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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

29. August 2011

Chemiekonzern Wacker: Solarstrom viel billiger als gedacht

 Von Jakob Schlandt
Silizium ist das Ausgangsmaterial für Solarzellen. Deren Herstellungskosten sinken rasant.  Foto: dpa

Photovoltaik wird noch günstiger und schon jetzt liegen die Subventionen über den Kosten - sind sie zu hoch? Antworten liefert eine aktuelle Berechnung aus der Chemieindustrie.

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Photovoltaik wird noch günstiger und schon jetzt liegen die Subventionen über den Kosten - sind sie zu hoch? Antworten liefert eine aktuelle Berechnung aus der Chemieindustrie.

Frankfurt –  

Betreiber von Solarstromanlagen erhalten seit Jahren staatliche Fördergelder, die weit über den tatsächlichen Kosten der Anlage liegen. Photovoltaik wird darüber hinaus schneller als erwartet zu einer der billigsten regenerativen Stromquellen. Dies geht aus einer Präsentation des Chemiekonzerns Wacker hervor, die diese Zeitung aus Industriekreisen erhielt.

Laut den Berechnungen von Wacker liegen zum Beispiel derzeit die Kosten für Bau und Betrieb einer Anlage auf offener Fläche bei 15 Cent pro Kilowattstunde. Dies schließt laut Wacker eine moderate Rendite für den Betreiber ein. Tatsächlich werden derzeit 21,1 Cent gezahlt (siehe Grafik). Auch bei kleineren Dachanlagen sind die letztlich von den Stromverbrauchern bezahlten Vergütungen enorm hoch. Während laut Wacker gut 22 Cent nötig wären, werden über das Erneuerbare-Energien-Gesetz auf 20 Jahre garantiert 28,7 Cent pro Kilowattstunde gezahlt.

Die Berechnungen des Konzerns gelten für sehr gute Sonnenstandorte, bei denen jedes Solarmodul pro Watt installierter Leistung eine Ernte von 1 000 Wattstunden pro Jahr einfährt. Das ist in weiten Teilen Süddeutschlands zu erreichen. Doch selbst mit 900 Wattstunden (wie etwa in Brandenburg) liegen die Kosten deutlich unter den Subventionen.

Großzügig

System: Wer eine neue Solaranlage baut, erhält in den folgenden 20 Jahren eine feste Vergütung für jede ins Netz eingespeiste Kilowattstunde Strom. Sie wird von der Regierung per Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegt. Die Differenz zu den Strompreisen aus herkömmlichen Kraftwerken zahlen über Umwege die Verbraucher (EEG-Umlage).
Kosten: Aus Zahlen der Solarsparte von Wacker Chemie geht hervor, dass die Einspeisevergütung an guten Standorten weit über den Kosten der Investoren einschließlich Rendite liegt.

Das Missverhältnis existiert seit vielen Jahren, hat sich zuletzt aber noch verschärft. 2006 zum Beispiel lagen die Kosten für eine Freiflächenanlage laut Wacker bei 35 Cent pro Kilowattstunde und die Vergütung bei 40,6 Cent. Der Abstand war damals prozentual deutlich geringer als heute.

Wacker prognostiziert zudem, dass der Preisverfall ungebrochen weitergeht. Schon 2016 könnte Solarstrom von Großanlagen für acht Cent pro Kilowattstunde profitabel produziert werden. Damit wäre der Preis innerhalb von zehn Jahren um knapp 80 Prozent gesunken. Der deutsche Solarverband BSW geht bislang öffentlich von deutlich höheren Kosten aus und wirbt deshalb dafür, die Subventionen nur langsam zu senken.

Nur die Besten überleben

Wacker Polysilicon, die Solartochter des Münchner Konzerns, ist der zweitgrößte Siliziumhersteller der Welt. Silizium ist der wichtigste Rohstoff für die Herstellung herkömmlicher Solarzellen. Auf Anfrage bestätigte Wacker die Berechnungen. Ewald Schindlbeck, Chef der Wacker-Siliziumsparte, sagte dazu: „Die Photovoltaik wird sehr schnell noch deutlich billiger werden. Schon in den vergangenen Jahren sind die Preise stark gesunken, und es gibt noch viel Platz nach unten.“ Eine Freiflächenanlage werde 2016 nur noch einen Euro statt derzeit 1,80 Euro pro Watt Leistung kosten.

Wie schafft die Solarindustrie die massiven Kostensenkungen? „Am wichtigsten ist, dass Photovoltaikmodule in Zukunft bei gleicher Größe und gleichem Ressourceneinsatz sehr viel mehr Strom erzeugen, weil der Wirkungsgrad immer besser wird“, sagte Schindlbeck. Es werde aber auch überall Kostensenkungen geben: in der Siliziumproduktion, in der Modulfertigung und selbst bei den Installateuren. Nur die führenden Hersteller würden im Wettbewerb bestehen.

Eine Absenkung der teuren Solarförderung lehnt Schindlbeck jedoch ab. „Die Förderung war in den vergangenen Jahren in Deutschland tatsächlich sehr hoch und konnte mit den drastischen Kostensenkungen der vergangenen Jahre nicht Schritt halten. Jetzt sinkt die Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz aber um mindestens neun Prozent pro Jahr und sogar deutlich stärker bis zu 24 Prozent, wenn sehr viel installiert wird.“ Dieses System sei der richtige Weg für die kommenden Jahre. Kritiker wie der Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Sachverständigenrat für Umweltfragen sprechen sich dagegen für weitere Kürzungen aus.

Schindlbeck äußerte sich jedoch auch selbstkritisch: Die Solarindustrie solle sich aktiver als bisher an der Weiterentwicklung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes beteiligen. „Sie muss selbstbewusst darauf hinweisen, wie günstig die Photovoltaik jetzt schon ist und vor allem bald sein wird.“ In den kommenden Jahren werde Solarstrom von der teuersten erneuerbaren Energieerzeugungsart zur günstigsten und erreiche das Niveau des „Billigmachers“, der Windenergie an Land.

Vernünftig sei die Installation von drei bis fünf Gigawatt Solaranlagen pro Jahr in Deutschland – das entspricht bei optimaler Sonne der Leistung mehrerer Großkraftwerke und ist etwa halb so viel wie im Rekordjahr 2010. Dieses Jahr würden es in Deutschland aber eher fünf bis sieben Gigawatt, so Schindlbeck. Langfristig müsse das Problem gelöst werden, Solarstrom, der hauptsächlich tagsüber und im Sommer anfällt, besser in das System zu integrieren. Der Strommarkt müsse sich stärker an den Erneuerbaren ausrichten.

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