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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

17. Oktober 2015

Energiewende im Verkehr: „Die Industrie gefährdet sich selbst“

„Die deutsche Autoindustrie konnte sich bislang immer darauf verlassen, dass die Politik ihre schützende Hand über sie hält“, sagt Faulstich.  Foto: AFP

Regierungsberater Martin Faulstich spricht im FR-Interview über den VW-Skandal, Elektroautos und den Sinn von Stromkonzernen. Der Ingenieur erklärt: Die Zukunft im Verkehrssektor gehöre weder dem Diesel-, noch dem Benzinmotor, sondern dem Elektroantrieb.

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Angesichts des Abgas-Skandals muss sich der Autohersteller Volkswagen neu erfinden und endlich konsequent auf die Elektromobilität setzen, meint der Regierungsberater Martin Faulstich. Nach Auffassung des Ingenieurs könnte der gesamte Fahrzeugbestand in Deutschland eines Tages mit Ökostrom angetrieben werden. Neue Kohle- oder gar Atomkraftwerke brauche es für die Energiewende im Verkehrssektor nicht.

Herr Professor Faulstich, der Abgas-Skandal hat den Volkswagen-Konzern ins Wanken gebracht. Wie überrascht waren Sie als Umwelttechniker und Regierungsberater eigentlich darüber, dass ein Autohersteller weltweit Behörden und Kunden an der Nase herumführt?
Ich persönlich habe mir Manipulationen dieses Ausmaßes nicht vorstellen können. Es war allgemein bekannt, dass bei den Abgaswerten ein Unterschied besteht zwischen den Tests auf dem Prüfstand und dem Fahrbetrieb auf der Straße. Doch hier geht es nicht um die Unzulänglichkeit des genormten Testzyklus. Vielmehr wurden über Jahre hinweg in Millionen von Fahrzeugen heimlich Einrichtungen eingebaut, die ein Reinigungssystem zu- und abschalten. Das ist Betrug, dahinter steckt kriminelle Energie.

Werden sich die Folgen des Skandals auf den VW-Konzern und seine Zulieferer begrenzen lassen?
Zumindest vorübergehend könnten die Vorgänge dem Ruf der deutschen Industrie insgesamt schaden. Das Label „Made in Germany“ steht eigentlich für Qualität, Zuverlässigkeit und technologische Innovation. Uns Umweltschützern wird ja gelegentlich vorgeworfen, wir gefährdeten den Industriestandort Deutschland. Das stimmt natürlich nicht. Der Fall Volkswagen zeigt vielmehr, dass sich die Industrie mitunter selbst gefährdet.

Die VW-Führung geht inzwischen in Sack und Asche. Sie bittet Kunden, Mitarbeiter, Behörden und Aktionäre um Entschuldigung. Über die Umweltfolgen der Abgas-Manipulationen redet hierzulande kaum jemand. Warum ist das so?
Hier wird deutlich, welche Prioritäten das VW-Management setzt. Wenige Wochen vor dem Skandal hat der Konzern noch einen pompösen Nachhaltigkeitsbericht publiziert. Inzwischen ist aber klar, dass er das Thema Umweltschutz tatsächlich gar nicht verinnerlicht hat. Dabei wäre es höchste Zeit: In etlichen deutschen Ballungsräumen werden regelmäßig die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub überschritten. Das resultiert natürlich auch daher, dass Diesel-Fahrzeuge im Fahrbetrieb weit mehr Schadstoffe ausstoßen, als sie eigentlich dürfen. Die Konsequenzen haben die Bürger zu tragen, deren Gesundheit und Leben durch Luftschadstoffe gefährdet werden.

Welche Lehren sollte die Politik aus dem Skandal ziehen?
Die deutsche Autoindustrie konnte sich bislang immer darauf verlassen, dass die Politik ihre schützende Hand über sie hält. Gerade im Fall Volkswagen sind die Interessen des Unternehmens und des Staates nicht immer eindeutig voneinander zu trennen. Das Land Niedersachsen hält schließlich mehr als 20 Prozent der VW-Aktien und verfügt sogar über eine Sperrminorität. Mir wäre es lieber, wenn es hier klare Fronten gäbe.

