Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

26. Mai 2014

Energiewende: Kahlschlag für die Kohle

 Von 
Braunkohleabbau bei Leipzig.  Foto: dpa

Eigentlich steckt Deutschland mitten in der Energiewende. Aber auch die dreckige Braunkohle boomt. Und bei Leipzig soll mal wieder ein altes Dorf dem Bagger weichen.

Drucken per Mail

Mehr ist es gar nicht“, sagt Jens Hausner. Er sitzt über eine Karte gebeugt, große braune, hellbraune und weiß schraffierte Flächen und ein kleiner Flecken am Rand, erdbeergroß. „Es wäre der letzte Schnitt.“

Pödelwitz, sein Dorf, seine Heimat. Mehr als 700 Jahre alt, kleine Bauernhöfe, eine alte romanische Kirche aus dem 13. Jahrhundert, der Friedhof, Kastanienbäume, die gerade aufblühen, Eichen. Die Karte auf seinem Wohnzimmertisch zeigt das Braunkohleabbaugebiet Vereinigtes Schleenhain im Leipziger Süden an dessen Rand erdbeergroß Pödelwitz liegt. Jedenfalls noch.

Hausner ist 48 Jahre alt, hat die Figur und die Oberarme eines mächtigen Gewichthebers und ist Bauer. Er arbeitet in einer Agrargenossenschaft. Er hat in den über 300 Jahre alten Hof an der Dorfstraße eingeheiratet. Das Haus mit dem Sandsteintor und den Fachwerkscheunen wurde nach dem Brand 1820 wieder aufgebaut. 20 Hektar Land gehörten einmal zu dem Anwesen, 17 gibt es nicht mehr, sie sind längst weggebaggert. Wenn Hausner erzählt, dann sehr ruhig und überlegt und freundlich im Ton. Auch wenn das, worum es gerade geht, ihn bis ins Mark trifft.

Der Leipziger Süden ist schon fast dreihundert Jahre lang ein Braunkohlerevier, so wie es die Lausitz in Brandenburg und Ostsachsen oder das Rheinische Kohlerevier zwischen Aachen und Köln ist. Es ging los im Jahr 1669, als der Altenburger Stadtphysikus Dr. Matthias Zacharias Pilling „brennbare Erde“ fand. 1718 entstand der erste Tagebau.

Seit vier Generationen nun wird das Land hunderte Meter tief ausgegraben, Dörfer werden abgerissen, Menschen umgesiedelt. Zurück bleiben staubige Mondlandschaften und Tagebaulöcher, die sich langsam in Steppen und saure Seen verwandeln, aus denen Jahrzehnte später dann einmal riesige Naherholungsgebiete mit Halligalli und Bootsanlegern werden.

Schleenhain, Pulgar, Piegel, Droßdorf, Peres, Breunsdorf, Leipen, Heuersdorf – alles Namen von Orten, die es nicht mehr gibt. Alles Dörfer wie Pödelwitz, kleine Rundlingsdörfer mit alten Eichen und einer Kirche, Wiesen, Kastanien und kleinen Bauernhöfen, alle verschwunden zwischen 1964 und 2008. Die Mitteldeutsche Braunkohle AG (Mibrag) betreibt in Lippendorf ein Kraftwerk, hell erscheint es am Horizont, die Kühltürme dampfen in den Himmel. Jeden Tag muss es über kilometerlange Förderbänder, die sich durchs trockene Land schlängeln, mit 35.000 Tonnen Braunkohle gefüttert werden.

Menschenleer bis 2018

„Wir werden hier nicht weichen“, sagt Jens Hausner. „Wir werden nicht reden, wir werden keine Angebote studieren und nicht verhandeln.“ Thilo Kraneis ist gekommen, sein Freund und Nachbar. Die beiden stehen auf der Dorfstraße, ein leichter Wind geht, man hört sonst nichts.

