgeschaltet werden.

Zur Person
Energieexpertin Claudia Kemfert

Claudia Kemfert ist Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin der Hertie School of Governance.

Kohlestrom verdränge schon heute regenerative Energien aus den Netzen, warnt sie und lehnt den Bau weiterer Kohlekraftwerke ab. Dagegen stellt das Energiekonzept der Bundesregierung sogar die Subventionierung von Neubauten in Aussicht. Bezahlt werden soll das durch Erlöse aus dem Emissionshandel – womit diese Mittel beim Ausbau erneuerbarer Energien fehlen.

Fehlen uns bei einem Ausstieg aus der Kernkraft nicht in zwanzig, dreißig Jahren Großkraftwerke zur Grundversorgung?

Stein- und Braunkohle leisten heute einen Beitrag zum deutschen Strom-Mix von mehr als 40 Prozent. Dieser Anteil könnte durch die Abschaltung alter Kohlekraftwerke in den nächsten zwanzig Jahren auf rund 20 Prozent sinken. Die Lücke, die entsteht, wenn Kernkraft und Kohle abnehmen, müssen regenerative Energien und moderne Gaskraftwerke ausfüllen. Daran führt auch aus Klimaschutzgründen kein Weg vorbei.

Eine Reihe von Stadtwerken haben Projekte zum Neubau von Kohlekraftwerken auf Eis gelegt. Was macht diesen Weg für Stromkonzerne wie Eon und Vattenfall attraktiv?

Weil der Preis, den die Konzerne für den Ausstoß von Kohlendioxid zu zahlen haben, zu niedrig ist. Das gilt offenbar, obwohl in den kommenden Jahren mit einem Anstieg der CO2-Preise gerechnet werden kann, denn die Zertifikate, die die Stromkonzerne zur Freisetzung von CO2 berechtigen, werden ab 2013 nicht mehr kostenlos ausgegeben. Ob sich die Kohlekraftwerke dann noch wirklich rechnen, erscheint mir allerdings fraglich. Volkswirtschaftlich drohen milliardenschwere Investitionsruinen.

Die Konzerne argumentieren mit den im Vergleich zu alten Meilern niedrigen Emissionen.

Deutsche Kohlekraftwerke sind die effizientesten weltweit. Dennoch erzeugen sie mehr CO2 als alle anderen Energietechnologien und stehen zudem dem Ausbau regenerativer Energien im Weg.

Laut den Konzernen geht beides.

Neue Kohlekraftwerke zementieren ein altes, auf Großtechnologien fokussiertes Energiesystem. Sie sind ähnlich wie Kernkraftwerke schwer zu regeln und eignen sich damit auch nicht für den Aufbau intelligenter Stromnetze, die Erzeugung und Verbrauch von Strom künftig steuern sollen. Schon heute verdrängt fossiler und atomarer Strom regenerative Energien aus den Netzen. Dieser Verdrängungsprozess wird mit dem Neubau neuer Kohlekraftwerke noch zunehmen. Wir brauchen neue Netze, um regenerativen Strom, nicht um Kohlestrom zu transportieren.

Warum setzen die Stromerzeuger nicht auf Erdgas?

Gaskraftwerke sind wesentlich flexibler an- und abzuschalten und könnten deshalb ideal zusammen mit regenerativen Energien betrieben werden, deren Angebot auch stark schwankt. Doch die Gasmarktstrukturen sind immer noch verkrustet. Zwischen deutschen Gasunternehmen und russischen Lieferanten bestehen langfristige Verträge, bei denen der Gaspreis an den Ölpreis gekoppelt ist. Erdgas ist derzeit an der Börse aber billiger. Würde diese Ölpreisbindung aufgehoben, wären auch Gaskraftwerke deutlich attraktiver.

Welcher Anteil erneuerbarer Energien ist realistisch?

Die Bundesregierung plant bis 2050 einen Anteil von 80 Prozent. Das ist durchaus machbar. Der Neubau von Kohlekraftwerken steht dem allerdings im Weg. Für ein modernes regeneratives und intelligentes Energiesystem ist die Kohle ein Auslaufmodell.

Interview: Oliver Ristau

Datum:  29 | 12 | 2010
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