Energiewende
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03. Oktober 2012

AKW-Sicherheit: „Das Risiko ist nie gleich null“

Das Atomkraftwerk (AKW) Biblis in Hessen liegt am 10.07.2009 unter dunklen Wolken. Auch deutsche Atomkraftwerke haben laut einem EU-weiten Stresstest Sicherheitslücken - etwa bei der Warnung vor Erdbeben. Foto: dpa

Der renommierte Atomexperte Lothar Hahn hält es bei rund der Hälfte der 134 europäischen Kernkraftwerke für nicht vertretbar, sie weiterlaufen zu lassen. Sie könnten nicht auf den nötigen Standard nachgerüstet werden, sagt er.

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Herr Hahn, hat Sie die negative Bewertung der EU zur Sicherheit der Atomkraftwerke überrascht?

Die Fakten, die der EU-Bericht liefert, haben mich nicht überrascht. Dass besonders die älteren Atomkraftwerke große Defizite aufweisen, ist lange bekannt. Überrascht hat mich, dass sie von der Brüsseler Kommission so deutlich angesprochen werden.

Das war früher nicht so?

Nein, bisher war die Linie, die Situation eher in freundlichem Licht zu zeigen.

Die Reaktoren in Osteuropa und die Altanlagen in Frankreich haben die längste Mängelliste. Kann man es vertreten, sie und andere Anlagen dieser Klasse weiterlaufen zu lassen?

Das ist nicht vertretbar - übrigens auch nicht aus Sicht der EU. Sie geht davon aus, dass sie sehr aufwändig nachgerüstet werden müssten. Es geht um Nachrüstungen, die teilweise schon seit Jahrzehnten gefordert werden, aber nicht umgesetzt sind.

Zur Person

Diplom-Physiker Lothar Hahn war bis 2010 Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln, die den Bund berät.

Sind solche Nachrüstungen denn möglich?

Ungefähr die Hälfte der europaweit 134 Kernkraftwerke kann nicht auf den nötigen Standard nachgerüstet werden. Es handelt sich um die Reaktortypen, die in den 1960er Jahren entwickelt wurden und in den 70er Jahren ans Netz gingen. Sie haben grundsätzliche Schwächen: Sie sind zum Beispiel nicht genügend gegen Erdbeben ausgelegt, und ihre Sicherheitssysteme sind nicht ausreichend voneinander getrennt, so dass sie bei bestimmten Unfällen komplett ausfallen können. Diese Anlagen ausreichend nachzurüsten, käme einem Abriss und Neubau gleich.

Die moderneren AKW, die zumeist in den 80er und 90er Jahren ans Netz gingen, können also nachgerüstet werden. Die EU nennt Kosten von 30 bis 200 Millionen Euro pro Reaktor...

Ich glaube nicht, das diese Summen ausreichen werden. Die EU-Kommission hat ja nur einen Teil der Defizite untersucht. Noch nicht in Kosten umgerechnet wurde der Aufwand, der getrieben werden müsste, um zum Beispiel Gefahren durch Terrorangriffe oder Flugzeugabstürze zu beherrschen. Wenn alle Probleme angegangen würden und die Anlagen auf den neuesten Stand gebracht würden, käme es deutlich teurer.

Insgesamt würde die Nachrüstung laut EU bis zu 25 Milliarden Euro kosten. Ist es realistisch, dass die EU-Staaten diese Summen dafür aufbringen? Gerade angesichts der Eurokrise...

Wenn man sieht, mit welchen Summen dabei hantiert wird, müsste auch genügend Geld für so etwas Entscheidendes wie die Sicherheit der Kernkraftwerke da sein. Ich glaube, dass zum Beispiel ein Land wie Frankreich, das zu 75 Prozent von Atomstrom abhängig ist, spürbare Summen in die Nachrüstung stecken wird.

Fährt Deutschland mit seinem Atomausstieg die richtige Strategie?

Der Ausstieg ist vollkommen richtig. Die Anlagen der älteren Reaktorlinien wurden abgeschaltet, und die neueren werden sukzessive vom Netz genommen.

Ein Modell für andere EU-Länder?

Ich bin sicher: Das deutsche Modell wird Schule machen. Nicht alle Staaten können so schnell aussteigen, Frankreich zum Beispiel brauchte wegen des hohen Atomstromanteils länger. Aber ich bin sicher, dass in fast allen EU-Staaten, die Atomkraft nutzen, das Umdenken bereits begonnen hat.

Laut EU muss auch in den noch am Netz befindlichen neun deutschen AKW die Sicherheit erhöht werden. So sind die Richtlinien für Notmaßnahmen nach dem Eintritt eines schweren Unfalls wie etwa in Harrisburg oder zu Beginn in Fukushima, noch nicht umgesetzt. Damit sollen die Folgen für die Umgebung abgemildert werden. Wie dringend ist das?

Das ist längst überfällig. Ich verstehe nicht, warum das nicht geschehen ist.

Was könnte der Grund sein?

In der deutschen Sicherheitsphilosophie ging man zu lange davon aus, dass ein „Super-GAU“, der die technische Auslegung eines Kernkraftwerks übersteigt, einfach nicht geschehen kann. Man hat die Augen davor verschlossen. Obwohl spätestens seit Tschernobyl international Richtlinien entwickelt wurden, was bei einem schweren Unfall zu tun ist,tut man sich in Deutschland schwer, diese vollständig und für alle Anlagenzustände umzusetzen.

Lothar Hahn
Lothar Hahn
Foto: GRS

Ein Beispiel?

Etwa eine klare Anweisung, wie man in einen nicht mehr gekühlten Reaktorkern, der zu schmelzen droht, in allen Situationen noch Wasser einspeisen kann – etwa mit externen Pumpen und Feuerwehrschläuchen.

Umweltminister Peter Altmaier will Nachrüstungen davon abhängig machen, wie lange die Kraftwerke noch am Netz bleiben sollen. Die richtige Strategie?

Prinzipiell ist das richtig. Bei den beschriebenen Notfall-Maßnahmen allerdings macht diese Unterscheidung keinen Sinn. Sie sind nicht aufwendig, und es geht schnell. Man muss sie nur endlich in Kraft setzen.

Umweltverbände fordern, den Ausstieg aus Sicherheitsgründen vorzuziehen, die letzten AKW also deutlich vor 2022 abzuschalten. Schließen Sie sich dem an?

Die im EU-Bericht benannten Defizite rechtfertigen das nicht. Es ist allerdings eine grundsätzliche Frage, ob die Gesellschaft mit dem Risiko von Atomkatastrophen leben will oder nicht. Die muss sie beantworten. Denn auch bei den modernsten und am besten nachgerüsteten Anlagen ist das Risiko nicht gleich null.

Das Gespräch führte Joachim Wille.

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