Kraneis betreibt eine kleine Metallbaufirma direkt neben Hausners Hof. Es ist Vormittag, er macht eine Pause. „Man muss sich das einmal vorstellen“, sagt er. 1982 sei er als Kind mit der Familie aus Droßdorf nach Pödelwitz umgezogen, weil damals Droßdorf abgerissen wurde. „Und jetzt das Ganze noch einmal?“

Zu DDR-Zeiten ging es im Kohleabbau deutlich radikaler zu, Einspruch und Mitsprache waren unerwünscht, die Partei hatte wie immer Recht. „Damals wurde niemand gefragt. Wer den Mund aufmachte, hatte sofort Ärger“, erzählt Hausner, und er und Kraneis lachen bei der Vorstellung an früher. Bis 1989 war klar, Pödelwitz muss weg. Stand so im Plan. Dann, nach der Wiedervereinigung und einer Neubetrachtung der Energiepolitik, hieß es 1993: Pödelwitz hat Zukunft, muss doch nicht weg. Die Kohle unter dem Dorf werde gar nicht gebraucht. 1998 verabschiedete der Dresdner Landtag sogar ein Gesetz, in dem Pödelwitz als „Schutzgut“ ausgewiesen wurde. Damals fingen etliche der 130 Bewohner an, sich neue Häuser zu bauen oder die alten zu renovieren. Damals plante die Mibrag sogar Neuanpflanzungen von Bäumen rund um das Dorf, um die Leute so ein wenig vor Staub und Lärm aus dem angrenzenden Tagebau zu schützen. Damals gab es ja auch noch Zukunft.

Aber dann kam es wieder anders. Ab 2009 war die Kohle unter dem Dorf plötzlich doch wieder interessant. 2012 gab der Stadtrat von Groitzsch, zu dem Pödelwitz gehört, seine Zustimmung zur Devastierung des Ortes, wie Bergleute das Plattmachen nennen. Die allermeisten Pödelwitzer erklärten sich sogar bereit, ihr Dorf aufzugeben. Die Mibrag zahlt ordentlich: Für den Wert der Häuser und Grundstücke so, als gäbe es den selbst verursachten Wertverlust nicht, als gäbe es noch Zukunft. Dazu eine Pauschale von angeblich 75.000 Euro. Das sind verlockende Zahlen.

Nun soll der Ort bis zum Jahr 2018 menschenleer sein, etliche der Pödelwitzer sind längst weggezogen. Es gibt einen genehmigten Kohleabbauplan bis 2040, Pödelwitz käme zum Schluss an die Reihe. „Der letzte Schnitt“, wie Hausner es nennt.

Der gigantische Schaufelradbagger frisst sich gnadenlos durch die Natur.  Foto: dpa

Hausner und Kraneis wissen, sie vertreten nur eine Minderheit im Dorf. „Der Ort ist gespalten, die meisten wollen das Geld und gehen“, sagen sie. Schon letztes Jahr hätten viele neue Pläne gemacht und die Koffer gepackt. Siegfried Brummer und seine Familie gehörten auch dazu. „Möchtet ihr wirklich eine Wüste vor der Tür haben?“, fragte Rentner Brummer damals seine Dorfnachbarn. Oder Roland Gerhard, ein Nachbar Hausners, der 1998 in Pödelwitz neu gebaut hatte, sich aber mit dem Mibrag-Angebot anfreunden konnte. „Natürlich, ich habe mir das damals auch anders vorgestellt.“

Aber Bauer Hausner und eine Handvoll Mitstreiter machen nicht mit. Ihnen geht es nicht um eine bestimmte Summe, sondern um Grundsätzliches, Hausner würde sagen: um Dinge, die wichtiger sind als Geld und Profit und kurzfristiges Denken. Um Leben und Schöpfung. Um Heimat und Traditionen. Sie sagen, es mache ihnen auch nichts aus, wenn das Dorf immer leerer werde und sie am Ende alleine wie auf einer Insel in einer Sandwüste leben müssten. Es ist ja schon jetzt noch kaum etwas los: Kein Laden mehr, keine Kneipe. Früher gab es schöne Feste, heute: nichts. Nur das Feuerwehrgerätehaus ist noch intakt. Wer einkaufen will oder zum Arzt muss oder auf ein Amt oder in eine Werkstatt, der muss ins Auto oder aufs Fahrrad steigen und nach Groitzsch fahren. Oder gleich nach Zeitz, Gera oder Leipzig.

