Im Streit über längere Laufzeiten der Atomkraftwerke greift der größte deutsche Energiekonzern Eon die Bundesregierung an.
Das hessische Atomkraftwerk Biblis darf länger laufen.
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Das hessische Atomkraftwerk Biblis darf länger laufen.
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Düsseldorf/Berlin –
Im Streit über längere Laufzeiten der Atomkraftwerke greift der größte deutsche Energiekonzern Eon die Bundesregierung an. Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen warf der Koalition von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Untätigkeit vor: Sie müsse ihrer Ankündigung einer ideologiefreien, technologieoffenen und marktorientierten Energiepolitik endlich Taten folgen lassen, forderte er am Mittwoch.
Teyssen warnte zugleich vor Belastungen, die den Betrieb der Meiler wirtschaftlich unmöglich machen könnten. In der Bundesregierung wies man diese Befürchtung als unbegründet zurück. Zugleich hieß es in Regierungskreisen, man werde keine Abstriche bei den im Sparpaket vereinbarten Einnahmen machen.
Atomkraftwerke in Deutschland
Atomkraftwerke in Deutschland
Die Bundesregierung will von den AKW-Betreibern - Eon, RWE, EnBW und Vattenfall - eine Brennelementesteuer kassieren, die von 2011 bis 2014 jährlich 2,3 Milliarden Euro in die klamme Bundeskasse spülen soll. Eon schätzt die jährliche Belastung für den Konzern auf 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro. In diesem Fall müssten die Investitionen wohl zurückgefahren werden, erklärte der Versorger.
Hinter den Kulissen sprechen die Unternehmen deshalb mit der Regierung über mögliche Alternativen zur Brennelementesteuer. Allerdings drängt die Zeit: Das Finanzministerium hat bereits einen Gesetzentwurf erarbeitet und will bis Ende August eine endgültige Entscheidung fällen.
Versorger wollen Sicherheit, der Staat das Geld
Am Mittwoch wurde in Regierungs- und Unternehmenskreisen dementiert, dass die Firmen diese Woche mit dem Finanzministerium verhandelt und dabei ein Paketangebot von 30 Milliarden Euro über zwölf Jahre vorgelegt hätten. Als entscheidendes Interesse der Versorger gilt, durch einen Vertrag mehr Rechtssicherheit als bei einem Steuergesetz zu gewinnen, dass sich auch nachfolgende Regierungen an eine Vereinbarung halten. Denn die Grünen haben bereits gedroht, im Falle einer Regierungsbeteiligung jede neue Absprache mit der Atomindustrie wieder zu kippen.
Deutsche Kernkraftwerke und Atomlager
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Deutsche Kernkraftwerke und Atomlager
Steht am häufigsten still: Brunsbüttel - Das Kraftwerk hat wegen Störfällen die längsten Stillstandzeiten von allen Kraftwerken in Deutschland. 1978 entwich radioaktiver Dampf in die Atmosphäre. 2001 zerstörte eine Knallgas-Explosion ein Rohr in der Nähe des Reaktordruckbehälters. Ein Sicherheitsventil verhindert einen schweren Zwischenfall. Geplant war die Stilllegung für 2012 - nun darf es bis etwa 2020 weiterbetrieben werden. Pro Jahr werden hier 12 Störfälle gemeldet. Die Regierung beschließt im Zuge der Reaktorkatastrophe, dass Brunsbüttel zusammen mit sechs weiteren AKWs vorläufig vom Netz zugenommen werden soll. Dazu gehören die AKWs Neckarwestheim I, Isar I, Philippsburg I, Unterweser, Grafenrheinfeld und Krümmel.
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Musterschüler: Trotz Massendemonstrationen in den siebziger und achtziger Jahren kann das AKW Brokdorf heute als Vorbild für deutsche Atommeilern gelten. Schwerere Störfälle wurden nicht bekannt. Seit 1986 in Betrieb, durfte der Meiler ursprünglich bis 2019 am Netz bleiben. Nun arbeitet Brokdorf bis 2033 - trotz der fast neun Störfälle pro Jahr.
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Diskussion über Leukämieerkrankungen: Das AKW Krümmel, fünfzig Kilometer von Hamburg entfernt, hat eine lange Historie schwerer Störungen. 1987 werden nach Knallgasexplosionen Beschädigungen an wichtigen Sicherheitsventilen festgestellt. 1989 beginnt die Diskussion um Häufung von Leukämieerkrankungen in der Umgebung des Kraftwerks. 1993 wird Krümmel für mehr als ein Jahr abgeschaltet, nachdem Risse in sicherheitsrelevanten Anlageteilen entdeckt wurden. 2007 brennt eine Trafostation. Die Laufzeit sollte ursprünglich 2019 enden - nun bleibt es bis 2033 am Netz. Pro Jahr werden mehr als elf Störfälle gemeldet.
