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Energieexperte Matthes: "Ohne Not Öl ins Feuer gegossen"

Der Energieexperte Felix Matthes erklärt im Gespräch mit der FR, warum die Anti-AKW-Bewegung unter Schwarz-Gelb eine Renaissance vollzieht. Er warnt davor, dass ein gesellschaftlicher Großkonflikt wieder aufbricht.

Protest gegen die Atomkraft.
Protest gegen die Atomkraft.
Foto: dpa

Herr Matthes, hat das Wochenende eine Renaissance der Anti-AKW-Bewegung gebracht?

Ja, es war ein starkes Signal. Die Vielzahl der Teilnehmer zeigt: Mit den Plänen für Laufzeitverlängerungen wird ohne Not so richtig Öl in einen halbwegs befriedeten gesellschaftlichen Großkonflikt gegossen. Als ob wir nicht ausreichend andere Probleme hätten.

Felix Matthes, Energieexperte  beim  Öko-Institut, meint, der Atomausstieg werde sich bis 2027 hinziehen.
Felix Matthes, Energieexperte beim Öko-Institut, meint, der Atomausstieg werde sich bis 2027 hinziehen.
Foto: privat

Die Atomgegner kämpfen für das Festhalten am Atomausstieg, der 2000 von Rot-Grün und den Stromkonzernen verabredet wurde. Wäre er denn machbar - ohne den Klimaschutz zu gefährden und Strompreisexplosion?

Es gibt eine Vielzahl von Analysen dazu. Die zeigen eindeutig, dass bezahlbarer Klimaschutz ohne Kernkraft funktioniert. Letztlich gehen ja offensichtlich auch CDU und FDP davon aus, sonst wäre die Etikettierung der Kernenergie als "Brückentechnologie" verlogen.

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Protest alleine reicht nicht. Was müsste geschehen, um den Ausstieg wie ursprünglich geplant bis 2022 abzuschließen?

Wir gehen davon aus, dass sich auch nach heutiger Rechtslage der Ausstieg bis etwa 2027 hinziehen wird, wenn der Ausbau erneuerbarer Energien wie geplant vonstatten geht. Wegen der langen Stillstände etwa von Biblis, Brunsbüttel und Krümmel gibt es noch viel mehr Reststrommengen als ursprünglich geplant. Und die Zeiten, dass Kernkraftwerke rund um die Uhr betrieben werden, sind in einer Welt mit viel Windenergie schon bald vorbei.

Der Ökostrom boomt, aber beim Umbau des Stromsystems hapert es. Ein Fehler von Rot-Grün und der Großen Koalition?

Diese beiden Regierungen haben große Erfolge beim Ausbau der erneuerbaren Energien erzielt, dem stehen erhebliche Lücken bei der Energieeffizienz und auch beim Umbau der Infrastruktur gegenüber. Gegen den nötigen Ausbau der Stromnetze und die Schaffung der notwendigen Pumpspeicherkraftwerke gibt es heftigen Widerstand. Um Akzeptanz dafür muss man langfristig werben, das muss nun in Angriff genommen werden.

Schwarz-Gelb will bei den Stromkonzernen einen Teil der Milliardengewinne abschöpfen, die bei Laufzeitverlängerungen entstehen, und in die Forschung stecken - ist das nicht sinnvoll?

Die Zusatzmilliarden, die die Stromkonzerne einfahren, wären der einzig wirkliche Effekt von Laufzeitverlängerungen. CO2- Emissionen werden nicht eingespart, weil sie durch den EU-Emissionshandel ohnehin begrenzt sind. Sie sinken durch Laufzeitverlängerungen mitnichten. Ob und in welchem Ausmaß man Zusatzgewinne wirklich abschöpfen kann, ist fraglich. Außerdem kämen die Abschöpfungen zu spät. Für den notwendigen Umbau des Energiesystems braucht man schnell und verlässlich Geld. Die vage Hoffnung auf Abschöpfung von zukünftigen Zusatzprofiten schadet mehr, als dass sie wirklich nützt.

Verstopft ein hoher Atomstromanteil das Netz für Ökostrom, wie Umweltschützer sagen?

In Norddeutschland, wo es viel Windkraft gibt, ist das heute teils schon der Fall. Vor allem aber werden Laufzeitverlängerungen den Umbau der Stromnetze behindern und verzögern. Mit langfristig fatalen Folgen. Wenn man sich die Preisentwicklung an der Strombörse anschaut, bekommt man schon starke Zweifel, ob ein massiver Ausbau der erneuerbaren Energien und eine Vielzahl inflexibler Großkraftwerke zusammenpassen können.

Also besser: Ältere Meiler schneller stilllegen und neue, sicherere, dafür länger laufen lassen?

Das wäre ein logischer Schluss. Und das geht auch im Rahmen des heutigen Atomgesetzes, ohne jede Laufzeitverlängerung. Eines sollte man ja auch nie vergessen: Kernenergie ist eine Hoch-Risiko-Technologie und damit niemals eine robuste Option für ein nachhaltiges Energiesystem.

Interview: Joachim Wille

Datum:  25 | 4 | 2010
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