Hausner zeigt auf seinen Hof, auf die alten Bäume, die Scheunen. „Das haben Generationen vor uns aufgebaut und an ihre Kinder weitergegeben. Das ist ein Erbe, eine Verpflichtung. Pödelwitz ist ein gewachsenes Dorf mit einer uralten Kirche. Das alles schmeißt man doch nicht einfach weg.“

Bauern, sagt er, arbeiten seit Jahrhunderten auf dem Land. Generationen lebten von dem Land. Doch die Braunkohle, die unter dem Dorf liege, die reiche gerade einmal, um das Kraftwerk Lippendorf am Horizont maximal eineinhalb Jahre anzutreiben. „Eineinhalb Jahre im Tausch für Jahrhunderte! Was für ein Wahnsinn!“

Solche Gedanken treiben ihn um. Grundsätzliche Gedanken. Sein Großes und Ganzes. Was zählt mehr: Das Leben und Arbeiten von Generationen? Heimat, Zugehörigkeit? Ein Dorf und seine Geschichte? Oder Kohle? Billiger Strom? Energiesicherheit?

Deutschland steckt mitten in einer vertrackt komplizierten Energiewende. Weg vom Atomstrom, weg von fossilen Brennstoffen, hin zu den Erneuerbaren, zu Wind und Sonne. Doch bislang hat die Energiewende das Land nicht unbedingt grüner gemacht: Braunkohle, der mit großem Abstand klimaschädlichste Energieträger, boomt wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

Viel Dreck in der Luft

Obwohl der Anteil des Ökostroms steigt, rechnet die Bundesnetzagentur ebenfalls mit voll ausgelasteten Braunkohlekraftwerken bis 2022. Die Kohle ist günstig zu haben, die Verschmutzungsrechte für Kohlendioxid kosten fast nichts mehr – die Folge: Es wird wieder enorm viel Dreck in die Luft gepustet.

Dazu kommt: Für die Renaturierung der Mondlandschaften müssen vor allem die Steuerzahler in die Tasche greifen. Ende 2012 unterzeichnete Sachsen neben anderen Ostländern mit dem Bund ein Abkommen, wonach Bund und Länder bis 2017 die Summe von 1,23 Milliarde Euro in die Sanierung der Mondlandschaften stecken werden. Seit 1990 sind allein in Sachsen 3,7 Milliarden Euro in Braunkohlefolgelandschaften geflossen.

Wenn Bauer Hausner das alles in seine Überlegeungen einbaut, sein Großes und Ganzes: die deutsche Energiewende, den Gedanken, dass es für die Mibrag billiger komme, sein Dorf leerzukaufen und abzubaggern, anstatt es mit Lärm- und Staubschutzwänden zu versehen und stehen zu lassen, wenn er dann noch an seinen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich in Dresden denkt, dann vergeht ihm endgültig die gute Laune und er versteht die Welt nicht mehr.

Es wäre sehr im Sinne der Energiewende, wenn Tschechen, Polen, Franzosen und Belgier weniger Atomstrom produzieren und stattdessen Braunkohlestrom aus Deutschland nutzen würden“, hatte Tillich vor einigen Monaten gesagt. Braunkohle sei doch „ein preiswerter heimischer Rohstoff, auf den wir keinesfalls verzichten sollten“. Und: Ihre Bedeutung werde künftig sogar zunehmen, wenn die Kernkraftwerke bis 2022 nach und nach vom Netz gingen. Und dann hatte er noch mit Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) lauthals über die angebliche „Verspargelung“ Deutschlands und Landschaftsverschandelung durch Windräder geschimpft.