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Kandidat für die Stilllegung: Das niedersächsische Atomkraftwerk Unterweser, Baujahr 1978, sollte 2012 vom Netz gehen. Nun bleibt es bis 2020 aktiv. Ein schwerer Störfall ereignete sich 1998, als der Reaktor nach einer Reparatur mit gesperrten Sicherheitsventilen an einer Hauptdampfleitung in Betrieb ging. Pro Jahr werden 10,5 Störfälle gemeldet.
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1988 erbaut, sollte das AKW Emsland noch bis 2020 laufen. Nun soll es bis 2034 Strom liefern. Bislang sind keine ernsthaften Störfälle bekannt geworden.
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AKW Grohnde - Nur ein Jahr nach seiner Inbetriebnahme stellte sich 1985 bei einer Revision heraus, dass das Notkühlsystem des AKWs Grohnde nicht einsatzfähig war, weil eine der vier Pumpen Gas statt Wasser enthielt. Trotzdem sollte es bis 2018 laufen - nun sogar bis 2032.
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Streitfall Biblis A: Der hessische Meiler, der seit 1974 in Betrieb ist, sollte 2010 stillgelegt werden. Doch Schwarz-Gelb verlängerte die Laufzeit bis etwa 2018. Das Problem hier: Einen Schutz vor Kleinflugzeug-Abstürzen gibt es nicht.
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Laufzeit bis 2013: Biblis B - Auch der zweite hessische Meiler, seit 1976 in Betrieb, sollte 2010 vom Netz gehen. Doch auch hier wurde die Laufzeit bis 2018 verlängert. Die Reststromübertragung macht eine Laufzeit bis 2013 wahrscheinlich. 1995 trat radioaktiver Wasserdampf durch einen Riss aus; 1997 fielen zwei der vier Nebenkühlwasserpumpen aus.
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Eines von fünf bayrischen Atomkraftwerken: Grafenrheinfeld ist bislang störungsfrei geblieben. Die rechnerische Laufzeit endet im Jahr 2014. Nun allerdings bleibt es bis etwa 2028 am Netz - trotz des Verdachts auf einen Riss nahe des Reaktorkerns.
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Das AKW Philippsburg sollte bis 2012 (Philippsburg I) bzw. 2014 (Philippsburg II) Strom liefern. Nun wurde die Laufzeit bis 2020 (I) und 2032 (II) verlängert. Seit 1979/1981 sind die Reaktoren I und II in Betrieb. 1981 kam es in Philippsburg I zu einem mehr als einjährigen Stillstand wegen des Austauschs mangelhafter Rohrleitungen. 2002 und 2004 wurde radioaktiv verseuchtes Wasser freigesetzt. Als Konsequenz aus der Reaktorkatastrophe in Japan wurde das AKW Philippsburg I am 17.3.2011vorläufig abgeschaltet.
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Auslaufmodell Neckarwestheim I? Rechnerisch sollte der Meiler 2009 vom Netz gehen. Mit dem Mittel der Reststromübertragung konnte Neckarwestheim I noch bis zum Herbst 2010 weiterbetrieben werden. Dann sollte das AKW bis 2018 weiter laufen - trotz Erdbebengefahr und mehr als elf Störfällen pro Jahr. Jetzt hat das Moratorium den Spuk beendet. Das AKW wurde ebenfalls vorläufig vom Netz genommen.
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Stuttgarter Stromlieferant: Im Jahr 1988 erbaut, sollte Neckarwestheim II bis 2021 Strom produzieren - nun wird es erst 2036 vom Netz gehen. 2004 kam es zu einem Störfall, als eine geringe Menge Radioaktivität in den Neckar gelangte. Heilbronn liegt zehn, Stuttgart 25 Kilometer vom AKW entfernt.
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Erhöhtes Krebsrisiko: Die Atomkraftwerke Gundremmingen B und C aus den Jahren 1984/85sollten 2016 bzw. 2017 vom Netz genommen werden. Nun bleiben sie bis 2030 am Netz. Ernsthafte Störfälle sind bislang nicht bekannt geworden. In einem Umkreis von 15 Kilometern um das Kraftwerk lässt sich allerdings ein erhöhtes Aufkommen von Krebserkrankungen bei Kindern feststellen.
