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Energieversorgung: Ökostrom kompensiert AKW-Abschaltung

Mögliche Stromausfälle, drastisch steigende Strompreise, Abhängigkeit vom Ausland: Die Szenarien nach dem Abschalten der acht ältesten deutschen Atomkraftwerke waren düster. Doch die Realität zeichnet ein anderes Bild.

        

Gut mit Strom versorgt: Blick aus dem All auf das hell erleuchtete  Europa  bei Nacht.
Gut mit Strom versorgt: Blick aus dem All auf das hell erleuchtete Europa bei Nacht.
Foto: afp/NAsa

Was wurden nicht für düstere Szenarien entworfen, als Mitte März vergangenen Jahres die acht ältesten deutschen Kernkraftwerke dauerhaft vom Netz gehen mussten. Mögliche Stromausfälle! Drastisch steigende Strompreise! Und: Dann muss viel mehr Atomstrom aus Frankreich importiert werden! Ein knappes Jahr nach der Zwangsabschaltung durch die Bundesregierung hat sich keine dieser Befürchtungen bewahrheitet.

Der Reihe nach: Größere Blackouts sind bisher nicht aufgetreten. Im Gegenteil: Selbst eine besonders kritische Netzsituation ist bisher nicht entstanden. Zweitens: Strom ist nur kurzzeitig teurer geworden. Zwar stiegen die Großhandelspreise nach dem Fukushima-Aus um etwa 0,5 Cent, also rund zehn Prozent. Doch schon im Sommer setzte ein Strompreisverfall ein. Im November schließlich war Strom erstmals wieder billiger als vor der japanischen Atomkatastrophe und ist seitdem weiter gefallen.

Exporte

Grenzverkehr: Traditionell exportiert Deutschland im Winter Strom, im Sommer wird dagegen eingeführt. Dies liegt vor allem am Handel mit Frankreich: Im Sommer erzeugen die Franzosen in ihren AKW Überschüsse, die sie billig ins Ausland verkaufen.

Erholt: Direkt nach dem Abschalten der alten deutschen Kernkraftwerke drehte die deutsche Stromhandelsbilanz ins Minus. Doch inzwischen hat sich das saisonale Muster wieder den gewohnten Bahnen angeglichen.

Ein gutes Windjahr

Bleibt die dritte – und komplexeste – Frage: Sind die Strommengen aus den deutschen Kernkraftwerken durch Importe ersetzt worden? Hat also Deutschland den Teilausstieg aus der Kernkraft nur schaffen können, weil die Nachbarländer uns die Erzeugung abnehmen, zum Teil möglicherweise in Atomkraftwerken? Eine Auswertung im Auftrag der grünen Bundestagsabgeordneten Bärbel Höhn, die der Berliner Zeitung vorliegt, kommt zum Ergebnis, dass das nur zu geringen Teilen der Fall war. Drei Viertel wurden durch höhere Produktion der deutschen Kraftwerke kompensiert, vor allem durch Öko-Strom. Die Analyse wurde von dem grünen Energiefachmann Thiemo Nagel erstellt und basiert auf Daten des europäischen Stromnetzverbandes ENTSO-E.

Unkonventionelle Energiegewinnung

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Zunächst ist es wichtig zu beachten, dass die deutsche Stromhandelsbilanz seit Jahren einem erkennbaren Muster folgt. Deutschland importiert im Sommer und exportiert im Winter.

Wie entwickelte sich dieses Muster, als im Frühjahr 2011 mit den sechs damals im Betrieb befindlichen Altmeilern auf einen Schlag Erzeugungskapazitäten von 6,3 Gigawatt vom Netz gingen? Laut der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen erzeugten die AKW 2011 nur noch 109 Terawattstunden Strom, 32 weniger als im Vorjahr. Zunächst einmal schienen sich die Befürchtungen zu bestätigen (siehe Grafik). Früher als üblich wurde mehr Strom im- als exportiert. Schon im April war der Saldo negativ, während im Vorjahr zu diesem Zeitpunkt noch ein deutliches Plus erzielt werden konnte, im Mai und Juni lag die Bilanz mehrere Gigawatt Kapazität unter dem Vorjahr.

Doch dann glichen sich die beiden Jahre immer stärker an. Im Oktober drehte die Handelsbilanz wie üblich ins Plus. Thiemo Nagel schreibt, dass seit August lediglich die Leistung eines Kernkraftwerks zusätzlich aus dem Ausland importiert werden musste. „Die restlichen fünf der insgesamt sechs abgeschaltet AKW werden im Inland ersetzt“, stellt Nagel fest. Seit Mitte März gerechnet würden etwa drei Viertel der weggefallenen AKW-Leistung in Deutschland kompensiert.

Wer füllte die Atom-Lücke? Zum einen die erneuerbaren Energien. 2011 war ein gutes Windjahr, die Photovoltaik wurde zudem stark ausgebaut. Öko-Kraftwerke konnten mehr als die Hälfte der Kernkraft-Drosselung kompensieren. Hinzu kam, dass 2011 der Stromverbrauch leicht zurückging. Allerdings liefen auch die Braunkohlekraftwerke auf Hochtouren. Sie produzierten so viel wie seit 2008 nicht mehr.

„Panikmache entlarvt“

Deutschland, so Autor Nagel, habe nun eine in etwa ausgeglichene Handelsbilanz für Strom. Für 2011 steht sogar ein leichter Exportüberschuss in den Büchern, allerdings gingen die alten Kernkraftwerke ja auch erst im März vom Netz. Auch der Branchenverband BDEW bestätigte auf Anfrage, dass der Teilausstieg aus der Kernkraft nicht zu massiven Importen geführt habe.

Die Grünen-Abgeordnete Höhn sieht die Argumente der Atomlobby nun als „Panikmache entlarvt“. Sie erwartet, dass Deutschland durch das Wachstum der erneuerbaren Energien seine Stellung als Stromexporteur 2012 noch ausbauen könne. „Das sind schlechte Nachrichten für die AKW-Betreiber in Tschechien und Frankreich“, sagte Höhn.

Autor:  Jakob Schlandt
Datum:  1 | 2 | 2012
Kommentare:  1
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