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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

11. Juni 2015

Areva: Weltgrößter Atomkonzern vor dem Aus

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Blick in die Wiederaufbereitungsanlage von Areva in La Hague.  Foto: REUTERS

Der weltweit größte Atomkonzern Areva wird zerlegt. Nach dem gigantischen Vorjahresverlust von 4,8 Milliarden Euro verlieren nun auch 6000 der 44 000 Angestellten – unter anderem in Offenbach – ihre Arbeit. Russische und chinesische Hersteller wittern indes ihre Chance.

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Paris –  

Die Halbwertszeit von Ruhm, Prestige und Nationalstolz beträgt 14 Jahre. So lange existiert Areva, der weltgrößte Atomkonzern, und so lange schon dominiert der Stolz der französischen Nation – als einziger – die gesamte Wertschöpfungskette der Branche: Areva fördert im Niger Uran und reichert im französischen La Hague Brennstäbe an (und bereitet sie nach dem ersten Gebrauch wieder auf). Dazu bauen und unterhalten seine Ingenieure Kernkraftwerke – derzeit in der Hälfte aller 440 Reaktoren auf der ganzen Welt.

Jetzt muss Areva aber in höchster Not zerlegt werden. Seine Schöpferin im Jahre 2001, die ehemalige Mitterrand-Beraterin Anne Lauvergeon, auch „Atomic Anne“ genannt, ist bereits geschasst. Nach dem gigantischen Vorjahresverlust von 4,8 Milliarden Euro (bei einem Umsatz von 8,3 Milliarden Euro) verlieren nun auch 6000 der 44 000 Angestellten – unter anderem in Offenbach – ihre Arbeit. Das Kerngeschäft, der Reaktorbau und –unterhalt der Sparte NP, geht an die Konkurrentin, die ebenfalls staatliche Electricité de France (EDF). Areva bleibt nur noch in den Brennstoff-Bereichen selbständig.

Der Schock sitzt tief

In Frankreich sitzt der Schock tief. Der Energieexperte Thierry Gadault spricht vom „Ende der nuklearen Utopie“. Wieder einmal hatten die Atomingenieure die Lage weitgehend verschleiert. Dabei reichen die Gründe weit zurück. Mit der Affäre Uramin – dem Kauf eines Unternehmens, dessen Minen sich als wertlos entpuppten – hatte Lauvergeon Milliarden in den Wüstensand gesetzt; jetzt kümmern sich die Gerichte um die damit verbundenen Betrugsvorwürfe. Dazu kommt die selbstmörderische Rivalität zwischen Areva und EDF: In Abu Dhabi führte sie zum Verlust eines lukrativen Großauftrages zugunsten eines unerfahrenen südkoreanischen Unternehmens. Außerdem verlor Areva nach dem Fukushima-Unglück den ganzen Unterhalt in japanischen Atommeilern.

Am schwersten lastet aber der neue Druckwasserreaktor PER, den Areva in Finnland baut. Sieben Jahre Verzögerung haben die Kosten von drei auf acht Milliarden Euro anschwellen lassen. Am Mittwoch erklärte Verwaltungsratspräsident Philippe Varin bei einer Anhörung vor der französischen Nationalversammlung, der EPR von Olkiluoto sei ein „Demoklesschwert, das seit 2003 über dem Konzern hängt und alle Szenarien gefährdet“.

Die neue AKW-Generation des EPR erinnert fast an die einst hochgelobte, dann kläglich gescheiterte Technologie des Schnellen Brüters „Superphénix“ in Creys-Malville: Er wird seit 1997 – und nach letztem Stand bis 2027 – abgebaut. Konkurrent EDF baut seinerseits einen EPR in der Normandie, und auch dort häufen sich die Probleme. Die Stahlhülle des Reaktortanks ist eventuell undicht, wie die französische Nuklearsicherheit im April herausfand. Eine neue Legierung könnte Milliarden kosten. Diese Woche wurde zudem bekannt, dass sich die Sicherheitsventile im Primärkreislauf willkürlich öffnen. Auch das geht ins Geld. Um die Kosten dafür zu reduzieren, beschäftigte der Bauunternehmer Bouygues in der derzeit größten zivilen Baustelle Europas 160 Polen und 300 Rumänen auf offenbar unlautere Weise; im Juli könnte ein Gericht eine Millionenbuße verhängen.