Hausner hat das alles wahrgenommen. Nun wütet es in ihm. Es ist ihm unbegreiflich. Ein Politiker der CDU. C wie christlich. Man müsse sich das auf der Zunge zergehen lassen, sagt er. Der sächsische Ministerpräsident wettere gegen Landschaftsverschandelung durch Propeller. „Und hier bleibt am Ende nicht einmal Landschaft übrig. Hier verschwindet alles, was einmal war. So etwas ist doch Sünde.“

Er hat Kontakt zu einer Anwältin in Hamburg aufgenommen, die sich mit Bergbau- und Umweltrecht auskennt. Bislang gibt es noch kein Planfeststellungsverfahren, nichts Konkretes, gegen das sich vor Gericht klagen ließe. Aber Hausner will klagen, wenn es soweit ist, notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof.

Die Mibrag, ein Konzern mit tschechischem Besitzern, dürfte das alles wenig bis gar nicht beeindrucken. Das deutsche Bergrecht, auf das sich alles stützt, ist alt und es privilegiert Unternehmen. Besitzt jemand ein Haus mit Garten drumherum, so das Bergrecht, bedeutet das nicht, dass ihm auch die Bodenschätze tief im Erdreich darunter gehören. Bodenschätze gehören praktisch niemandem, bis der Staat sie einem Unternehmen übergibt oder verkauft. Ab dann wird es für den Hausbesitzer gefährlich, denn nun kann er plötzlich enteignet werden.

So weit ist man in Pödelwitz nicht. Bislang geht alles friedlich über die Bühne. Mit Geld. Bis Ende 2013 habe man die Grundstücke von 70 Prozent der Haushalte erworben, sagt Pressesprecherin Sylke Werner. Die Initiative zur Umsiedlung des Dorfes sei doch auch von den Pödelwitzern ausgegangen. Am 4. April habe es doch schon den ersten Spatenstich für eine neue Siedlung für 15 Pödelwitzer in Groitzsch gegeben. Und die Mibrag richte ihre Anstrengungen darauf, für alle Familien angemessene Lösungen zu finden.

Hausner und Kraneis stehen nebeneinander vorm Hofeingang, der eine 48, der andere fast 48 Jahre alt. Man hat Arbeit, die berufliche Existenz ist gesichert, die Kinder sind groß, man muss sich nicht mehr so viel um Familiendinge kümmern, man hat mehr Zeit. „Sollen die anderen doch wegziehen“, sagt Kraneis. „Wir haben für die nächsten zwanzig Jahre einen Lebensinhalt: Wir kämpfen um unser Dorf.“ Bei lachen dabei. Und beide meinen es ernst.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial

Schafft Deutschland die Energiewende - und die Atomkraft ab? Bringen die alternativen Quellen genug Leistung? Und schaffen die Netze die Verteilung? Das Spezial.

Beziehen Sie schon Ökostrom?

Der Atomausstieg soll 2022 Realität werden. Aber schon heute gibt es die Möglichkeit, Ökostrom zu beziehen? Sind Sie schon umgestiegen?

Ja, ich beziehe Ökostrom.
Weiß nicht, ich beziehe grundsätzlich den günstigsten Strom.
Weiß nicht, ist mir auch egal.
Nein, ich halte Ökostrom für den falschen Weg.
Der Atomausstieg
Nachgefragt

Schon 1946 wurde das erste Mal darüber nachgedacht, welches Symbol für die neue Energieform steht. Wir haben nachgefragt.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Atommüll-Endlager
Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.

Der Bau des Endlagers für Atommüll wird voraussichtlich erst 2019 fertig. Es drohen Zusatzkosten von bis zu einer Milliarde Euro. Zur Grafik...