Herr Kohler, nur noch sechs Atomkraftwerke laufen, der erste kommerzielle Offshore-Windpark kommt. Rufen Sie jetzt fröhlich hurra?
Wir haben 1980 am Öko-Institut das Buch „Die Energiewende“ geschrieben, um zu zeigen, dass ein Ausbau der Atomkraft nicht nötig ist. Dass jetzt der Ausstieg geplant wird, erfüllt mich mit einer gewissen Befriedigung. Also ja, ich freue mich darüber. Wir müssen nun die Energiewende aber richtig machen.
Wie macht man es denn richtig?
Energiewende heißt nicht nur, AKW ausschalten. Energiewende heißt Energieeffizienz vorantreiben, heißt erneuerbare Energien ausbauen, heißt intelligente Stromsysteme aufbauen. Es ist ein grundlegender Umbau. Diese Dimension sehe ich in der Diskussion noch nicht.
Aber können wir jetzt wenigstens ein Thema abhaken, nämlich die Furcht vor der Stromlücke, da auch mit nur sechs Atomkraftwerken das Licht nicht ausgeht?
Die Dena hat nie gesagt, dass das Licht ausgeht. Sie hat gesagt, wenn wir aus der Atomenergie aussteigen und keine konventionellen hocheffiziente Kraftwerke bauen, dann bekommen wir Schwierigkeiten. Die Regierung diskutiert in diese Richtung und will mehr Gaskraftwerke bauen. Erdgas wird jetzt die Brückentechnologie anstelle der Atomkraft.
Stephan Kohler ist Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Die halbstaatliche Dena, die der Bundesregierung untersteht, ist Berater für Unternehmen und Privatkunden, zum Beispiel für Energieeffizienz und Sanierungen. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist es, einen genauen Plan für den Ausbau der Stromnetze zu entwickeln. Ihre jüngste Netzstudie hat die Dena 2010 vorgestellt. Die Agentur erhält im Rahmen öffentlich-privater Partnerschaften auch Zahlungen aus der Energiewirtschaft. (fw/js)
Jetzt müssen wir aber erst einmal klären, wann wir überhaupt aus der Atomkraft aussteigen.
Wir können bis 2020 aus der Atomkraft aussteigen. Dabei unterstellen wir einen Anteil von Erneuerbaren am Strommix von 38 Prozent. Und wir unterstellen, dass jetzt zügig hochmoderne Anlagen für fossile Energieträger und mit Kraft-Wärme-Koppelung gebaut werden.
Geht es nicht ein bisschen schneller? Ein Ausstieg schon 2016 oder 2017 ist in der Diskussion.
Das kann ich nicht nachvollziehen. In Süddeutschland haben wir fast 13000 Megawatt an Kernkraft-Kapazitäten und dort kaum Projekte in Planung für neue konventionelle Kraftwerke. Da muss noch viel geschehen.
Da gibt es einiges zu bauen für RWE, Eon & Co. Umweltschützer werfen der Dena immer wieder vor, mit großen Konzernen unter einer Decke zu stecken. Wo steht die Dena?
Die Dena steht für die Entwicklung von innovativen Energiesystemen für den Industriestandort Deutschland. Der Bau von Gaskraftwerken kann und wird auch von Stadtwerken und mittelständische Unternehmen erfolgen, für die es hier interessante Investitionsmöglichkeiten gibt.
Die Dena will auch massiv Offshore-Windanlagen auf hoher See bauen lassen. Auch wieder was für große kapitalstarke Unternehmen.
Die Deutsche Energie-Agentur gehört zu 50 Prozent dem Bund. Und die Bundesregierung hat sich Ziele gesetzt. Im Leitszenario des Umweltministeriums steht: Ausbau der Offshore-Energie. Zweiter Punkt: An Offhore-Projekten sind zum Beispiel die Stadtwerke München beteiligt. Auch Verbünde von Stadtwerken machen mit.
Wir müssen also das Wattenmeer und das Voralpenland mit Windrädern zupflastern?
Wir müssen zwei Dinge im Auge behalten: Energiewende bedeutet, den Import von Brennstoffen durch eine inländische Energieproduktion zu ersetzen. Dies ist zwangsläufig in der Landschaft sichtbar. Aber dadurch vermeiden wir nicht nur solche Dinge wie den Super-Gau in Fukushima, sondern auch Umweltkatastrophen wie die Havarie der Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko.
Wird es bald harte Konflikte zwischen Windkraft- und Naturfreunden geben?
Wir müssen auf die Natur achten, aber die Gewichtung muss vernünftig sein. Schweinswale leiden während des Baus von Windanlagen auf hoher See unter dem Lärm der Bauarbeiten. Aber man kann sie während der Bauphase durch das Aussenden von Tönen in einer bestimmten Frequenz fernhalten. Wenn der Bau abgeschlossen ist, können sie fröhlich durch die Windparks schwimmen, weil sie dort keine Schleppnetze fürchten müssen.
Wie viele Windräder brauchen wir überhaupt?
