Wie knapp Öl weltweit ist, spüren Autofahrer schmerzhaft an der Tankstelle. Gut viermal so teuer wie vor zehn Jahren ist der Rohstoff. Zwar steigt die Ölförderung weltweit immer noch leicht an. Doch das Ölzeitalter ist in seiner Endphase angelangt. Der Aufwand für jedes zusätzliche Barrel ist groß: Schmutzige Ölsande werden aus der kanadischen Wildnis gebaggert, neue Bohrinseln vor Afrika und Brasilien und sogar in den Polarmeeren pumpen zu hohen Preisen und mit großen Umweltrisiken das begehrte Schmiermittel der Weltwirtschaft aus der Tiefe. Jede Aussicht auf Verknappung – wie die Revolution in Libyen oder der Atomstreit mit dem Iran – treibt die Preise stark in die Höhe.
Lange gingen Forschung und Wirtschaft davon aus, dass es sich bei Erdgas ähnlich verhält und der sehr viel leichtere Kohlenwasserstoff ebenfalls schnell knapp wird. Doch weit gefehlt. In den vergangenen Jahren hat sich am Markt für fossile Energie ein grundlegender Wandel vollzogen. Gas- und Ölmarkt haben sich voneinander abgekoppelt.
Mitte Januar fielen die Gaspreise in den USA auf ein Zehn-Jahres-Tief – während Öl weiter auf hohem Niveau notiert. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die Preise der beiden Rohstoffe im Gleichschritt entwickelten. Pro Brennwerteinheit ist Gas nun sehr viel billiger geworden. Das ist zwar nicht überall so. In Europa ist zum Beispiel ein Teil der Mengen preislich ans Öl gekoppelt. Doch die vielen neuen Gasfunde werden vermutlich global auf lange Zeit die Preise im Vergleich zu Öl niedrig halten. Dadurch wird Erdgas zum Beispiel für den Einsatz im Verkehr deutlich interessanter.
Vorräte mehr als verdoppelt
Der Chef des unabhängigen Analysedienstes Energy-Comment, Steffen Bukold, betont zwar, dass die regionalen Preisunterschiede groß sind. So sei Erdgas in Japan fünfmal so teuer wie in den USA. Im amerikanischen Markt steigt das Angebot dank Schiefergas steil an, und es gibt kaum Exportmöglichkeiten. In Japan sind dagegen laut Bukold die Gaspreise an den Ölpreis gebunden. Der weltweite Trend lautet dennoch: Gas ist billig, Öl teuer.
Einer der wichtigsten Gründe sind die von Bukold genannten Schiefergasvorkommen, die seit etwa zehn Jahren systematisch ausgebeutet werden: Mit neuen, von Umweltverbänden kritisierten Fördertechniken, bei denen durch Querbohrungen und das Einleiten von Chemikalien und Wasser ins Gestein zusätzlich Gas aus dem Boden gepresst werden kann, haben die USA ihre Gasvorräte mehr als verdoppelt, auch wenn sie zuletzt wieder etwas nach unten revidiert wurden.
Die Ausbeutung unkonventioneller Vorkommen könnte auch in anderen Erdteilen bald im großen Stil zum Einsatz kommen. Sogar Europa, wo vor wenigen Jahren noch von unwiderruflich sinkender Gasförderung ausgegangen wurde, ist ein Kandidat dafür. In Polen ist zum Beispiel eine regelrechte Erdgas-Bonanza ausgebrochen. In Deutschland erforscht vor allem der US-Konzern Exxon, ob die Technik zum Einsatz kommen kann. Allerdings sind im dicht besiedelten Deutschland die Sorgen um die Umwelt und das Trinkwasser sehr groß.
Hinzu kommt, dass der Markt für verflüssigtes und per Schiff transportiertes Erdgas ständig wächst. Der Golfstaat Qatar zum Beispiel, vor dessen Küste eines der größten Gasvorkommen der Welt schlummert, hat riesige Verflüssigungs-Terminals gebaut. Schon jetzt exportiert Qatar mehr Gas als Deutschland verbraucht. Gleichzeitig entstehen in Europa neue Anlandestationen.
Die nachgewiesen Gasreserven reichen nach Angaben des Ölkonzerns BP knapp 60 Jahre, bei Öl sind es 46 Jahre. Dazu kommt: Während die Welt bereits relativ gründlich nach Öl abgesucht wurde, gibt es zahlreiche, vielversprechende Gasgebiete, die noch nicht eingeschätzt werden können. Selbst Russland, der zweitgrößte Gasproduzent nach den USA, hat wohl noch gewaltige unerforschte Gas-Potenziale.
Und die weltweiten Vorräte finden ihren Weg zu den Konsumenten. Claudia Kemfert, Energieexpertin des Berliner Wirtschaftsinstituts DIW, sagt: „Langsam, aber sicher entsteht ein Weltmarkt für Erdgas. Das Überangebot aus den USA wirkt sich zum Beispiel auch auf Europa aus. Die USA exportieren nach Spanien Gas und drücken so die europäischen Gaspreise. Das war vor einigen Jahren noch völlig undenkbar.“ Die Internationale Energie-Agentur rechnet damit, dass Erdgas weltweit bis 2035 Öl und Kohle als Energiequelle fast einholt. Möglicherweise wird es in den Jahrzehnten danach sogar der wichtigste fossile Energieträger.
Mehr Erdgas-Autos?
Die DIW-Expertin erwartet, dass auch in Deutschland ein neues Gaszeitalter anbricht: Der Anteil von Erdgas am gesamten Energieverbrauch werde in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten vermutlich kräftig ansteigen und das jetzige Niveau von knapp einem Viertel weit hinter sich lassen, während gleichzeitig die erneuerbaren Energien ausgebaut würden. „Der Zugewinn von Gas wird also auf Kosten von Kohle und Erdöl gehen.“ Das ist zumindest keine schlechte Nachricht fürs Klima: Beim Verbrennen von Gas entsteht deutlich weniger Kohlendioxid als im Fall von Öl und vor allem Kohle.
Claudia Kemfert sagt: „Gas ist in mehrerlei Hinsicht ein idealer Brückenrohstoff.“ Gaskraftwerke könnten sehr flexibel und, wenn sie Strom und Wärme gleichzeitig produzieren, hocheffizient betrieben werden und eignen sich deshalb sehr gut dazu, im Zusammenspiel mit den erneuerbaren Energien eingesetzt zu werden.
Auch in der Mobilität könnte und sollte Gas laut Kemfert eine wichtigere Rolle spielen. Steffen Bukold sagt ebenfalls: „Ich rechne damit, dass Gas vor allem im Verkehr häufiger als bislang eingesetzt wird.“ Es sei vielerorts billiger, sauberer, technisch erprobt und in den wichtigsten Märkten – China und USA – in großen Mengen vorhanden. Anders als bei der Elektromobilität eigneten sich auch Busse, Schiffe und Lkw für den Gasantrieb. Allerdings: Auch Gas, so Bukold, sei letztlich geologisch nur begrenzt verfügbar und könne zudem die Klimaproblematik nicht lösen. „Es wird daher nur eine Übergangslösung sein auf dem Weg in ein von erneuerbaren Energien geprägtes Zeitalter.“
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