Aus, vorbei, endgültig heruntergefahren. Fukushima hat sie abgeschaltet. Krümmel liefert „null“ Megawatt Strom, Isar1 ebenso. Bei Unterweser meldet das Display „- 9“. Drei Bildschirme stehen auf dem zentralen Arbeitsplatz im Schaltraum. Der mittlere zeigt gerade, wo die Elektrizität für das Stromnetz herkommt, das von der Nordseeküste bis zu den Alpen reicht. Die anderen, wohin der Strom in welcher Menge fließt, wo er verbraucht wird. Die Kürzel und Ziffern bedeuten: Die Atomkraftwerke Krümmel und Isar 1 liefern keine Elektrizität, und das AKW Unterweser verbraucht sogar welche.
„Bis jetzt hat es gut geklappt – auch wenn es manchmal etwas stressig ist“, sagt Martin B. Es gab keinen Blackout, auch jetzt nicht, im Winter, wo der Stromverbrauch Spitzenwerte erreicht. Zumindest bisher. Der Mittvierziger, Schaltingenieur von Beruf, sitzt jeden Tag acht Stunden vor den drei Bildschirmen, die ihm den Überblick über die Stromflüsse im Höchstspannungsnetz des Betreibers Tennet geben. Es ist ein Schichtdienst, der volle Konzentration erfordert – besonders, seit die Bundesregierung im letzten März nach dem Super-GAU in Japan auf einen Schlag 8 der 17 deutschen Atommeiler abschalten ließ und immer mehr Wind- und Solarstrom in stark schwankenden Mengen eingespeist wird.
In Deutschland gibt es vier Betreiber der „Strom-Autobahnen“, als die man das Höchstspannungsnetz - betrieben mit 220.000 und 380.000 Volt - auch bezeichnet: Tennet, Amprion, 50 Hertz und EnBW. Es hat derzeit eine Länge von knapp 36.000 Kilometern.
Um rund zehn Prozent soll das Übertragungsnetz ausgebaut werden, um die Anforderungen der wachsenden Ökostrom-Einspeisung zu erfüllen. Windstrom aus Norddeutschland könnte dann leichter in den Süden transportiert werden. Allerdings gibt es vielerorts Widerstände gegen den Trassenbau. Erst rund 80 Kilometer sind fertig.
Doch B. – er arbeitet schon seit 16 Jahren in der Schaltzentrale in Lehrte bei Hannover – nimmt es gelassen. Ja, er sagt sogar: „Der Job ist interessanter geworden.“ Und: „Wir haben uns gut auf die neue Lage vorbereitet.“
B. und sein Kollegen in der Schaltleitung müssen mit einem zunehmend komplexen System jonglieren. Der mittlere Bildschirm zeigt die klassische Kraftwerkshierarchie: Die obersten zwei Reihen gehören den AKW, die wie Spinnen im früher auf sie ausgerichteten Netz sitzen, von denen aber nur noch vier Strom ins Tennet-Netz liefern. Zuletzt waren es sechs gewesen. Darunter finden sich die konventionellen Kraftwerke – Kohle, Erdgas, Heizöl. Zuletzt noch die Wasserkraftanlagen und die Pumpspeicher.
Blackout nicht ausgeschlossen
Doch seit rund zehn Jahren ändert sich das Tableau zunehmend. Die fluktuierenden Öko-Quellen sind in solchen Mengen hinzugekommen, dass sie volle Aufmerksamkeit brauchen. Zuerst Wind, dann Biogas, zuletzt Solar. Im Netz von Tennet, dem größten der vier deutschen Netzbetreiber, findet man die ganze Palette – vom ersten Offshore-Windpark „Alpha Ventus“ 40 Kilometer vor der Nordseeküste bis zum Solarstrom-Eldorado im vergleichsweise sonnenreichen Bayern.
