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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

28. Januar 2016

Erneuerbare Energien: „Regierung will den Motor abwürgen“

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Die Regierung tue zu wenig für den Ausbau der Energieproduktion aus erneuerbaren Quellen, findet MVV-Chef Müller.  Foto: rtr

Georg Müller, Chef von MVV Energie, macht sich schon seit Jahren stark für die Energiewende. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau fordert er jetzt von der Bundesregierung, die Ausbauziele für Energie aus erneuerbaren Quellen nach oben zu setzen.

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Es ist noch immer eine große Ausnahme, wenn sich Chefs von großen Energieversorgern für die Energiewende stark machen. Georg Müller gehört zu dieser seltenen Spezies. Der Chef von MVV Energie hat schon vor Jahren dafür gesorgt, dass sein Unternehmen in Windkraftanlagen und Biomassemassekraftwerke investierte. Er fordert nun von der Bundesregierung, die Ausbauziele für die Erneuerbaren nach oben zu setzen.  

Herr Müller, Energieminister Sigmar Gabriel  will die Förderung der erneuerbaren Energien umstellen. Gefallen Ihnen die Vorschläge?
Die Förderung wird verstärkt über Ausschreibungen erfolgen. Das halten wir für richtig, weil es bei der Errichtung neuer Windräder und Solaranlagen zu wettbewerblicherem Verhalten führt und sich positiv auf die Preisentwicklung auswirkt. 

Alles gut also beim neuen Erneuerbare-Energien- Gesetz, das von 2017 an gelten soll?
Leider nein. Wir hatten in Deutschland eine lange Anlaufphase bei der Windkraft an Land, sie ist der Lastenträger der Energiewende. Die Bundesregierung will jetzt das Ausbautempo bremsen – und damit den gerade rund laufenden Motor abwürgen. Gleichzeitig ist bei Offshore-Windkraft ein stärkerer Ausbau geplant. Hier droht die gleiche Fehlsteuerung wie bei der Photovoltaik vor zehn Jahren: Wir fördern eine Technologie zu stark, bei der es viele Fragezeichen bei Kosten und Verlässlichkeit gibt. Ziel des fortgeschriebenen EEG muss es vielmehr sein, die Dynamik bei Wind Onshore zu halten. 

Es gibt aber zum Beispiel in der CDU Politiker, die vor einem zu schnellen Ausbau von Windkraft an Land warnen, weil sie hohe Kosten für die Förderung sehen, die letztlich die Bürger zahlen. Ist das was dran?
Dieses Argument ist verfehlt. Wind Onshore ist die mit Abstand günstigste erneuerbare Erzeugungsart - mit Kosten von sechs bis maximal neun Cent pro Kilowattstunde. Im Vergleich dazu liegt Offshore Wind 13 Cent plus X.  

Zur Person

Georg Müller, Jahrgang 1963, ist seit Anfang 2009 Vorstandschef des Mannheimer Unternehmens MVV Energie. Er ist von Hause aus Jurist, hat nach dem Studium als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Köln gearbeitet. 1995 wechselte er in die Energiebranche. Er arbeitete unter anderem bei RWE als Leiter der Rechtsabteilung. Müller ist gerade von der Zeitschrift Energie & Management als „Energiemanager des Jahres 2015“ ausgezeichnet worden. Nach Ansicht der Jury hat  sein Unternehmen eine Vorreiterrolle beim „zukunftsorientierten Umbau der Energieversorgung in Deutschland“ – Müller habe schon vor der Reaktorkatastrophe von Fukushima die Strategie von  MVV Energie in Richtung  Ausbau der Erneuerbaren und mehr Energieeffizienz ausgerichtet.  MVV Energie ist ein börsennotiertes Unternehmen, das mehrheitlich der Stadt Mannheim gehört.

Wie muss aus Ihrer Sicht ein Ausbau aussehen?
Wir müssen die Windkraft an Land weiterhin bundesweit auslegen; der Wind weht eben nie überall im Land gleich stark. Mit flächendeckender Windkraft werden die regionalen  Schwankungen am besten ausgeglichen. Zudem führt eine gleichmäßige Verteilung der Anlagen über das Land dazu, dass wir den Netzausbau reduzieren. Das ist dringend geboten, weil es Kosten spart und gleichzeitig den Wert von Windstrom erhält. Das beste Netzausbauprogramm ist die Verringerung des Netzausbaubedarfs. Dezentrale Energien müssen dezentral angesiedelt und dürfen nicht im Norden zentralisiert werden.  

Haben wir überhaupt ausreichend Standorte für Windräder?
Wir haben genügend geeignete Standorte. Gute Windstandorte beginnen bei einem sogenannten Referenzertrag von 65 Prozent. Eine Einstiegsschwelle von 70 Prozent, wie sie die Bunderegierung vorsieht, schneidet erfolgversprechende Projekte ab.   

Was muss aus Ihrer Sicht bei einer Neudefinition der Ausbauziele noch hinzukommen?
Ganz konkret: Das künftige jährliche Volumen für Ausschreibungen bei Wind Onshore muss auf 2,5 Gigawatt netto – das heißt für Neuanlagenbau ohne Ersatzinvestitionen - pro Jahr festgelegt werden, so wie es das aktuelle EEG vorsieht. Das Bundeswirtschaftsministerium plant derzeit nur zwei Gigawatt brutto  - also inklusive der Ersatzinvestitionen in alte Windanlagen. Und im Ergebnis bedeutet das: Das Ziel für den Ausbau der erneuerbaren Energien bis 2025 kann und muss auf 55 Prozent am bundesdeutschen Strommix erhöht werden – bislang sind nur 45 Prozent geplant.  