Sie meinen, Niedersachsen sollte seine Beteiligung aufgeben? Das wird es niemals tun.
Das weiß ich natürlich. Aber wenn das so ist, sollte das Land doch wenigstens gestaltend tätig werden: Als Großaktionär kann es unmittelbaren Einfluss auf die Strategie des Unternehmens nehmen.

Und wie sollte die aussehen?
Volkswagen muss sich endlich mit Wucht auf das Thema Elektromobilität stürzen. Die Zukunft gehört weder dem Diesel- noch dem Benzinmotor, sondern dem Elektroantrieb. Bisher ist VW in diesem Bereich allenfalls mit angezogener Handbremse unterwegs. Dabei ist es an der Zeit, die Energiewende auch im Verkehrsbereich einzuleiten. Ein Drittel der gesamten Endenergie, die wir in Deutschland verbrauchen, entfällt auf Kraftstoffe aus Erdöl. Strom hingegen macht nur ein Fünftel unseres Endenergiebedarfs aus. Wenn bisher von der Energiewende die Rede ist, geht es eigentlich nur um die Stromwende. Das muss sich dringend ändern.

Zur Person

Martin Faulstich (58) ist Professor für Umwelt- und Energietechnik an der Technischen Universität Clausthal in Niedersachsen. Seit 2008 ist Faulstich auch der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen.

Das Gremium berät die Bundesregierung in Fragen der Umweltpolitik. Dem Sachverständigenrat gehören sieben Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen an.

Elektroautos sind deutlich teurer als solche mit herkömmlichem Antrieb. Die Batterien sind schnell leer, ein flächendeckendes Netz von Ladestationen gibt es nicht. Werden E-Autos jemals ein Massenmarkt sein?
Davon bin ich überzeugt. Im Bereich der Batterie- und Ladetechnik gibt es enorme Fortschritte. Die Akkus werden immer billiger und leistungsfähiger. In fünf Jahren werden wir soweit sein, dass man mit einer Batterieladung 500 Kilometer weit kommt – etwa doppelt so weit wie heute. Dann werden Elektroautos auch für den normalen Kunden interessant. Bereits heute sind sie eine Alternative für Betreiber von Fahrzeugflotten, deren Autos überwiegend in den Ballungsräumen unterwegs sind.

Sind nur die Autohersteller gefordert oder auch die Politik?
Alle Akteure sind gefordert. Mein Eindruck ist aber, dass bisher der Autoindustrie, der Politik und auch den Stromkonzernen der Wille fehlt, die notwendige Infrastruktur aufzubauen und aus der Elektromobilität einen Massenmarkt zu machen. Das Ergebnis: Auf deutschen Straßen sind derzeit gerade einmal knapp 19 000 Elektroautos unterwegs. Von der einen Million, die die Bundesregierung bis 2020 anstrebt, sind wir weit entfernt.

Insgesamt sind hierzulande mehr als 44 Millionen Pkw zugelassen. Stellen wir uns einmal vor, der Autobestand würde nach und nach komplett auf Elektroantrieb umgestellt: Wo soll der ganze Strom herkommen? Etwa aus Atom- und Kohlekraftwerken?
Aus erneuerbaren Quellen. Andernfalls würde das Elektroauto ja keinen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz leisten. Dafür muss die Ökostrom-Produktion natürlich noch einmal kräftig ausgebaut werden. Wir haben bei uns am Institut einmal ausgerechnet, was es hieße, wenn sich das Flächenland Niedersachsen komplett von fossilen Brennstoffen verabschieden würde – also in der Stromerzeugung, im Verkehr und in der Wärmegewinnung. Ergebnis: Auf etwa zwei Prozent der Landesfläche müssten Windkraftanlagen stehen, außerdem müsste man auf etwa fünf Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen Sonnenkollektoren installieren.

