Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

25. März 2013

Energy Watch Group-Studie: "Endspiel um die Öl- und Gas-Ressourcen"

Erdöl wird bald schon knapp.  Foto: DPA

Die Experten der „Energy Watch Group“ haben eine Analyse vorgelegt, wonach die Förderung der fossilen Energien weltweit viel früher ans Limit komme als erhofft. Studien-Autor und Energieexperte Werner Zittel erläutert im Interview, warum.

Drucken per Mail

Herr Zittel, Sie warnen: Die fossilen Energien werden schon bald weltweit knapp, während andere Experten geradezu eine globale Öl- und Gasschwemme voraussagen. Können die anderen, darunter immerhin die Internationale Energieagentur (IEA), nicht richtig rechnen?

Die IEA hat schon in ihrem „World Energy Outlook“ von 2008 bestätigt: Es ist höchst unsicher, woher das Öl kommen wird, das unseren künftigen Bedarf decken soll. Diese Unsicherheit besteht auch heute noch. Wir thematisieren sie in unserem Bericht. Die IEA versuchte aber mit ihrem jüngsten Outlook von 2012 davon abzulenken. Sie nährt darin vor allem spekulative Hoffnungen auf eine Energieschwemme. Sie bleibt bleibt belastbare Antworten schuldig. Im Übrigen waren auch schon 2008 die Schiefergas- und „Tight-Öl“-Vorkommen bekannt, das ist nichts Neues. Und wenn sie den aktuellen Bericht der IEA im Detail lesen, werden Sie feststellen, dass sie an vielen Stellen Unsicherheiten und ungelöste Fragen diskutiert. In der Zusammenfassung werden diese Unsicherheiten allerdings mit euphorischen Statements übergangen, um davon abzulenken.

Mehr dazu

Der Ölpreis liegt bei 100 Dollar pro Fass, also deutlich unter dem Spitzenwert von 2008, als es über 140 Dollar waren. Auch Erdgas und Kohle sind billiger geworden. Ist das kein Signal für eine vergleichsweise entspannte Lage?

Energiepreise und Verfügbarkeit sind nicht direkt gekoppelt. Der Preis von Öl, Gas und Kohle ist seit 2008 gefallen, weil die Nachfrage danach in den reichen Ländern zurückging. Gerade durch die hohen Preise wurde 2008 eine weltweite Rezession ausgelöst, die bis heute nicht überwunden ist – denken Sie an die Krisen in Europa oder das Haushaltsdefizit der USA. Der Energieverbrauch der Industriestaaten ging deshalb zurück – was übrigens gut für das Klima war – und nur deshalb konnten die Schwellenländer wie China und Brasilien ihren Verbrauch auch in den Jahren 2008 und 2009 deutlich erhöhen.

Große Hoffnungen bei der Öl- und Gasförderung beruhen auf der Fracking-Technologie, durch die bisher nicht nutzbare Lagerstätten mit Druck und Chemikalien aufgeschlossen werden – wie in den USA. Ist das übertrieben?

Ja. Dass diese Hoffnungen jetzt so betont werden, ist zunächst das Eingeständnis, dass die leichter erschließbaren konventionellen Vorräte zu Ende gehen. Sonst würde keine Firma der Welt sich damit befassen. Nun versucht man, aus der Not eine Tugend zu machen. In Wahrheit spiegelt es eher die Verzweiflung der Firmen wider, noch möglichst lange das alte Geschäft betreiben zu können. Es ist die letzte Phase des Endspiels um die Öl- und Gasressourcen, nachdem auch die Ergiebigkeit von Tiefsee-Bohrungen und Teersanden weit hinter den Erwartungen zurückblieb.

Die IEA sagt aber sogar: Die USA können bis 2025 zum weltgrößten Ölproduzenten werden und bis 2035 sogar komplett energieautark.

Die IEA sagt vor allem, dass die wesentliche Voraussetzung hierfür wäre, dass die USA ihren Verbrauch bis 2025 drastisch senken müssten. Dies bedeutet aber das Ende des energieintensiven amerikanischen Lebensstils.

Fracking hat unstreitig in den USA einen Erdgas-Boom ausgelöst. Gas ist billig wie lange nicht mehr, drängt die Kohle- und Atomkraft aus dem Geschäft. Zumindest aktuell nutzt das Fracking dort – die Industrie profitiert, der CO2-Ausstoß sinkt. Wirklich nur ein Strohfeuer?