Sorgen in Offenbach

Gegen die Pläne, den Areva-Standort in Offenbach zu schließen und den Mitarbeitern Arbeitsplätze in Erlangen oder Karlstein anzubieten, hat die Offenbacher Belegschaft bereits Mitte April protestiert.

Der Betriebsrat hat dem Management jetzt Alternativvorschläge vorgelegt, wie der reine Büro-Standort in Offenbach zu retten wäre. In den kommenden Wochen möchte die Geschäftsführung das Papier bewerten und mit der Arbeitnehmervertretung Lösungen aushandeln. Die Geschäftsführung hatte versprochen, die Konsolidierungsvorschläge offen zu diskutieren.

Areva hatte angekündigt, das Standortkonzept zu optimieren, um die Kosten zu senken. Nach den Plänen des Managements sollen die Offenbacher Ingenieure stärker mit den Testeinrichtungen und der Fertigung in Karlstein und Erlangen verzahnt werden. Die Gewerkschaft IG-Metall hält das für widersinnig. Kernkraftkompetenzen der Mitarbeiter ließen sich nicht einfach auf Erlangen übertragen. mre

Wer meinen würde, die Hiobsbotschaften von der französischen Nuklearfront freuten die Umweltverbände, täuscht sich allerdings. Wie Greenpeace warnt auch der Pariser Energiespezialist Jean-Marie Chevalier vor „Einsparungen bei der nuklearen Sicherheit“. Bisher war die Qualität französischer Nuklearprodukte anerkannt. „Die Probleme von Areva können nun das Tor für russische und chinesische Exporteure öffnen“, erklärte Antony Froggatt vom Londoner Forschungsbüro Chatham House unlängst. „Dabei haben sie ihre Zuverlässigkeit noch nicht unter Beweis gestellt, und man weiß nicht viel über die Sicherheitsnormen ihrer Reaktoren.“

Der Moskauer Konzern Rosatom beliefert AKW-Käufer im ehemals sowjetischen Einflussgebiet bis nach Ungarn, wobei er sogar die Vorfinanzierung übernimmt. China verkauft seinen Reaktor Hualong-1 von der Türkei über Argentinien bis nach Großbritannien. Schon mehr als die Hälfte der weltweit 66 in Bau befindlichen Atomkraftwerke sind russisch oder chinesisch.

Areva baut derzeit noch zwei EPR in China, das diese Technologie noch nicht beherrscht. In Paris arbeiten die Atomingenieure aber bereits an einem neuen, bedeutend kleineren EPR-Modell namens NM. Trotzdem gelten die Franzosen, die auf eine mehr als 50-jährige Erfahrung im Reaktorbau zurückblicken, international als zu teuer. „Länder wie Jordanien oder Tunesien lassen deshalb ihre ersten Atomkraftwerke nicht von Areva bauen, sondern von der billigeren Rosatom“, so Nuklearexperte Lionel Taccoen.

Fokus auf Frankreich

Areva versucht sich an den französischen Markt zu halten. Dort werden zwei Dutzend aller 58 Reaktoren binnen eines Jahrzehnts das Höchstalter von 40 Jahren erreichen. Das träfe sich gut mit dem Wahlversprechen von Präsident François Hollande, den Atomanteil an der nationalen Stromproduktion von 75 auf 50 Prozent zu senken und das älteste französische AKW in Fessenheim zu schließen. Unter dem Druck der Atomlobby arbeitet die Regierung aber derzeit an einer Laufzeitverlängerung auf dann 50 Jahre.

Areva NP erhielte in den alternden Meilern viel (Unterhalts-)Arbeit. Die Auftraggeberin wäre die AKW-Betreiberin EDF, die damit nicht mehr nur Kundin, sondern auch Besitzerin von Areva NP ist. Die Zeche für diese industriepolitische Inzucht werden die Stromkonsumenten zahlen. Ob sie nicht lieber für eine richtige Energiewende zahlen würden, fragt niemand.

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