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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

24. Oktober 2014

Energieeffizienz und Klimawandel: „2000 Watt stehen jedem zu“

 Von 
Bitte weniger Kohlendioxid: Schornsteine eines Blockheizkraftwerkes des neuen Berliner Flughafens qualmen vor untergehender Sonne.  Foto: dpa

Der Energieexperte Peter Hennicke wird mit dem deutschen Umweltpreis geehrt. Ein Gespräch über klimafreundliche Lebensweisen, Geduldsfragen und wie sich die Stromkonzerne verändern müssen.

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Herr Professor Hennicke, man nennt Sie „Deutschlands Energieeffizienz-Papst“. Wie leben Sie denn selbst? Fahrrad statt Auto, Pullover statt Heizung, Zug statt Flug?
Ich hoffe, dass sich der Papst nicht so viele persönliche Widersprüche leistet, wie ich beim Energiesparen. Ich gebe zu: Meine Energiewende ist noch stark verbesserungsfähig.

Warum?
Meine CO2-Bilanz als „predigender Energieeffizienzpapst“ ist wegen vieler Auslandsflüge wenig vorzeigbar. Auch die CO2-Kompensation, die man etwa über Atmosfair machen kann, klappt nicht immer. Ich fahre ein Vier-Liter-Auto und wohne in einem Reihenhaus mit solar unterstützter Heizung und energiesparenden Geräten.. Reisen in Europa mache ich fast immer mit dem Zug – das ist mein noch recht bescheidener Ablasshandel für die Sünde einer zu hohen CO2-Bilanz. Die Hoffnung bleibt, dass meine weltweiten Vorträge ein wenig dazu beitragen, die Energieeffizienz und die Energiewende vor Ort voranzubringen.

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Die Bundesbürger verursachen pro Kopf im Schnitt zehn Tonnen des Treibhausgases pro Jahr. Klimaforscher sagen: Mehr als zwei Tonnen pro Kopf und Jahr dürfen es für alle Erdenbürger längerfristig nicht sein, damit der Klimawandel beherrschbar bleibt. Eine Utopie?
Das ist eine machbare Vision, der wir uns schrittweise, aber viel energischer als bisher annähern können. Faszinierend und viel zu wenig beachtet ist das Schweizer Konzept der „2000 Watt pro Kopf“-Gesellschaft, das der Energieeffizienz Vorrang einräumt, so dass langfristig die CO2-Emissionen sogar auf eine Tonne pro Kopf abgesenkt werden können. Schweizer Forschungsinstitute und mein Kollege Eberhard Jochem haben die Realisierbarkeit dieser Vision im 21. Jahrhundert nachgewiesen. 340 Schweizer „Energiestädte“ haben Umsetzungskonzepte in diese Richtung beschlossen, auch in Zürich. 2000 Watt pro Kopf war der Energieverbrauch in Zürich etwa im Jahr 1960. Heute ist er mehr als dreimal so hoch; diese 6000 Watt pro Kopf entsprechen etwa dem europäischem Durchschnitt.

Sollen wir also mit 2000 Watt zurück in die „Steinzeit“ der 60er Jahre?
Ganz im Gegenteil: 2000 Watt für alle Erdenbürger wäre zukünftig für neun Milliarden Menschen auf der Erde eine naturverträgliche und verteilungsgerechte Rückkehr zum derzeitigen globalen Durchschnitt. Mit dem fundamentalen Unterschied, dass auf der Grundlage modernster Technik zukünftig eine sehr hohe Reduktion des Energie- und Materialverbrauchs pro Kopf in Industriestaaten ohne Einbuße von Lebensqualität möglich ist. Durch diese Reduktion würde im globalen Süden der Spielraum für den unabdingbaren Nachholbedarf geschaffen, ohne die „globalen Leitplanken“ beim Klima- und Ressourcenschutz weiter zu überschreiten. Das „2000 Watt“- Konzept kann ab sofort und überall durch eine Kombination aus Effizienz-Politik seitens der Regierungen auf EU-, nationaler und Landesebene und der Wirtschaft sowie Verstärkung von Suffizienz-Trends beim einsichtigen Bürger in Gang gesetzt werden.

Wenn jemand wirklich klimafreundlich leben will, was muss er tun? Was ist das Wichtigste?
Mit individuellen Verhaltensänderungen ist eine Absenkung von zehn auf fünf Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr derzeit möglich. Dies verlangt etwa, ein bewusstes Heizen und ein kleines Auto beziehungsweise den öffentlichen Personenverkehr zu nutzen, Flugtourismus durch Inlandsreisen zu ersetzen und Haushaltsgeräte beim jeweiligen Neukauf auf Energiespargeräte umzustellen: Allein durch Letzteres kann der Stromverbrauch einer Durchschnittsfamilie auf ein Drittel reduziert werden. Hieran wird aber auch deutlich: So wichtig und beispielgebend individuelle Verhaltensänderungen auch sind, eine CO2-Reduktion auf ein bis zwei Tonnen pro Kopf verlangt weit mehr: nämlich eine „große Transformation“ aller energie- und ressourcenintensiven Infrastrukturen und Produktionsanlagen durch neue Techniken sowie eine nahezu vollständige Umstellung des Strom-, Wärme- und Verkehrssektors auf erneuerbare Energien.