Handeln Sie sich mit diesen Forderungen nicht eine komplizierte Diskussion ein? Mehr Windkraft bedeutet auch, dass mehr Fördergeld über die EEG-Umlage ausgegeben werden muss, das letztlich von den Stromkunden kommt.
Gerade nicht. Auch die Politik starrt bei den Kosten der erneuerbaren Energien immer nur auf die EEG-Umlage. Wie das Kaninchen auf die Schlange. Entscheidend sind aber die Systemkosten insgesamt – also EEG-Umlage plus Börsenstrompreis. Und hier führt der gesunkene Strompreis wegen der Berechnungsmechanik zu einer gestiegenen EEG-Umlage. Im Ergebnis bleiben die Systemkosten auf etwa gleichem Niveau.

Das wollen viele Kunden nicht glauben, weil die meisten von ihrem Versorger auch für 2016 nicht niedrigere, sondern höhere Preise präsentiert bekommen. Woran liegt das?
Ich kann nur für unser Unternehmen sprechen: Wir halten unseren Strompreis nun schon im dritten Jahr konstant. Und unsere gegenwärtigen Modellrechnungen zeigen, dass in 2017 die Systemkosten weiter sinken werden. 

Was ist ihre Schlussfolgerung daraus?
Wir dürfen den Schwung des Ausbaus bei den Erneuerbaren nicht verlieren, sondern wir müssen ganz im Gegenteil die Chancen der niedrigen Börsenpreise dazu nutzen, um ihn zu forcieren: nicht bremsen, sondern verstetigen. Ein Marathonläufer, der nach 20 Kilometern seinen Rhythmus gefunden hat, läuft auch nicht langsamer, sondern hält das Tempo stabil, um sein Ziel zu erreichen. Wer heute für eine Temporeduzierung eintritt, der hat eher steigende Strompreise im Sinn. 

Das könnte doch nur dann passieren, wenn die Betreiber von Kohlekraftwerken in großem Stil Anlagen stilllegen und damit das Angebot verknappen?
Diese Einschätzung teile ich im Grundsatz. Es ist aber eine ganz andere Frage, dass wir natürlich eine Antwort auf die Herausforderung einer Dunkelflaute haben müssen – also beispielsweise zwei Wochen ohne Sonne und ohne Wind. Was machen wir dann mit unserer Versorgungssicherheit? Wir brauchen deshalb noch weiter hocheffiziente konventionelle Kraftwerke, um solche Situationen zu überbrücken, zur Not als Reserve. Das fordert zu Recht auch die Industrie. Und in Verbindung mit der Kraft-Wärme-Kopplung und der umweltfreundlichen Fernwärme sichern diese Kraftwerke auch in Zukunft eine klimaschonende Wärmeversorgung in unseren Städten. 

Zurück zur Windkraft an Land. Können Sie abschätzen, welche Folgen ein Bremsen des Ausbaus  für die Anlagenbauer hätte?
Wind Onshore ist im Grunde eine Mittelstandstechnologie, und zwar sowohl auf der Maschinenbauer-Seite als auch bei Instandhaltung, bei Betriebsführung und den Komponenten. Hier hat Deutschland heute die Technologieführerschaft. Das sollten wir nicht gefährden. Die Erzeugung von Windstrom findet zudem häufig in strukturschwachen Regionen statt. Der Ausbau der Windkraft ist aus diesem Grund auch eine effiziente Strukturförderung. Denken Sie etwa an die Lausitz, die heute noch stark von der Braunkohle abhängig ist, oder an den Bayerischen Wald, die Schwäbische Alb oder Hohenlohe in Franken. 

Windräder auf der Schwäbischen Alb? Da kriegen sie sofort Riesenärger mit Naturschützern, Bürgermeistern, Bürgerinitiativen und Förstern.
Natürlich ist die Windkraft an Land  mit Eingriffen in Landschaft und Natur verbunden. Man darf das in der Kommunikation nicht verleugnen. Der Bau eines Windparks dauert knapp ein Jahr. In dieser Zeit wird dort intensiv gearbeitet, da fahren Maschinen. Das ist eine Belästigung - keine Frage. In einer Industriegesellschaft geht es immer darum, durch Abwägung von Interessen Kompromisse zu finden. Die Windkraft bietet sich dafür geradezu an. 

Das heißt, sehr dicke Bretter bohren.
Es gilt, gemeinsam Lösungen zu finden und zum Beispiel angemessene Abstände zu Siedlungen einzuhalten. Bei Waldstandorten ist zu berücksichtigen, dass wir dort regelmäßig Holzeinschläge haben. Die Forstwirtschaft akzeptiert es, dass Holz auf einer überschaubaren Fläche ein paar  Jahre früher geerntet wird, um dort Platz für Windräder zu schaffen. Und selbstverständlich müssen wir in Zeiten, da vor Ort bestimmte Vogelarten besonders intensiv fliegen, auch über die zeitweise Abschaltung von Windrädern sprechen. Solche Rahmenbedingungen müssen ganz nüchtern in die Kalkulationen für neue Anlagen eingerechnet werden.

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