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Die Stilllegung von Isar I war für 2011, nun für 2019 geplant: Zehn Kilometer von Landshut und siebzig von München entfernt liegt das Kraftwerk Isar I und II. Während Isar II störungsfrei blieb, ist Isar I ein Sorgenkind: 1981 wurde der Meiler ein Jahr wegen Austauschs mangelhafter Rohrleitungen stillgelegt; 1988 beschädigten Knallgasexplosionen wichtige Ventile; 1991 erfolgt die Schnellabschaltung nach dem Ausfall von vier Umwälzpumpen. Isar 2 sollte 2020 stillgelegt werden - nun läuft es weiter bis 2034.
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Endlagerfrage: Wohin mit dem ganzen Atommüll? - Wenn sich die Bundesregierung auf ein oder mehrere Atom-Endlager einigen kann, besteht immer noch das Transportproblem für den strahlenden Müll. Anders als derzeit üblich per Castortransport ist diese logistische Leistung wohl nicht denkbar.
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Endlager von 2014 an: Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2014 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.
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Stillgelegt: Morsleben, in Sachsen-Anhalt liegend, war von 1981 bis 1998 als "Endlager" für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb. Im Zuge der derzeitigen Stilllegung werden rund vier Millionen Kubikmeter Salzbeton über Rohrleitungen in das Lager gepumpt.
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Wird als Endlager geprüft: Gorleben - Der niedersächsische Salzstock wird derzeit für den Zweck der Endlagerung von wärmeentwickelnden radioaktiven Abfällen, also abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken und Rückständen aus der Wiederaufarbeitung, untersucht. Frühestens 2035 soll der Betrieb aufgenommen werden.
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Wie Endlagerung scheitern kann: Asse II - Die Schachtanlage bei Wolfenbüttel ist als Atommüll-Endlager völlig ungeeignet: Grundwasser läuft ein, radioaktive Behälter schlagen leck, eine Evakuierung ist erforderlich. Die Behörden versuchen derzeit, eine Kontamination des Lebensraumes um Asse II zu verhindern.
Atomkraft trägt rund ein Viertel zum Energiebedarf in Deutschland bei. Doch der radioaktive Abfall muss irgendwo untergebracht werden. FR-online zeigt die Meiler und Endlager in Deutschland, welche Störfälle es gab und wo endgelagert werden soll. Hier ein Castorbehälter, mit einer Wärmekamera fotografiert.
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Fotostrecken Wirtschaft
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Der schwarz-gelben Bundesregierung kommt dies durchaus gelegen, weil sie mit einem Vertrag auch eine nötige Zustimmung des Bundesrates vermeiden könnte. Sie scheut allerdings unter anderem, sich auf hohe Schadenersatzzahlungen bei einem Vertragsbruch festzulegen. Kompliziert sind die Verhandlungen zudem, weil gleichzeitig eine Entscheidung getroffen werden muss, wie lange die Nutzung der Atomkraftwerke verlängert werden soll und welche neuen Sicherheitsanforderungen die Regierung aufstellen will. Die Firmen möchten Klarheit, dass über eine Vereinbarung keine weiteren Milliardenlasten auf sie zurollen.
Auf die Atomkraftwerke könne Deutschland auf mittlere Sicht nicht verzichten, erklärte Eon-Chef Teyssen. Der Betrieb der Meiler dürfe nicht unwirtschaftlich gemacht werden, so dass Gelder, die für den ökologischen Umbau der Energieversorgung dringend notwendig seien, nicht mehr zur Verfügung stünden. „Ich habe der Politik unmissverständlich gesagt, dass wir diesen Weg für falsch halten, ökonomisch und ökologisch.“
Eon steigert Umsatz und Gewinn
Eon legte am Mittwoch seinen Halbjahresbericht vor. Danach konnte der Versorger dank Zuwächsen in Großbritannien und im Gasgeschäft Umsatz und Betriebsgewinn steigern. Die Erlöse kletterten um sieben Prozent auf 44,3 Milliarden Euro. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um elf Prozent auf 6,1 Milliarden Euro. Unter dem Strich verdiente der Versorger mit 3,9 Milliarden Euro neun Prozent weniger als im Jahr zuvor.
Dabei drückten höhere Steuer- und Zinsaufwendungen das Ergebnis. Eon bekräftigte seine Prognose, dass das bereinigte Ebit im Gesamtjahr um bis zu drei Prozent klettere und der bereinigte Konzernüberschuss auf Vorjahresniveau liegen werde. (rtr)