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22. September 2012

Atommülllager Asse: Neuer Streit um Atomlager Asse

 Von Joachim Wille
Das Atommülllager Asse. Foto: dpa

Eigentlich sollen die Atomfässer aus der maroden Asse herausgeholt werden – doch der Chef der Entsorgungskommission weist auf Gefahren des Konzepts hin. Die Bedrohung für das Grundwasser wächst.

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Eigentlich sollen die Atomfässer aus der maroden Asse herausgeholt werden – doch der Chef der Entsorgungskommission weist auf Gefahren des Konzepts hin. Die Bedrohung für das Grundwasser wächst.

In Expertenkreisen wachsen die Zweifel, dass die Sanierung des maroden Atomlagers Asse wie geplant durchgeführt werden kann. Neue Probleme in dem einsturzgefährdeten Bergwerk verzögern die von der Bundesregierung favorisierte Rückholung der dort lagernden 126.000 Atommüll-Fässer.

Der Vorsitzende der Entsorgungskommission des Bundes, Michael Sailer, sagte unsere Zeitung: „Die Rückholung entwickelt sich immer mehr zur ,Mission Impossible‘“. Als Alternative schlägt er vor, abdichtende Barrieren vor die Atommüll-Kammern und im weiteren Grubengebäude zu bauen. Parallel müssten möglichst viele der Hohlräume im Bergwerk mit Feststoff verfüllt werden.

Die Standsicherheit des früheren Salzbergwerks bei Wolfenbüttel in Niedersachsen, das in 1960er- und 70er-Jahren vom Bund als billige Atomdeponie genutzt wurde, ist gefährdet. Der Salzstock ist löchrig wie ein Schweizer Käse. In ihm gibt es mehrere hundert Hohlräume, aus denen bis 1964 Steinsalz gefördert worden war und die nur teilweise wieder verfüllt wurden. In 13 dieser Kammern lagern die – vermutlich zum Teil bereits leckgeschlagenen – Atomfässer.

„Lex Asse“

Das Bundesumweltministerium hat einen ersten Entwurf für eine „Lex Asse“ erarbeitet. Mit dem Gesetz soll die Schließung des früheren niedersächsischen Salzbergwerks mit dem Atommüll beschleunigt werden. „Die Schachtanlage ist unverzüglich stillzulegen“, heißt es in dem Entwurf. Danach braucht es keinen zeitaufwendigen Planfeststellungsbeschluss, um die 126.000 Fässer mit dem Atommüll zu bergen. Außerdem können mehrere Verfahrensschritte nicht nacheinander, sondern parallel ablaufen, um Zeit zu sparen.

Der Passus im Entwurf, wonach die Stilllegung „vorzugsweise nach Bergung der radioaktiven Abfälle erfolgen“ soll, hat bei der Opposition, Anwohnern und Umweltverbänden Kritik ausgelöst. Danach wäre auch die umstrittene Flutung des maroden Bergwerks nicht ausgeschlossen. Die Grünen monieren zudem, dass laut dem Entwurf der Bund die Kosten der Sanierung tragen soll. Sie fordern, die Stromkonzerne daran zu beteiligen. Schließlich stammten rund 80 Prozent der Asse-Abfälle ursprünglich aus Atomkraftwerken.

Seit dem Frühjahr sind die Arbeiten zur Vorbereitung der Fässer-Rückholung zusätzlich erschwert, weil eine Passage im Bergwerk für den Transport von Bergleuten und Maschinen wegen Einsturzgefahr gesperrt werden musste. Es handelt sich um die Hauptverbindung zwischen zwei Ausgängen aus dem Bergwerksschacht. Dies sind Auslässe, die in die Stollen (die sogenannten Strecken) führen. Die Wendelverbindung führt vom Schachtauslass in 490 Metern Tiefe bis hinunter zum Auslass auf Ebene 750 Meter. Teilweise liegen zwischen den Schleifen der spiralförmigen Hauptverbindung nur zwei bis drei Meter Salzgestein, das durch den Druck im Berg zunehmend rissig wird. An einer Stelle sind bis zu 20 Zentimeter breite Luftspalten entstanden.

Arbeiten an der Asse dauern an

Da eine „Reparatur“ dieser Risse nicht möglich ist, lässt der Asse-Betreiber, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), eine weiträumige „Umleitung“ durch noch festes Gestein fräsen. Diese Arbeiten werden bis 2013 andauern, bestätigte eine Sprecherin der Asse GmbH, die die Arbeiten durchführt. Nach FR-Informationen wird intern mit einem Abschluss erst im 3. Quartal des Jahres gerechnet. Die Arbeiten finden in einer sehr staubigen Atmosphäre des trockenen Salzgesteins statt. Die Fräsmaschinen sowie alle anderen Fahrzeuge und Geräte müssten immer wieder gereinigt werden, bevor man weiter arbeiten könne, berichtet ein Insider.

Laut der Asse-Sprecherin verursache der Umleitungsbau „erhebliche Einschränkungen“ bei den sonstigen Arbeiten in der Asse. Probleme bringt die gekappte Verbindung unter anderem, weil die Untertage-Werkstätten auf der 490-Meter-Ebene, in denen Maschinen und Fahrzeuge sonst regelmäßig gewartet werden, aus dem unteren Asse-Teil nicht mehr direkt zugänglich sind.

Betroffen ist indirekt auch das am 1. Juni gestartete Anbohren einer Atommüll-Kammer. Der Test soll Aufschluss darüber geben, in welchem Zustand die Fässer sind – und wie groß die durch undichte Fässer bereits radioaktiv kontaminierten Salzgrus-Mengen sind. Mit dem lockeren Salzgrus deckte der frühere Asse-Betreiber die Fässer ab, die er zum Teil einfach in die Kammern abgekippt hatte.

