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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

23. August 2013

Atommülllager Asse: Der Asse droht der Einsturz

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Einst in der Asse: Lagerung von Atommüll anno 1978.  Foto: Helmholtzzentrum München / dapd

Im Atomlager brechen tonnenschwere Brocken von der Decke. Die Räumung des Salzstocks wird immer mehr zum Wettlauf gegen die Zeit.

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Die Sanierung des maroden Atomlagers Asse wird immer mehr zu einem Wettlauf mit der Zeit. Erst kürzlich ist ein etwa 20 Kubikmeter großer und 40 Tonnen schwerer Gesteinsbrocken von der Decke in einer der unterirdischen Strecken heruntergestürzt. Der Asse-Betreiber, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sieht das als neues Warnzeichen, dass die Zeit drängt. Allerdings könnte die geplante Rückholung der Atommüllfässer nach bisherigem Stand frühestens im Jahr 2033 beginnen.

Der Abbruch des Salzgesteins geschah auf der 750-Meter-Sohle in dem rund 100 Jahre alten Kali- und Salzbergwerk bei Wolfenbüttel, das von 1967 bis 1978 als Atommüll-Lager benutzt wurde. „Der Brocken ist bei einer routinemäßigen Kontrolle entdeckt worden“, sagte BfS-Sprecherin Monika Hotopp der FR. Zum Glück sei der Bereich abgesperrt gewesen, so dass keiner der Bergarbeiter oder Ingenieure zu Schaden kam. Es sei aber „ein erneuter Hinweis, dass es Bereiche gibt, in denen die Stabilität des Grubengebäudes nachlässt“. Ähnliche Abbrüche hat es in dem Bergwerk in der Vergangenheit auch schon gegeben.

Das Bundesamt versucht, die Standfestigkeit des einsturzgefährdeten Bergwerks zu erhöhen, in das seit 1988 Wasser eindringt. Die Abbrüche gelten als Zeichen dafür, dass Pfeiler nicht mehr in der Lage sind, das Gebirge zu tragen. Der Betreiber verfüllt Hohlräume mit Salzbeton. Aktuell passiert das vor zwei Atommüll-Kammern auf der Ebene in 750 Metern Tiefe. Diese „Vorsorgemaßnahmen“ sollen insgesamt bis 2021 durchgeführt werden.

Situation verschlechtert sich

Wie dramatisch die Situation ist, haben die Entsorgungs- und die Strahlenschutzkommission des Bundes kürzlich in einer Stellungnahme zur „Notfallplanung“ für die Asse festgehalten. Darin heißt es: „Die bergtechnische Situation der Schachtanlage Asse II hat sich zwischen 2010 und 2013 deutlich verschlechtert. Zunehmend sind eine Verschlechterung der gebirgsmechanischen und hydraulischen Gegebenheiten und ein Verzehr von Sicherheitsreserven zu verzeichnen.“ Dies führe zu einer „abnehmenden Gebrauchstauglichkeit der Grube“. Umfangreiche Sanierungsarbeiten seien auch weiterhin erforderlich.

Die Betonierarbeiten haben allerdings bei der Bürgerinitiative „Asse-II-Koordinationskreis“ heftig Kritik, ausgelöst. Sie befürchtet, dass dabei die zur Bergung der 128 000 Atomfässer nötigen Wege zugemauert werden. „Das BfS betoniert den Zugang zur Atommüllkammer 10 auf der 750-Meter-Sohle“, warnt Koordinationskreis-Mitglied Udo Dettmann.

Das Zubetonieren mit „stützendem Versatz“ sei aber Teil des Konzepts zur Flutung der Asse mit Salzlösung gewesen, mit dem der frühere Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, das Bergwerk stilllegen wollte. Dabei wäre der Atommüll nicht geborgen, sondern endgültig in der Asse geblieben – mit der Gefahr, dass Radioaktivität ins Grundwasser gelangen könnte. Das Helmholtz-Zentrum war von der Bundesregierung 2009 abgelöst und durch das BfS ersetzt worden. Das im vergangenen Februar vom Bundestag verabschiedete Asse-Gesetz sieht vor, dass die Atomfässer geborgen und in einem anderen Endlager untergebracht werden sollen. Die Kosten dafür werden auf bis zu vier Milliarden Euro geschätzt.