Wie ist das zu schaffen?
Diesen Strukturwandel können Bürger und Bürgerbewegungen nur als „Gemeinschaftswerk“ (Ethikkommission von 2011) mit dem Stimmzettel und durch Überzeugungsarbeit in Politik und Wirtschaft erreichen. Ich vermisse da auch die Stimme der Investitionsgüter-Hersteller. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren: Es wird Jahrzehnte dauern, den Gebäudebestand auf Passivhausniveau zu modernisieren, jeweils effizientere Produktionsverfahren in der Industrie zu etablieren und den Verkehr aus der bedrohlichen Abhängigkeit von Öl zu befreien.

Finden Sie es auch so schlimm wie viele Politiker, wenn die Strompreise steigen?
Niemand kann sich darüber freuen, wenn Strompreise unnötig und sozial unausgewogen steigen. Steigende Strompreise bewirken nur geringe Einspareffekte, aber einen großen Akzeptanzverlust für die Energiewende. Diese Situation haben wir derzeit: Ein unnötiger Strompreisanstieg für Haushalte und kleinere Unternehmen findet statt, weil die Mehrkosten des EEG – durch zu viele Ausnahmen in der Wirtschaft – überproportional auf sie überwälzt werden. Die Vorteile des EEG, nämlich sinkende Preise an der Strombörse, werden von den Stromversorgern nicht an die Kleinverbraucher weitergegeben. Die Politik hat es versäumt, diese Effekte offenzulegen, den unvermeidlichen Strompreisanstieg durch die Energiewende zu erklären und mit Hinweis auf die dadurch mittel- und langfristig sinkenden Energiekosten offensiv zu kommunizieren.

Eine „Strompreisbremse“ ist unsinnig?
Unsinnig ist offensichtlich, einen durch Politik verursachten übermäßigen Strompreisanstieg durch politische „Strompreisbremsen“ begrenzen zu wollen. Damit würde nur Handlungsbereitschaft vorgetäuscht. Energieeffizienz-Programme wären allerdings eine überaus sinnvolle Energiepreisbremse.

Professor Peter Hennicke ist der profilierteste deutsche Experte für Energieeffizienz.  Foto: Bernd Thissen/DBU PRESSEFOTO

Höhere Energiepreise treffen doch gerade ärmere Haushalte besonders stark...
Das ist richtig. Bei der wachsenden Energiearmut in Deutschland geht es aber vor allem auch um gestiegene Heizkosten, also um einen von der Energiewende unabhängigen Anstieg der Öl- und Gaspreise. Angesichts der generellen Zunahme der Einkommens- und Vermögensunterschiede darf die Energiewende die Armutsrisiken nicht noch weiter verschärften. Daher sind strategische Energiesparprogramme für einkommensschwache Haushalte notwendig.

Sie waren in den 1980er Jahren beim Öko-Institut einer der Miterfinder des Konzepts der „Energiewende“. Deutschland hat sie inzwischen beschlossen, quasi als Öko-Staatsziel...
Schon, aber dieses Ziel hat noch einige Hürden bei der Umsetzung vor sich. Um die Energiewende unumkehrbar zu machen, ist eine gesetzliche Regelung der Energiewende-Ziele, vor allem der Energiesparziele, sinnvoll. Durch Beschluss der Bundesregierung im September 2010 wurde ja eine, wie Kanzlerin Merkel sagte, „revolutionäre“, aber leider unverbindliche Zielvision für die Energiewende bis 2050 festgelegt. Erfreulicherweise hat die französische Regierung gerade kürzlich ein ähnlich ambitioniertes Konzept und eine schnelle Reduktion der Atomstromproduktion beschlossen.

Ist dieser Umbau des Energiesystems denn richtig konzipiert?
Hinsichtlich der Ziele ja, beim Management und bei der Vermittlung der gesellschaftlichen Dimension des Umbaus gibt es aber noch erhebliche Defizite. Die Energiewende ist ein überaus wünschenswerter sozial-ökologischer Transformationsprozess, weg von Öl, Kohle und Uran. Sie beruht auf einem unausgesprochen Generationenvertrag: Die heutige Generation gestaltet und finanziert einen ökologischen Umbau des gesamten Energiesystems, um Kinder und Enkel vor gewaltigen Lebensrisiken zu schützen: Vor den Kosten eines fossil-nuklearen Energiesystems, vor den Risiken des nuklearen Brennstoffzyklus und des Klimawandels sowie vor Energieimportabhängigkeit, Energiepreisschocks und Verstrickung in weltweite Ressourcenkriege. Für ein derart ambitioniertes Projekt wie die Energiewende gibt es kein historisches Vorbild.

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