Was fahren Sie eigentlich für ein Auto?
Ich habe einen Dienstwagen von meinem Vorgänger übernommen. Einen Mercedes mit Diesel-Antrieb. Der Leasingvertrag läuft demnächst aus. Und in der Tat sondiere ich gerade den Markt, ob es ein geeignetes Elektrofahrzeug gibt. Das ist aber gar nicht so einfach, das Modell-Angebot ist doch eher begrenzt. Wenn ich längere Strecken reise, nehme ich den ICE. Ich lasse mich dann meistens von Clausthal-Zellerfeld im Harz zum Bahnhof nach Göttingen, Braunschweig oder Hannover bringen. Nach Hannover sind es hin und zurück rund 220 Kilometer. Das schaffen die meisten Elektroautos noch nicht in einer Tour.

In der deutschen Stromwirtschaft bleibt wegen der Energiewende kein Stein auf dem anderen. Wirtschaftsminister Gabriel hat aber ein großes Herz für die angeschlagenen Konzerne und will ihnen weitere Belastungen ersparen. Gerade erst hat er ein Gutachten veröffentlicht und verkündet, dass die knapp 40 Milliarden Euro an Rückstellungen für den Abriss der Atomkraftwerke und die Lagerung des strahlenden Mülls wahrscheinlich ausreichend seien. Sehen Sie das genauso?
Das Gutachten, das Minister Gabriel in Auftrag gegeben hat, hält im Extremfall Kosten von 77 Milliarden Euro für möglich. Das Wirtschaftsministerium hat eine Kommission eingerichtet, die dazu eigene Vorschläge unterbreiten soll. Der Umweltrat ist durch eine Kollegin in der Kommission vertreten, was uns natürlich freut.

Die Bundesregierung will es den Strom-Konzernen RWE, Eon, Vattenfall und EnBW unmöglich machen, sich durch Ausgliederung ihrer Verantwortung für die Abwicklung der Atomkraft zu entziehen. Darüber hinaus wird überlegt, die Atom-Rückstellungen der Unternehmen in eine öffentliche Stiftung oder einen Fonds zu überführen. Was halten Sie davon?
Ich bin sehr dafür. Wir müssen uns vor Augen halten, dass auch große Konzerne pleitegehen können. Dann wäre das Geld weg. Wir reden hier über lange Zeiträume: Der Rückbau eines Atommeilers dauert 15 bis 20 Jahre und damit viel länger als der Abbau eines Kohlekraftwerks. Ein erheblicher Teil des Materials kann wegen der radioaktiven Strahlung nicht einfach auf Deponien gelagert oder wiederverwendet werden. Man muss es vielmehr endlagern. Das bedeutet, dass über mehrere hundert Jahre Kosten anfallen.

Die Stromkonzerne sind selbst zu einer Stiftungslösung bereit. Sie wollen ihre Rückstellungen einbringen, aber nicht nachschießen, falls das Geld ausgeht. Wäre das akzeptabel?
Nein. Es gilt klar das Verursacherprinzip: Die Konzerne haben die Atomkraftwerke gebaut und über Jahre hinweg betrieben. Sie haben prächtig daran verdient. Nun müssen sie auch für die Folgen aufkommen. Ihre Rückstellungen können allenfalls eine Mindestsicherung sein. Wenn das Geld nicht ausreicht, müssen die Konzerne selbst einspringen und nicht der Steuerzahler. Alles andere käme einem Ablasshandel gleich.

Braucht Deutschland eigentlich noch Stromkonzerne?
Niemand kann ein ernsthaftes Interesse daran haben, einen oder mehrere Stromkonzerne pleitegehen zu lassen. Das würde die Abwicklung der Atomkraft nur erschweren. Außerdem braucht Deutschland Konzerne, die sich der Energiewende verschreiben und das Projekt insgesamt voranbringen. Mittelständler und Bürger-Genossenschaften können sehr wohl Windparks an Land oder Biogas-Anlagen betreiben. Das tun sie ja auch im großen Stil. Aber wenn es um Projekte wie Offshore-Windparks, Übertragungsnetze oder die Lade-Infrastruktur für Elektroautos geht, wird man immer die Expertise und das Kapital großer Unternehmen benötigen.

Interview: Thorsten Knuf

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