Der Atomausstieg im letzten Frühjahr stellte die Stromnetz-Betreiber vor eine neue Herausforderung. „Das ging auf einen Schlag“, sagt Peter Hoffmann, der Leiter der Netzführung bei Tennet. „Plötzlich wurden acht Säulen der Energieversorgung weggezogen.“ Besonders kritisch drohte die Lage im Winter in Süddeutschland zu werden. Fünf der acht stillgelegten Alt-AKW stehen in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Hoffmann: „Bayern und Baden-Württemberg wurden auf einmal Stromimport-Länder.“ Tennet und Co. waren gefordert.
Ein Blackout im Winter schien nach den von Tennet und den anderen Netzbetreibern angestellten Szenarien nicht ausgeschlossen. Der Netzchef beschreibt eines davon: Ein sehr kalter Tag Ende Dezember, wenig Wind, also kaum Windkraft-Einspeisung, es ist kurz vor 17 Uhr, die Industrie arbeitet noch voll, und die Leistung der Solaranlagen sinkt wegen der frühen Dunkelheit gegen Null. Hoffmann: „Dann weitere Kraftwerksausfälle, und es hätte unter Umständen knallen können.“ Der bisher milde Winter habe geholfen. „Den wirklichen Härtetest hatten wir noch nicht.“
Erst einmal hat Tennet – als einzige der vier Netzfirmen – die „Kaltreserve“ benutzt, die für Notfälle bereitsteht. Es handelt sich dabei um eigentlich schon eingemottete Kohle-, Gas- und Öl-Kraftwerke in Süddeutschland und im ans Tennet-Netz gut angebundenen Österreich, die als Standby von der Bundesnetzagentur ausgewählt wurden. Eine Art Anti-Blackout-Versicherung.
Sturmtief „Ekkehard“ ließ Preise purzeln
Eingesetzt wurde sie am 8. Dezember. Auf Tennet-Anweisung warfen die Betreiber ein betagtes Öl-Kraftwerk bei Graz an. Der Grund dafür: Prognosen vom Vortag zum erwarteten Stromverbrauch, zur Wind- und Solarstrom-Leistung sowie der Ausfall eines Blocks des bayerischen AKW Gundremmingen hatten bei dem Netzbetreiber die Alarmglocken schrillen lassen. Freilich war es nicht zu wenig Windstrom, der Probleme zu machen drohte. Es war das exakte Gegenteil.
Sturmtief „Ekkehard“ brachte die norddeutschen Windrotoren am 8. und 9. Dezember so in Schwung, dass sie rund 20.000 Megawatt Strom einspeisten. Zum Vergleich: Das ist knapp doppelt so viel wie die noch übrig gebliebenen neun AKW zusammen leisten. Die Preise für den überreichlichen Windstrom purzelten, und es fanden sich Stromversorger etwa in Italien als Käufer. Die deutschen Nord-Süd-Hochspannungstrassen aber hätten nicht ausgereicht, um sowohl den Exportstrom als auch noch große zusätzliche Mengen für die süddeutschen Verbraucher zu transportieren. „Dafür sind sie nicht ausgelegt“, erläutert ein Experte.
Tennet hätte den Export theoretisch stoppen können, um den Windstrom in die süddeutschen Verteilnetze zu schicken. Aber dann hätte es Vertragsstrafen in Millionenhöhe gesetzt. Netzchef Hoffmann: „Wir sind verpflichtet, den Strom durchzuleiten.“ Das Grazer Kraftwerk anzuwerfen, war die naheliegende, die weitaus billigere Lösung. Dass die Sache später Schlagzeilen wie „Österreich rettet deutsche Stromversorgung“ produzierte, hält der Netzchef für „völlig überspitzt“.
Hoffmann vermittelt ohnehin nicht den Eindruck, die neue Lage mache ihn besonders nervös. Das Risiko von Netzstörungen sei zwar größer geworden, aber es gebe „keine dramatische Unterdeckung“. Er könne „gut schlafen“, sagt Hoffmann. Und wenn es denn wider Erwarten doch einmal richtig kritisch werde, könne auch ein „Brownout“ den Netz-GAU noch verhindern. Was das heißt? Stundenweise Strom-Abschaltung in einzelnen Stadtteilen zum Beispiel. „Und dazu Appelle an die Bürger, die Spülmaschine und die Waschmaschine nicht anzustellen.“
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