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Desertec-Berater Töpfer: "Afrikanische Länder müssen mitreden"

Kraftwerke in der Wüste zu bauen - das beinhaltet viele Herausforderungen, nicht nur technische. Desertec-Berater und Ex-Umweltminister Töpfer sagt im FR-Interview, wie er sie angehen will.

Klaus Töpfer (CDU) ist Direktor des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam sowie neuerdings Berater des Sahara-Stromprojekts Desertec.
Klaus Töpfer (CDU) ist Direktor des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam sowie neuerdings Berater des Sahara-Stromprojekts Desertec.
Foto: ddp

Das Wüstenstrom-Projekt Desertec ist in der Umwelt-Szene umstritten - zu zentralistisch, zu teuer, auf die Konzerne zugeschnitten, so lautet die Kritik. Sie sind nun Desertec-Berater. Was hat Sie dazu bewogen?

Desertec soll keineswegs die dezentralen Energiekonzepte ersetzen, es soll sie ergänzen. Die dezentrale "Ernte" von Wind, Sonne, Biomasse und Erdwärme ist die Voraussetzung für den klimafreundlichen Umbau des Energiesystems. Desertec wird im Endausbau 15 Prozent des in Europa verbrauchten Stroms liefern können. Logische Folge: 85 Prozent werden aus anderen Quellen kommen müssen - hoffentlich in besonderem Maße auch aus dezentraler Erzeugung.

Die 15 Prozent klingen nicht nach viel, tatsächlich sind es aber riesige Strommengen - angesichts des Gesamt-Stromverbrauchs im hoch industrialisierten Europa.

Richtig. Und es ist unsere Aufgabe, Technologien zu entwickeln und anbieten zu können, die verlässlich rund um die Uhr Strom erzeugen. Wer möglichst schnell die fossilen Energien und Atomkraftwerke ersetzen will, muss alle Anstrengungen für technologischen Fortschritt unternehmen. Desertec soll hierzu seinen Anteil leisten. Diese Technologie zu entwickeln, nützt nicht nur Europa, sondern auch anderen Kontinenten. Dies könnte ein gefragtes Exportprodukt für den Weltmarkt werden.

Soll Desertec mehr den Europäern oder den nordafrikanischen und Nahost-Staaten nützen?

Es ist einsichtig: Desertec wird überhaupt nur dann eine Chance haben, wenn es den Ländern nützt, in denen der Solar- und Windstrom gewonnen wird. Daher müssen diese Länder und Unternehmen von dort auch bei der Konzeption mitreden können.

Also Desertec als Entwicklungshilfe-Projekt?

Armut in Entwicklungsländern ist zum großen Teil Energiearmut. Diese muss überwunden werden, und zwar so schnell wie möglich ohne fossile Energien. Desertec kann dafür einen Beitrag zum Umbau liefern. In den afrikanischen Ländern wächst der Energiebedarf rasch. In Kenia, wo ich lange gelebt habe, haben bisher nicht einmal zehn Prozent der Menschen Zugang zum Stromnetz.

Wann könnte der erste Sahara-Strom fließen?

Da lege ich mich nicht fest. Das hängt davon ab, wie intensiv an dem Projekt gearbeitet wird, wie groß die politische Unterstützung ist und ob alle technologischen Fragen gelöst werden können. Solar- und Windkraftwerke sind bereits weit entwickelt worden, gerade auch von deutschen Forschern und Unternehmen. Spanien ist in Europa führend. Aber diese Kraftwerke in einem Wüstenklima zu betreiben, wo es kein Wasser gibt und Sandstürme toben, ist eine neue Herausforderung.

Sind die nordafrikanischen und Nahost-Länder denn politisch stabil genug, um dort ein solches Projekt zu installieren, von dem Europas Versorgung abhängt?

Die Stabilität ist grundsätzlich vorhanden - und sie wird durch die Zusammenarbeit über Desertec ja noch verstärkt. Desertec wäre eine zusätzliche Einnahmequelle für die Standortländer, und sie hätten logischerweise ein starkes Interesse, die Solar- und Windenergie auch verlässlich und kontinuierlich verkaufen zu können.

Manche Kritiker sagen: Europa darf sich nicht erneut abhängig machen - wie bei Öl und Gas. Was antworten Sie denen?

Erstens kämen, wie ich schon sagte, mindestens 85 Prozent des Stroms aus anderen, auch dezentralen Quellen. Für den Desertec-Anteil ist Diversifizierung das Stichwort. Es gäbe ja eine ganze Reihe von Lieferländern, sodass das Risiko der Abhängigkeit gering wäre.

Bleibt die Stromversorgung denn bezahlbar? Desertec soll immerhin 400 Milliarden Euro kosten.

Wenn der so produzierte Strom nicht bezahlbar ist, wird sich das Projekt nicht durchsetzen. So einfach ist es. Außerdem: 400 Milliarden Euro sind eine große Summe, aber sie verteilt sich auf 40 Jahre und viele einzelne Anlagen und die Strom-Übertragungsnetze. Die Investition sprengt keineswegs den Rahmen, der jetzt schon für Energieanlagen ausgegeben wird.

Sie haben die beteiligten Industriekonzerne für die Desertec-Initiative gelobt. Agieren sie verantwortungsvoller als die Politik, die keine Solarkraftwerke, dafür aber Weltklimagipfel wie Kopenhagen in den Sand setzt?

Kopenhagen hat viele enttäuscht, da man sich auf rechtlich verbindliche Ziele und Zeiträume nicht einigen konnte. Umso wichtiger ist es nicht zu warten, sondern zu handeln. So ist es eine notwendige Folge aus Kopenhagen, dass auch große deutsche Konzerne bei Desertec die Tür für CO2-freie Energie aufstoßen. Sie haben erkannt, dass die Energieversorgung einer Welt mit bald neun Milliarden Menschen mit Öl, Gas und Kohle auf Dauer nicht funktioniert. Es sollen Milliarden investiert werden, um umzusteuern. Dass sie nicht abwarten, sondern konkret handeln - das ist das Lob wert.

Allerdings: Ohne Subventionen läuft es nicht. Desertec-Strom wird teurer sein als konventioneller Strom.

Wie teuer der Desertec-Strom sein wird, kann man gegenwärtig nicht präzise angeben. In Deutschland ist der bisherige Aufschwung der erneuerbaren Energien auch durch Fördermittel und eine Umlagefinanzierung über das Erneuerbare Energien-Gesetz zustande gebracht worden - und zwar völlig zu Recht. Viele Länder haben das kopiert, denn der Markt alleine versagt hier. Die Unternehmen, die bei Desertec investieren, werden dies nur tun, wenn die Investitionen sich rentieren. Strom aus der Wüste ist eines der Großprojekte im Aktionsplan der EU für das Mittelmeer. Es liegt daher nahe, dass auch Vergütungsregelungen im gesamteuropäischen Rahmen festgelegt werden.

(Interview: Joachim Wille)

Datum:  15 | 3 | 2010
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