Die Speicherung von Wind- oder Solarstrom in großem Stil ist eine entscheidende Hürde auf dem Weg zur Energiewende. Industrie, Wissenschaft und Umweltschützer glauben vor der Lösung des Problems zu stehen. Vor allem die Gaswirtschaft ist elektrisiert. Es geht um die Umwandlung von Ökostrom in Wasserstoff oder in Erdgas, die beide als speicherbare Energieträger vielfältig genutzt oder wieder zurück in Strom verwandelt werden können. Die Münchner Thüga, als Deutschlands größter Gasversorger einer der potenziellen Hauptnutznießer der neuen Technologie, reagiert begeistert.
„Von den Optionen, erneuerbare Energien zu speichern, halten wir die Erdgasnetze für die spannendste und zukunftsträchtigste Variante“, sagt Thüga-Chef Ewald Woste. Diese Netze bestehen bereits, müssten nicht wie zum Transport erneuerbarer Energien nötige Stromtrassen erst neu gebaut werden und haben riesige Kapazitäten, betont auch Fraunhofer-Forscher Michael Sterner. Er arbeitet beim Kasseler Iwes-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft und gilt als ein Urheber der Ökogas-Idee. Für die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat er eine Studie erstellt, die dessen Potenziale beleuchtet.
Demnach lassen sich jährlich 16 Terawattstunden aus Ökostrom gewonnener Wasserstoff in die hiesigen Erdgasnetze einspeisen. Das ist die 20-fache Kapazität von Pumpspeicherkraftwerken, die bislang als wichtigster Energiespeicher galten. Wird Ökostrom in einem zweiten Schritt in synthetisches Erdgas verwandelt, steigen die Speicherkapazitäten auf 220 Terawattstunden – genug um Deutschland zwei bis drei Monate vollständig mit Strom zu versorgen. Diese Perspektiven bietet kein anderes Speichermedium.
„Das ist die Chance für die Gaswirtschaft, zu einer tragenden Säule der Energiewende zu werden und neues Geschäft zu machen“, sagt ein Insider. Gas fließe heute vor allem in den Heizungsmarkt. Der schrumpfe aber wegen besserer Wärmedämmung von Häusern. Zusammen mit der Deutschen Energieagentur arbeitet die Thüga derzeit an einer wirtschaftlichen Machbarkeitsstudie für das Konzept. Als Technologiepartner ist der Industriegasekonzern Linde im Boot.
„Windgas“ für Haushalte
Einen Schritt weiter ist Autohersteller Audi. Ökogas kann auch Autos antreiben und das klimaneutral. Für eine zweistellige Millionensumme baut Audi derzeit mit dem Technologiepartner Solar Fuel in Niedersachsen eine erste Anlage zur Erzeugung von Erdgas aus erneuerbaren Energien mit einer Leistung von 6,3 Megawatt, nachdem ein Prototyp die Machbarkeit bestätigt hat. „Wir versprechen uns viel davon“, sagt der bei Audi zuständige Experte Oliver Strohbach.
Zeitgleich 2013 sollen ein Audi A3 mit Erdgasmotor auf den Markt kommen, die Ökogasanlage in Betrieb gehen und in das deutsche Gasnetz einspeisen. 1500 solcher A3 mit jährlich 15000 Kilometer Laufleistung könnten dann klimaneutral betrieben werden.
Bei Erdgasautos müssten sich Kunden anders als bei Elektroautos auch nicht groß umstellen, betont Strohbach. Fraunhofer bestätigt derart betankten Gasautos eine mit Elektroautos vergleichbare Ökobilanz. Wenn sich das Konzept am Markt durchsetzt, will Audi in weitere Ökogas-Anlagen investieren.
Ein weiterer Pionier der Technologie ist Greenpeace Energy. Von Oktober an wollen die Umweltschützer sogenanntes Windgas an Haushaltskunden verkaufen. Erst wird normales Erdgas angeboten. Durch einen Aufschlag von voraussichtlich 0,5 Cent je Kilowattstunde sollen Anlagen zur Umwandlung von Ökostrom in Ökogas finanziert werden, das ab 2012 nach und nach mit wachsenden Umwandlungskapazitäten eingespeist wird. Ziel ist es, binnen fünf Jahren 40000 Kunden unter Vertrag zu haben und Energieversorger zur Nachahmung anzuregen.
Wenn hierzulande über 15 Jahre per annum eine Milliarde Euro in Anlagen zur Umwandlung von Ökostrom in Ökogas investiert wird, steht die Infrastruktur flächendeckend, schätzt Sterner. Das mache sich bezahlt. „Ökogas stellt die Energiewende auf sichere Beine“, betont er.
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