Die Testbohrung steht inzwischen vor dem Abschluss. Das Bohrgerät muss durch einen mehr als 20 Meter dicken „Propfen“ aus Beton-, Asphalt- und Bitumen-Schichten getrieben werden, mit dem die Kammer verschlossen ist. Es zeigte sich, dass der Bohrer immer wieder wegen Verschmutzung durch das zähe Bitumen gereinigt werden musste. Daher dauerten die Arbeiten mit zweieinhalb Monaten deutlich länger als erwartet. Inzwischen sind laut der Asse-Sprecherin rund 19 Meter erreicht, pro Tag schafften die Bergleute ohne Komplikationen derzeit 40 Zentimeter. Die Bohrung findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt, da sich in den Kammern möglicherweise radioaktive und/oder explosive Gase befinden. „In den nächsten Wochen“ sei mit dem Durchstoßen in die Kammer und ersten Ergebnissen zu rechnen, heißt es.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Von der Asse GmbH beauftragte Experten gingen in einer 2011 veröffentlichten Studie davon aus, dass ein Abfallvolumen von 275.000 Kubikmetern aus den Tiefen des Bergs geholt werden müsste. Dies wäre ein Wettlauf gegen die Zeit. Vor Beginn der Rückholung müssten zum Beispiel ein neuer, größerer Schacht sowie eine sogenannte Konditionierungsanlage gebaut werden, in der das radioaktive Material sicher „verpackt“ werden könnte. Im Mai hatte der bekanntgewordene Zeitplan des BfS für Ärger gesorgt. Danach könne die Rückholung unter Umständen erst 2036 beginnen. Die Bergung selbst würde nach Expertenschätzung ein bis zwei Jahrzehnte dauern.

Nicht nur die Instabilität der Asse könnte den Rückholungs-Plan zunichtemachen, sondern auch die Gefahr, dass das Bergwerk unkontrolliert „absäuft“. Seit 1988 tritt von außen Wasser in den Salzstock ein. Die Menge von rund 11.000 Litern am Tag ist seither zwar konstant. Es gibt aber keine Garantie, dass das so bleibt. „Das durch Klüfte im Salzstock fließende Wasser kann dort andauernd Salz ablaugen“, erläutert Entsorgungsexperte Sailer.

Es löse sich mehr Salz auf – „die Zutrittsmenge kann daher plötzlich rasant ansteigen.“ Derzeit wird das Wasser in der Asse aufgefangen, Übertage gebracht und entsorgt. „Bei deutlich größeren Mengen wäre das nicht mehr durchführbar“, warnt Sailer, der auch Geschäftsführer des Öko-Instituts ist. Die Asse würde „volllaufen“ – mit der Gefahr, dass Radioaktivität unkontrolliert ins Grundwasser der Umgebung übertritt.

Der Chef der Entsorgungskommission plädiert dafür, die Voraussetzungen für die Bergung weiter zu prüfen. Er schlägt allerdings ein anderes Sicherungskonzept vor. „Da bereits Wasser in einige der 13 Atommüll-Kammern eingetreten ist, sollten an sinnvollen Stellen möglichst dichte Barrieren eingebaut werden, die einen Austritt der kontaminierten Flüssigkeit verhindern oder zumindest bremsen können“, empfiehlt er.

Parallel müssten möglichst viele der Hohlräume in der Asse mit Feststoff wie Salzgrus und Beton verfüllt werden. Ziel: Das offene Volumen im Berg zu reduzieren, das mit Wasser volllaufen könnte.

Der Vorteil laut Sailer: Saufe die Asse ab, verringere jede bis dahin realisierte Maßnahme die Gefahr für das Grundwasser – anders als beim Konzept der Rückholung. „Dabei müssten schon mindestens Dreiviertel des Atommülls geborgen sein, um die Grundwassergefährdung deutlich zu senken“, erläutert er. Bis dahin könne es 30 bis 40 Jahre dauern. Währenddessen müsse das Bergwerk offen gehalten werden, womit es für eindringendes Wasser voll zugänglich bliebe.

Altmaier unter Druck

Sailer grenzt sich vom „Schließungskonzept“ des früheren Asse-Betreibers, des Helmholtz-Zentrums München, ab. Dieser hatte geplant, das Bergwerk einfach mit großen Mengen gesättigter Salzlauge zu fluten. Das sollte die Stabilität erhöhen. Allerdings hätte das die Gefahr einer Grundwasserverseuchung provoziert. Unter anderem deswegen hatte die damalige Bundesregierung 2008 den Betreiberwechsel zum BfS angeordnet.

„Die Entsorgungskommission hält das Flutungskonzept nicht für richtig“, betont Sailer. Finanzielle Überlegungen dürften bei der Entscheidung der Asse-Sanierung keine Rolle spielen. Die Kosten einer Rückholung der Atomfässer werden auf bis zu vier Milliarden Euro geschätzt. Die Flutung wäre deutlich billiger gewesen.

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) bringt die Warnung des Entsorgungsexperten unter Druck. Er hat sich bereits kurz nach seiner Amtsübernahme im Mai eindeutig auf die Rückholung festgelegt. Dieses Sanierungskonzept wird von den Asse-Anwohnern, Politikern der Region und den Umweltverbänden gefordert. Treffen jedoch Michael Sailers Bedenken zu und bleibt die Asse nicht lange genug stabil, könnte das am Ende die gefährlichere Variante sein.

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