Wir halten es für realistisch, dass wir bis 2025 etwa eine Leistung von 9000 bis 14000 Megawatt Offshore-Windkraft haben. Bei der Windkraft an Land ist ein Zubau von 8000 bis 10000 Megawatt machbar. Das sind insgesamt 6000 bis 7000 neue Windräder.
Müssen Hessen, Bayern und Baden-Württemberg hier mehr Gas geben?
Das sind relativ dicht besiedelte Länder. Und wenn ich mir den Widerstand in dünn besiedelten Ländern anschaue, dann habe ich Zweifel, ob in Bayern die großen Windparks jetzt sehr schnell entstehen können. Deshalb setzen wir auf Offshore.
Wie viel Photovoltaik kann Deutschland noch vertragen?
Wir sollten den Zubau auf ungefähr 2000 Megawatt pro Jahr beschränken – im Augenblick ist es ungefähr das Dreifache. Das Problem ist: Damit wir mit dem Strom aus Sonnenkraft wirklich sinnvoll umgehen können, brauchen wir erst einmal einen Umbau der Netzsteuerung, weil Photovoltaik sehr unregelmäßig anfällt. Hohe Leistung, wenig Ertrag, das ist keine gute Kombination.
Was ist mit der flexibleren Biomasse?
Biomasse ist sehr wichtig. Holz und andere pflanzliche Energieträger kann man gut lagern und dann in Kraftwerken einsetzen, wenn der Bedarf hoch ist. Die Regierung sollte allerdings noch stärker darauf setzen, die Flexibilität auch vorzuschreiben und einen Anreiz dafür zu liefern.
Ein Problem der Energiewende ist das Fehlen von Speicherkapazitäten. Was tut sich da?
Ich bin ganz zuversichtlich, dass wir vorwärts kommen. In Deutschland können wir noch Pumpspeicherkraftwerke mit einer Leistung von 2400 Megawatt bauen. In Österreich können die Speicher auch noch ausgebaut werden. Damit schaffen wir es bis 2020. Trotzdem müssen wir richtig Gas geben. Für die Zeit danach und die konsequente Energiewende brauchen wir neue Lösungen. Immerhin investiert die Regierung 250 Millionen Euro in die Erforschung von Speichern.
Was braucht es noch für die Energiewende?
Neue Leitungen natürlich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Schleswig-Holstein will bis zum Jahr 2020 Windräder mit einer Leistung von knapp 9000 Megawatt installiert haben. Das entspricht 2000 großen Windrädern. Der maximale Verbrauch des Landes liegt bei 5500 Megawatt, der minimale bei rund 2500. Der Strom muss also bei gutem Wind abtransportiert werden können – sonst können wir den Bau neuer Öko-Strom-Kraftwerke gleich lassen.
Wie viele neue Kilometer Leitungen braucht es denn?
In unserer neuesten Netzstudie haben wir einen Bedarf von 3500 Kilometer Höchstspannungsleitungen ermittelt. Das sind zusätzlich 15 Prozent zum bestehenden Netz. Wenn wir Hochtemperaturleitungen nehmen, reichen 1600 Kilometer, aber es wird dann eben teurer.
Wie soll das gehen? Vor sechs Jahren hatten sie 850 Kilometer für nötig befunden, davon sind noch nicht einmal 100 gebaut aufgrund langer Genehmigungsverfahren und des Widerstands der Bevölkerung.
Klar, es ist sehr mühsam. Aber es gibt auch hier ein paar Dinge, die mich zuversichtlich stimmen. Erstens: Fukushima hat endgültig klar gemacht, dass wir eine Energiewende brauchen und sie auch kommt – inklusive Abschaltung der Atomreaktoren. Ich denke, das wird die Akzeptanz erhöhen.
Die meisten Leute sagen: Baut doch ruhig neue Leitungen, aber nicht vor meiner Nase.
Hier muss sich jeder selbst fragen, ob das konsequent ist. Eine Flugschneise wird bald über mein Haus in Berlin führen. Als ich neulich im Supermarkt gefragt wurde, ob ich gegen die Schneise unterschreiben will, habe ich abgelehnt, weil ich beruflich auch fliege. Man kann nicht gegen alles sein, was unsere Lebensweise mit sich bringt. Der eine hat eine laute Kneipe vor der Tür, ich vielleicht eine Flugschneise über mir, andere einen Strommast im Blickfeld.
Weise Einsicht allein wird aber nicht reichen, oder?
Stimmt. Das ist Punkt zwei: Es muss sich auch lohnen für die Anwohner und die Gemeinden – so wie bei Windkraftanlagen, an denen sich die Bürger direkt beteiligen können und die Gemeinde die Gewerbesteuer kassiert. Wir sollten dringend darüber nachdenken, die Strommasten-Gewerbesteuer direkt vor Ort auszuschütten. Es sollte mehr finanziellen Ausgleich geben. Es kann ja nicht sein, dass wir einen höchst aufwändigen Natur-Ausgleich beim Leitungsbau betreiben, aber die Menschen ganz leer ausgehen.
Gelingt die Energiewende?
Ja. Es wird ein langer und zum Teil mühsamer Weg. Aber wir können das schaffen.
Interview: Jakob Schlandt und Frank-Thomas-Wenzel
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