Der Ausbau des slowakischen Atomkraftwerks Mochovce geht weiter.  Foto: REUTERS

Das Bundesamt weist die Kritik des Koordinationskreises zurück: Es könne „keine Rede davon sein, dass das BfS heimlich Verfüllmaßnahmen auf der 750-Meter-Sohle durchführt.“ Die Vorsorgemaßnahmen für den Fall eines unbeherrschbaren Wasserzutritts seien seit 2010 öffentlich diskutiert worden, und den konkreten Beginn der Arbeiten habe man am 7. August angekündigt, heißt es in einer Stellungnahme.

Die Herstellung von Stabilität durch das Verfüllen von Hohlräumen, in denen keine radioaktiven Abfälle lagern, sei eine zentrale Voraussetzung für die Rückholung und behinderte sie nicht. „Man kann den Beton, wenn nötig, auch wieder aufbohren“, sagte BfS-Sprecherin Hotopp. Bei den aktuellen Verfüllarbeiten auf der 750m-Sohle seien auch erst knapp 1400 Kubikmeter Salzbeton verbaut worden. Zudem plane das BfS die Bergung „weitestgehend unabhängig vom derzeitigen Streckensystem“.

Die Frage allerdings, ob die Asse noch standsicher bleibt, bis die Bergung der Fässer beginnen kann, ist weiter offen. Der „Rahmenterminplan“, den das BfS 2012 von der Beratungs- und Planungsgesellschaft Arcadis arbeiten ließ, nannte als Starttermin das Jahr 2036 – also erst 24 Jahre später. Bis zum Beginn stehen noch viele Vorarbeiten an. So muss ein neuer, größerer Bergwerksschacht gebohrt werden und ein oberirdisches Zwischenlager für die Fässer eingerichtet. Der späte Termin löste damals heftige Kritik in der Öffentlichkeit aus. Auch das BfS selbst nannte ihn „nicht akzeptabel“.

Früheste Räumung 2033

Inzwischen hat das Amt Arcadis nach Möglichkeiten zur Beschleunigung der Arbeiten suchen lassen. Das Zwischenergebnis liegt vor. Danach wäre ein Termin drei Jahre früher zu schaffen, also 2033. Dazu würden zum Beispiel Arbeiten wie die Planung des neuen Schachts und die Entwicklung der Bergetechnik vorgezogen werden. Das BfS will nun „weitere Beschleunigungspotenziale“ identifizieren. Ob damit die Bergung damit wirklich spürbar vorgezogen werden kann, etwa ins nächste statt ins übernächste Jahrzehnt, ist fraglich. Hotopp: „Konkrete Angaben dazu können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht machen.“

Allerdings gibt es auch Risiken in dem Prozess, die den Starttermin der Bergung wieder nach hinten verschieben könnten. Das BfS verweist darauf, dass zum Beispiel der schlechte Zustand des Bergwerks „Terminrisiken“ berge. So musste 2012 zum Beispiel eine wichtige unterirdische Verbindungsstrecke für die Bergwerksfahrzeuge – die so genannte Wendelstrecke, die von einem Schachtausgang weiter nach unten ins Bergwerk führt – wegen Einsturzgefahr gesperrt werden. Dadurch verzögerten sich die Arbeiten. Auch seien Genehmigungsverfahren in dem Terminplan pauschal mit sechs Monaten veranschlagt. „Mögliche Klageverfahren sind dabei aber noch nicht berücksichtigt.“ Auch das könnte Verzögerungen bringen.

Geklappt hat inzwischen das vom BfS bereits im vorigen Jahr gestartete Anbohren einer der Atommüll-Kammern. Der Strahlenabfall ist verpackt in 200-Liter fassende Rollreifenfässer, die in den Hohlräumen – 60 Meter lang, 40 Meter tief und 15 Meter hoch – untergebracht sind. Nach rund 23 Metern erreichten die Techniker beim zweiten Versuch das Innere von Kammer 7 auf der 750-Meter-Sohle. Das dabei gefundene stark zusammenpresste Salzpulver war nicht radioaktiv belastet. Das ist immerhin eine positive Nachricht. Denn Experten befürchten, dass die vor Jahrzehnten einfach in die Kammern abgekippten Fässer längst verrostet und undicht sind. Derzeit untersucht das BfS in umfangreichen Tests, ob Gase aus der Kammer belastet sind.

Ein Entwarnung für die restlichen Atommüll-Kammern bedeuten die Erkenntnisse jedoch nicht. Es gibt immerhin insgesamt 13 von ihnen. Und ein Fass zumindest ist undicht. Das weiß man seit 2008. Damals ergab ein Gutachten, dass das Cäsium 137 aus der strahlenden Lauge, die vor Kammer 12 schwappte, aus dieser Kammer gekommen sein musste.

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