Gas ist in den USA deshalb billig, weil es ein Überangebot gibt, das teils durch die Ausweitung der Förderung, teils aber auch durch ein Einknicken des Verbrauchs verursacht wurde. Heute ist der Gaspreis in den USA niedriger als die Förderkosten – das wird nicht lange so bleiben.

Viele andere Länder setzten ebenfalls auf Fracking – auch in Deutschland wird darüber heftig diskutiert. Empfehlen Sie, hier nicht einzusteigen?

Der kurzfristige Erfolg der unkonventionellen Öl- und Gasförderung in den USA hat mit vielen Eigenheiten dort zu tun, die nicht übertragbar sind. Oder glauben Sie, dass man in Nordrhein-Westfalen auf einer Fläche von 15.000 Quadratkilometern mehr als 15.000 Erdgasbohrungen genehmigen wird, wie dies beispielsweise in der Barnett Shale-Formation in Texas der Fall ist? Unsere Bohr-Infrastruktur ist auf einige zig Bohrungen pro Jahr ausgelegt, nicht auf zehntausende wie in den USA. Des weiteren wurden in den USA wichtige Umweltstandards beim Gewässerschutz außer Kraft gesetzt. Nur so wurde es möglich, mit vergleichbar geringen Kosten – die aber noch hoch genug sind – viele Bohrungen zu setzen. Das wird in Mitteleuropa so nicht möglich sein. Für die Firmen in Europa wird Fracking ökonomisch erst dann interessant werden, wenn der Erdgas-Preis wesentlich höher als heute ist – aber das sagt Ihnen heute niemand.

Summa summarum: Die IEA hat sich eine Fehlprognose geleistet, in dem die die USA als globalen Vorreiter anpries? Im IEA-Outlook heißt es: Sie seien „an vorderster Front eines durchschlagenden Wandlungsprozesses in der Öl- und Gasproduktion, der alle Regionen der Welt beeinflussen wird“.

Zunächst. Das ist keine Prognose, sondern ein Szenario, von dem die IEA möchte, dass man glaubt, dass das die Meinung der IEA sei. Ich würde das umdrehen: Dass die IEA so stark auf diesen kurzfristigen Erfolg abhebt, ist eher ein Indiz, wie verzweifelt die Situation ist. Die USA werden schon sehr bald wieder auf steigende Importe angewiesen sein, wenn die Wirtschaft nicht zusammenbricht.

Bieten Sie der IEA eine Wette an, wer Recht hat? Sagen wir für 2023?

1998 veröffentlichte der britische Geologe Colin Campbell einen aufsehenerregenden Artikel, dass Öl nach 2000 knapper und teurer werde. Das nahmen viele nicht ernst. Tatsächlich stieg der Preis seither von unter 20 Dollar pro Barrel auf 100 und mehr. Das war recht gut aus der geologisch bedingten Verknappung von Erdöl ableitbar. Wir werden unsere Finanzkrisen erst überwinden, wenn wir verstanden haben, dass da ein Zusammenhang besteht und wir den Verbrauch knapper werdender fossiler Energieträger möglichst schnell reduzieren. Wenn wir das nicht freiwillig machen, werden uns weiter steigende Preise dazu zwingen.

Und die Wette?

Lieber eine Gegenfrage: Erkundigen Sie sich doch bei Ölfirmen, ob die Ihnen heute einen Future-Kontrakt für das Jahr 2023 zu für Sie bezahlbarem Preis anbieten wollen. Das werden sie nicht tun.

Das Gespräch führte Joachim Wille

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial

Schafft Deutschland die Energiewende - und die Atomkraft ab? Bringen die alternativen Quellen genug Leistung? Und schaffen die Netze die Verteilung? Das Spezial.

Beziehen Sie schon Ökostrom?

Der Atomausstieg soll 2022 Realität werden. Aber schon heute gibt es die Möglichkeit, Ökostrom zu beziehen? Sind Sie schon umgestiegen?

Ja, ich beziehe Ökostrom.
Weiß nicht, ich beziehe grundsätzlich den günstigsten Strom.
Weiß nicht, ist mir auch egal.
Nein, ich halte Ökostrom für den falschen Weg.
Der Atomausstieg
Nachgefragt

Schon 1946 wurde das erste Mal darüber nachgedacht, welches Symbol für die neue Energieform steht. Wir haben nachgefragt.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Atommüll-Endlager
Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.

Der Bau des Endlagers für Atommüll wird voraussichtlich erst 2019 fertig. Es drohen Zusatzkosten von bis zu einer Milliarde Euro. Zur Grafik...