Die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) will mit den Stromkonzernen hart verhandeln. Im FR-Interview spricht sie über Atom-Sicherheit und Laufzeitverlängerungen.
Tanja Gönner, Umweltministerin von Baden-Württemberg.
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Frankfurter Rundschau: Sie plädieren dafür, das in Ihrem Bundesland gelegene Kernkraftwerk Neckarwestheim 1 am Netz zu lassen, obwohl es sich um einen der ältesten deutsche Reaktoren handelt. Wieso?
Tanja Gönner: Entscheidend für die Laufzeiten ist die Sicherheit, die bei einer etwaigen Verlängerung bei dem Reaktor einzeln überprüft werden muss. Neckarwestheim 1 braucht sich da nicht verstecken. Ich bin dafür, die vorhandenen Kernkraftwerke am Netz zu lassen, bis die Bundesregierung ihr Energiekonzept vorgelegt hat. Bis dahin muss auch über eventuell nötige sicherheitstechnische Nachrüstungen entschieden sein.
Neckarwestheim 1 ist zum Beispiel nicht gegen Abstürze größerer Flugzeuge ausgelegt. Könnte es sein, dass der Reaktor bei einem fallweisen Sicherheitscheck trotzdem durchfällt?
Ich gehe nicht davon aus. Die Anlage hat bei einem internationalen Test erst letztes Jahr eine gute Bewertung bekommen, und unsere baden-württembergische Atomaufsicht legt sehr strenge Sicherheitskriterien an. Das sieht man daran, dass hier bei Baukosten von 375 Millionen Euro über 680 Millionen in Modernisierung und Nachrüstung investiert wurden. Allerdings muss jeder Energieversorger für sich entscheiden, ob er das Geld für Nachrüstmaßnahmen in die Hand nimmt oder den jeweiligen Reaktor abschaltet.
Die Gorleben-Story
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Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
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Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
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Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
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Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
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Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
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Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
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Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
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Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
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Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
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Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
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Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
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Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
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1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
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Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
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Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
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Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
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Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
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Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
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Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
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Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern
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Ärgert es Sie, dass sich die Bundesregierung mit der Entscheidung über die Laufzeiten so viel Zeit lässt? Das bringt Neckarwestheim-Betreiber EnBW in die Klemme. Die genehmigte Strommenge geht zur Neige.
Die Stromkonzerne wollen eine schnelle Entscheidung. Aber: Die Erarbeitung des Energiekonzepts geht vor. Es war der große Fehler, dass Rot-Grün beim Atomkonsens im Jahr 2000 kein solches Konzept hatte und die Laufzeiten willkürlich griff. Das darf nicht noch einmal geschehen.
Die Verärgerung bei den Stromkonzernen ist groß. Verstehen Sie das?
Ärger ist kein guter Ratgeber, gerade in diesen Fragen. Ich erinnere daran: Die noch gültige Ausstiegsvereinbarung wurde von den Stromkonzernen selbst unterzeichnet. Sie sind daran gebunden.
Bis wann sollte es Klarheit über die Laufzeit-Verlängerung geben?
Die Eckpunkte des Energiekonzepts dürften bis zum Sommer vorliegen. Danach könnten die Gespräche mit den einzelnen Stromversorgern beginnen. Aber auch dann gilt: Sorgfalt vor Schnelligkeit.
Also müsste EnBW sich zusätzliche Strommengen beim Konkurrenten Eon besorgen, der noch ungenutzt Kontingente aus dem stillgelegten Reaktor in Stade hat, um die Zeit zu überbrücken. Ist das okay?
Das Atomgesetz lässt dies ausdrücklich zu! Es wäre legitim für die Stromkonzerne, so zu verfahren. Dass SPD und Grüne sich nun darüber aufregen, ist absurd. Sie haben diese Möglichkeit selbst so beschlossen.
EnBW muss wohl tief in die Tasche greifen, um Neckarwestheim 1 am Laufen zu halten. Auch okay?
Auch das wäre vertretbar. Es war eh immer klar, dass es längere Laufzeiten nicht zum Nulltarif geben wird.
CSU-Umweltpolitiker Josef Göppel hat jüngst hohe Anforderungen zur Laufzeitverlängerung gestellt. Etwa: 75 Prozent der Zusatzgewinne der Stromkonzerne für öffentliche Zwecke abschöpfen, Versicherungspflicht für Atomunfälle erhöhen. Gehen Sie da mit?
Wir müssen die Verhandlungen hart führen, orientiert am Koalitionsvertrag. Darin steht: Die Sicherheitskriterien müssen hoch sein, und mindestens die Hälfte der Zusatzerträge soll abgeführt werden. Aber es macht keinen Sinn, jetzt bei den Anforderungen weiter nachzulegen.
Auf welchem Weg sollte das Geld in die Kassen des Staates kommen? Über einen Vertrag mit den Stromkonzernen oder eine Steuer auf Atombrennstoffe?
Eine Steuer ist höchst problematisch, weil sie von den Kernkraft-Betreibern auf die Strompreis umgelegt werden könnte: Das ist gerade nicht das Ziel. In der Vereinbarung mit ihnen muss die Abschöpfung aber wasserdicht geregelt werden. Das Geld soll etwa eingesetzt werden, um die erneuerbaren Energien weiter voran zu bringen.
Schlussfrage: Das Bundeskartellamt hat vor einer generellen Laufzeitverlängerung gewarnt, weil das die Macht der vier Konzerne zementiere. Sie sehen das nicht so?
Darüber war ich sehr verwundert. Die Aufgabe des Kartellamts ist es nicht, Energiepolitik zu machen. Es sollte Vorschläge einbringen, wie innerhalb der politisch gesetzten Strukturen Wettbewerb zu sichern ist.