Berlin. Der Salzstock im niedersächsischen Gorleben ist nicht als Atommüll-Endlager geeignet. Das belegen Akten aus Bundes- und Landesbehörden, die die Umweltorganisation Greenpeace am Dienstag unter gorleben-akten.de frei zugänglich machte.
Dramatisch sei vor allem die Entdeckung einer Kammer, in der sich laut Bundesanstalt für Geowissenschaften bis zu einer Million Kubikmeter Laugenflüssigkeit gesammelt hat. Im Idealfall müsse ein Endlager wasserdicht sein.
Auch das Verfahren, das zur Entscheidung für Gorleben geführt hatte, entsprach den Dokumenten zufolge nicht den nötigen Voraussetzungen: Es war nicht ergebnisoffen und berücksichtigte die wissenschaftlichen Fakten nicht, sondern folgte einer rein politischen Entscheidung. Ziel war es offenbar, den Ausbau der Atomkraft in Deutschland nicht zu gefährden.
Greenpeace forderte Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) angesichts der neuen Fakten auf, den Salzstock Gorleben als Endlagerstandort aufzugeben. Röttgen, der jüngst den vor zehn Jahren verhängten Erkundungsstopp aufgehoben hat, lehnt das ab. Ob Gorleben für ein Endlager geeignet sei, müsse erst geklärt werden, sagte sein Sprecher der FR. Für Röttgen gebe es derzeit "keine Fakten, die nahelegen, dass Gorleben ungeeignet ist". Auch das für Gorleben zuständige Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bestreitet, dass das Reservoir ein Problem darstellt. Es sei weit genug vom Schacht entfernt, zudem habe man Wasser daraus abgelassen, erklärte ein Sprecher der FR.
Die FR hatte erstmals im Sommer 2009 über Akten von 1983 berichtet, die belegen, dass die Regierung Kohl gegen fachliche Bedenken entschied, nur Gorleben zu erkunden. Auf die FR-Berichte hin entschied der Bundestag, einen Gorleben-Untersuchungsausschuss einzurichten.
"Schon bei den ersten Probe-Bohrungen hat man gemerkt: Der Salzstock ist nicht so dicht, wie man sich das erhofft hatte", sagt der Kieler Geologe Ulrich Schneider und zeigt auf einen Querschnitt durch die Gesteins- und Mineralsschichten in Gorleben. "In der Nähe des Erkundungsschachts war der Ton voller Sand - und wasserdurchlässig." Damit war klar: Gorleben ist als Endlager für hochgiftigen Atommüll ungeeignet. Das war 1976.
Schneider hat die am Dienstag von Greenpeace veröffentlichten Dokumente vorab geprüft. Und fand Erstaunliches. Während die Bundesanstalt für Geowissenschaften (BGR) und das Landesbergbauamt öffentlich noch 2008 von maximal "mehreren hundert Kubikmetern" Flüssigkeit im Salzstock gesprochen hatten, berichteten sie in einem internen Vermerk davon, dass bei Probebohrungen ein Reservoir von "100.000 bis eine Million Kubikmetern" entdeckt wurde. Eine Menge, die für mehrere Überschwemmungen reicht: "Wenn das sich auf einen Schlag öffnet, säuft dieser Erkundungsbereich Eins fünfmal ab", sagte Schneider.
Greenpeace hatte auf Basis des Umweltinformationsgesetzes Akteneinsicht bei zwölf Behörden und Ministerien beantragt. Bislang liegen Unterlagen aus der niedersächsischen Staatskanzlei, dem Landesumweltministerium sowie der BGR vor. Der Atomexperte der Organisation, Mathias Edler, führte vor, wie die Politik Fakten manipulierte.
Nach der Atomgesetznovelle 1976 seien die AKW-Projekte Biblis B, Unterweser und Brunsbüttel ohne Entsorgungsnachweis für den Atommüll gefährdet gewesen. Darum habe Ernst Albrecht (CDU), von 1976 bis 1990 Ministerpräsident in Niedersachsen, eine schnelle Standort-Entscheidung gebraucht. "Albrecht beschied: Gorleben oder gar nichts", sagte Edler. Damals sei der Standort plötzlich in der Auswahl aufgetaucht - ohne volle wissenschaftliche Prüfung. Als etwa der TÜV Hannover 1976 eine Tabelle vorlegte, in der acht Standorte verglichen wurden, favorisierte er Nieby in Schleswig-Holstein. Im Landtag in Hannover fügte jemand von Hand eine neue Spalte an: für Gorleben.
Gorleben wurde für die Genehmigung von AKW gebraucht, sagen auch die Grünen. Auf Anfrage der grünen Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl zitierte die aktuelle Regierung aus Genehmigungen für AKW, die auf Gorleben verweisen. 1988 findet sich die Behauptung, dass "die Eignung des Salzstocks Gorleben als Endlager für alle Arten radioaktiven Abfalls bestätigt" sei. Man rechne "mit einer Inbetriebnahme des Bundesendlagers Gorleben Anfang des nächsten Jahrtausends".
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