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Atommüll: Warnung vor dem Asse-GAU schon 1996

Dass ins marode Atomlager Asse Wasser eindringt und das Lager einsturzgefährdet ist, weiß das Bundesumweltministerium schon seit langem. Von Joachim Wille

Läuft und läuft und läuft: Der Anti-Atom-Protest.
Läuft und läuft und läuft: Der Anti-Atom-Protest.
Foto: Getty Images

Das Bundesumweltministerium ist bereits 1996 auf die akuten Gefahren im maroden Atomlager Asse aufmerksam gemacht worden, in das Wasser eindringt und das einsturzgefährdet ist. Der damalige Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Professor Alexander Kaul, schrieb an das zu dieser Zeit von der heutigen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geleitete Ministerium, bei einem Volllaufen der Salzstock-Grube drohe eine radioaktive Belastung der Umgebung.

In dem Kaul-Brief, der der FR vorliegt, heißt es: "Käme es zu einem Absaufen der Grube, wären Strahlenexpositionen weit über den Dosisgrenzwerten (...) nicht auszuschließen". Laut den angefügten BfS-Berechnungen könnten die Grenzwerte durch Grundwasser-Verseuchung bis zu 100-fach überschritten werden.


Foto: FR-Infografik

Kaul bestätigte seine damalige Warnung vor dem Asse-GAU am Donnerstag bei seinem Auftritt im Asse-Untersuchungsausschuss im Landtag in Hannover. Der Biophysiker, der das BfS von 1989 bis 1999 leitete, zeigte sich verwundert darüber, dass auf seinen Brief hin keine Reaktion aus dem Ministerium gekommen sei.

Es lässt sich jedoch nachweisen, dass das Problem innerhalb der Bundesregierung behandelt wurde. Der damalige Asse-Betreiber wies die Vorwürfe zur drohenden Verseuchung in einem Schreiben zurück. Zitat: "Das vom BfS unterstellte Szenario hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun." Adressat war das Forschungsministerium, damals zuständig für das Atomlager.

Betreiber der Asse war damals das GFS-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, heute Helmholtz-Zentrum München genannt. Der Wassereintritt in das Ex-Bergwerk, in das von 1967 bis 1978 rund 126000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll eingelagert worden waren, begann bereits 1988.

Heute fließen täglich rund zwölf Kubikmeter Salzlauge ein, die aufgefangen und an die Oberfläche gebracht werden. Das Helmholtz-Zentrum musste die Betreiberschaft nach Publikwerden des Skandals im Jahr 2008 an das Bundesamt für Strahlenschutz abgeben.

Brisanz hat der Kaul-Brief auch wegen einer andere Passage. Darin warnt der BfS-Chef davor, dass es "die Salzlinie als Endlagerwirtsgestein in Frage stellen könnte", falls in der Asse "größere Schwierigkeiten" auftauchten. Zu deutsch: Es verböte sich, ein Endlager in einem Salzstock zu betreiben.

Kaul schreibt: "In diesem Fall wäre das ERAM nicht mehr zu halten und Gorleben gefährdet." ERAM ist das Kürzel für das ehemalige DDR-Atomendlager Morsleben in Sachsen-Anhalt, das auch nach der Wende noch für Atommüll genutzt wurde. Es befindet sich wie das für hochradioaktive Stoffe geplante Endlager Gorleben in einer Salzformation.

Kaul wollte das am Donnerstag aber nicht als fachliche Warnung vor Salz oder Gorleben verstanden wissen. Er habe nur ausdrücken wollen, dass bei einem Asse-Absaufen Salzlager wegen des stärker werdenden Protests in der Öffentlichkeit dann nicht mehr durchsetzbar seien, sagte Kaul.

Autor:  Joachim Wille
Datum:  26 | 2 | 2010
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