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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

11. März 2013

Energiewende : Altmaiers krasse Rechenfehler

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Bundesumweltminister Peter Altmaier hat sich bei der Energiewende offenbar verrechnet. Foto: dpa

Kostet die Energiewende eine Billion Euro? Eine Studie widerlegt den Umweltminister Peter Altmaier. Der Minister habe grob falsche Angaben gemacht und schlicht fehlerhaft gerechnet.

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Eine Billion Euro, also Tausend Milliarden: Diese gigantischen Kosten kommen laut Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) in den kommenden 25 Jahren auf die Deutschen zu, wenn bei der Energiewende nicht schleunigst gegengesteuert wird. Die Rechnung ist aber offenbar falsch und ignoriert geltende Gesetze, wie aus einer Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) hervorgeht. Sie wurde im Auftrag von Greenpeace Energy und dem Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) erstellt und liegt dieser Zeitung vor.

Hauptstreitpunkt ist die Förderung von Ökostromkraftwerken durch das 2000 eingeführte Erneuerbare-Energien-Gesetz. Altmaier behauptete, dass allein dafür 677 Milliarden Euro bis Ende der 30er-Jahre fällig würden.

In einem Interview der Frankfurter Allgemeinen schlüsselte er die Ausgaben auf: 67 Milliarden Euro seien schon ausgezahlt worden, weitere 250 Milliarden Euro bis 2022 für bereits errichtete Anlagen zugesagt. Denn viele Kraftwerksbetreiber, zum Beispiel von Solaranlagen, erhalten 20 Jahre Geld. Und schließlich kämen 360 Milliarden Euro hinzu, wenn das System ohne Änderung fortbestehe.

Die Fehler

Jeder dieser Posten ist der Studie zufolge grob falsch. Laut FÖS lässt Altmaier bei den bereits entstandenen Kosten außer Acht, dass der grüne Strom, der vorrangig ins Netz eingespeist wird, den Preis für den restlichen Strom an der Börse senkt, weil ein höheres Angebot entsteht. Dieser Effekt – der auch in Studien von Altmaiers Ministerium mehrfach bestätigt wurde – sparte bislang allein mehr als 20 Milliarden Euro.

Noch gravierender: Bei der Betrachtung der zukünftigen Förderkosten fehlt nicht nur der kostensenkende Effekt, sondern es liegt offenbar ein klarer Rechenfehler vor. Derzeit werden 16 Milliarden Euro pro Jahr an die Grünstromproduzenten ausgezahlt, wenn der Erlös an der Strombörse von den Förderkosten abgezogen wird. Bei gleichbleibenden Bedingungen kommen im von Altmaier genannten Zeitraum von zehn Jahren also nicht 250 Milliarden Euro, sondern lediglich 160 Milliarden Euro zusammen.

Kosten

Pauschal: Neben dem Umbau der Stromerzeugung für 670 Milliarden Euro hat Umweltminister Altmaier die sonstigen Kosten der Energiewende mit 300 Milliarden Euro beziffert. Davon sollen etwa Stromnetzausbau, Forschung, Elektromobilität und die Energiesanierung von Gebäuden finanziert werden. Da Altmaier keine detaillierten Angaben machte, ist es laut FÖS-Studie nicht möglich, diese Annahme zu widerlegen.

Unvollständig: Die sonstigen Kosten könnten jedoch „leicht überschätzt“ werden, heißt es beim FÖS. So schlüge zum Beispiel der Ausbau der Stromnetze bis 2023 lediglich mit rund 20 Milliarden Euro zu Buche. Bei der Gebäudesanierung stünden den Ausgaben die Kosteneinsparungen gegenüber. „Es ist zu vermuten, dass diese vollständige Gegenrechnung der eingesparten Kosten nicht erfolgt ist“, heißt es.

Nach weiteren Berechnungen in der Studie des FÖS wäre die Zahl sogar zu hoch, wenn Altmaier irrtümlich nicht zehn Jahre, sondern 20 gemeint hätte. Denn von Anfang 2022 an fallen Grünstromkraftwerke, die 20 Jahre Subventionen erhalten haben, aus der Förderung heraus.
Altmaier hat in seiner Rechnung offenbar auch die bestehende Gesetzeslage ignoriert. Denn die Vergütung, die neue Anlagen zugesagt bekommen, sinken stetig ab. Das weitere 360 Milliarden Euro Kosten zusammenkommen, ist also schon jetzt unmöglich. Bei der Photovoltaik zum Beispiel ist eine Reduzierung um jährlich 11,4 Prozent vorgesehen. Hinzu kommt, dass bei der Photovoltaik ein Ausbau-Deckel vorgesehen ist, der innerhalb weniger Jahre ausgeschöpft sein könnte.

Neben diesen Rechenfehlern monieren die Autoren der Studie, dass ohne den Ausbau der Erneuerbaren höhere Investitionen in Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke nötig wären. So wären allein für die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken „knapp 50 Milliarden Euro an Nachrüstungskosten fällig geworden“.

In der Gesamtbetrachtung addieren sich die Posten nach Ansicht des FÖS zu einer krassen Fehleinschätzung der Kosten der Energiewende. Eine genaue Abschätzung ist schwierig.

Jedoch hat das Umweltministerium selbst in einer Untersuchung, die Erzeugungskosten von erneuerbaren und konventionellen Kraftwerken verglich, die Summe von 203 Milliarden Euro direkter Mehrkosten bis Ende der 30-Jahre genannt. Diese Summe – ein Drittel der von Altmaier genannten 677 Milliarden Euro – wird von den Autoren der Studie als deutlich realistischer angesehen.

Schäden mit einkalkulieren

Nach Ansicht des FÖS ist auch damit noch keine vollständige Betrachtung erreicht, denn der Ausbau der erneuerbaren Energien vermeide teure Umweltschäden. Diese werden allein für den Strombereich auf 362 Milliarden Euro taxiert – die Energiewende würde demnach sogar insgesamt Kosten vermeiden statt verursachen.

Zusammenfassend heißt es von den Autoren: „Die Gegenüberstellung einzelner Kostenkomponenten zeigt deutlich, dass Herrn Altmaiers Billion als Summe für die Kosten der Energiewende auf keiner robusten, umfassenden Kostenanalyse basiert.“
BEE-Geschäftsführer Hermann Falk sagte, Altmaiers Prognosen entbehrten einer realen Grundlage. „Anstatt die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Chancen der Energiewende herauszustellen, befeuert der Bundesumweltminister mit seiner Argumentation eine Debatte, die ohnehin bereits eine bedenkliche Schieflage angenommen hat.“

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