Der (vorläufig letzte) Castor wird rollen - nach Angaben von Atomkraftgegnern ab Mittwochnachmitttag. Foto: dapd
Der (vorläufig letzte) Castor wird rollen - nach Angaben von Atomkraftgegnern ab Mittwochnachmitttag. Foto: dapd
Die Entscheidung für Gorleben als Atommüll-Endager war ein rein politischer Deal - das hat der Untersuchungsausschuss des Bundestags zweifelsfrei bewiesen, sagt die Opposition.
Berlin –
Der Salzstock im niedersächsischen Gorleben wurde nie in einem wissenschaftlichen Auswahlverfahren zum möglichen Atommüll-Endlager bestimmt. Das hat der Untersuchungsausschuss des Bundestages nach Ansicht der Opposition zweifelsfrei bewiesen. In einem internen Zwischenbericht der Grünen heißt es, das Gremium habe in zweijähriger Arbeit alle von Union und FDP erhobenen Zweifel daran ausgeräumt, dass die Entscheidung für Gorleben ein rein politischer Deal zwischen der Bundesregierung unter SPD-Kanzler Helmut Schmidt und dem CDU-regierten Niedersachsen gewesen sei. Unions- und FDP-Fraktion bestreiten diese Interpretation der Ausschussergebnisse.
Merkel wird als Zeugin gehört
Im zweiten Teil der Legislatur will sich der Ausschuss nun der Frage widmen, ob und wie die gesetzlich vorgesehene Erkundung des Salzstocks genutzt wurde, um in Gorleben Fakten zu schaffen und widerrechtlich bereits an einem Endlager zu bauen. Zur Klärung der Vorgänge in den 90er Jahren werden die Grünen auch die damalige Bundesumweltministerin und heutige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) einladen, heißt es in dem Papier.
Die möglichen Strecken des Castor-Transports Foto: dpa-Grafik
Die möglichen Strecken des Castor-Transports Foto: dpa-Grafik
Aus Sicht der Grünen gab es zwei entscheidende Momente, in denen die Weichen für die bis heute andauernde Erkundung Gorlebens gestellt wurden. In beiden Fällen hätten sich die Bundesregierungen gegen wissenschaftliche Verfahren entschieden, um die Suche zu forcieren. Der Ausschuss rekonstruierte, dass in einer 1974 beauftragten Voruntersuchung der Kernbrennstoffwiederaufbereitungsgesellschaft (Kewa) von 26 bundesweiten Standorten Gorleben gar nicht genannt ist. Ein Gerichtsurteil zum AKW Brokdorf und die vierte Atomgesetznovelle machten ab 1977 für den Betrieb von AKW ein Endlager erforderlich.
„Keine weiteren Castoren“
Da alle damals aussichtsreichen Standorte in Niedersachsen lagen, forderte Schmidt aus Sorge um die deutschen AKW Niedersachsens CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht auf, mögliche Endlager-Standorte schnell zu benennen. Dessen Antwort: „Gorleben oder gar nicht.“ Schmidt beugte sich.
Die Atomkraftgegner haben sich auf die Castor-Transporte vorbereitet.
Foto: afp/JOHANNES EISELE
Die Atomkraftgegner haben sich auf die Castor-Transporte vorbereitet.
Foto: afp/JOHANNES EISELE
Erst danach tauchte der Salzstock in einem Kewa-Bericht vom Oktober 1977 auf – aber im Gegensatz zu den seit 1974 favorisierten Orten ohne Hinweis auf eine geologische Prüfung. Der Behauptung von CDU und FDP, diese Prüfung sei geschehen, aber in dem Bericht „vergessen“ worden, habe der Ausschuss widerlegt: In 1600 Aktenordnern und den Zeugenaussagen fehle jeder Beleg.
Zum 13. Mal werden Castor-Behälter aus der nordwestfranzösischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins niedersächsische Atommüll-Zwischenlager Gorleben gebracht. Elf Spezialbehälter werden dabei zunächst mit dem Zug, dann per Tieflader nach Gorleben transportiert. Rund 1200 Kilometer lang ist die Strecke. Die letzte Etappe auf der Straße von Dannenberg bis zum Zwischenlager beträgt etwa 20 Kilometer.
Rund 20.000 Polizisten sollen den Castortransport schützen. Etwa 16.000 Demonstranten werden am letzten Novemberwochenende gegen den Atommülltransport protestieren, schätzt die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Zwischen 2014 und 2017 plant das niedersächsische Umweltministerium, weitere 21 Behälter mit Atommüll aus dem britischen Sellafield nach Deutschland zu holen.
Ein zweites Mal griff eine Bundesregierung 1983 ein: Sie verhinderte, dass die mit der Lagersuche beauftragten Geologen neben Gorleben weitere Standorte prüfen.
Das Fazit der Grünen ist eindeutig: „Gorleben wurde politisch willkürlich und unter großem Druck ausgewählt“, sagte Sylvia Kotting-Uhl, Grünen-Obfrau im Ausschuss, der Berliner Zeitung. „Die jetzige Bundesregierung hat ihn massiv verstärkt.“ Da auch jeder zusätzliche Castor-Transport nach Gorleben den Druck erhöht, den Salzstock zum Endlager zu küren, müssten die Transporte aufhören und die AKW-Betreiber die Zwischenlagerung des Mülls an den AKW-Standorten beantragen.
Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
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Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
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Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
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Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
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Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
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Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
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Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
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Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
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Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
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Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
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Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
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Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
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1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
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Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
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Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
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Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
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Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
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Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
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Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern