kalaydo.de Anzeigen

FR-Serie (1): Energie für Deutschland: Die Strom-Wende

Das Öl wird knapp, der Atom-Ausstieg ist beschlossene Sache. Doch wie soll der steigende Strombedarf gedeckt werden? In einer neuen Serie geht die FR dem Thema auf den Grund. Von Joachim Wille

Das Öl wird knapp, der Atom-Ausstieg ist beschlossene Sache. Doch wie soll der steigende Strombedarf gedeckt werden? Bild: der Offshore-Windpark Alpha Ventus.
Das Öl wird knapp, der Atom-Ausstieg ist beschlossene Sache. Doch wie soll der steigende Strombedarf gedeckt werden? Bild: der Offshore-Windpark Alpha Ventus.
Foto: dpa

Norddeich. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) drückt auf den gelben Knopf. Die gigantischen Rotoren von "Alpha Ventus" beginnen, Strom ins Seekabel einzuspeisen. Zu sehen ist - nichts. Die zwölf Windräder der Fünf-Megawatt-Klasse drehen sich nämlich weit draußen in der Nordsee, 45 Kilometer vor der Insel Borkum. Ein Mega-Projekt: Die Fundamente am Meeresboden stehen in 30 Meter tiefem Wasser, bis zur Rotorspitze hinauf sind es 150 Meter, und die Gondeln mit den Rotoren und Naben wiegen über 400 Tonnen, soviel wie ein Jumbojet beim Abflug.

Alpha Venus ist Deutschlands erster Offshore-Windpark, ein 250 Millionen Euro teures Pilotprojekt, das Strom für rund 50.000 Haushalte liefert. "Die Nutzung der Windenergie wird die zentrale Rolle im Energiemix der Zukunft spielen", sagt Röttgen, und die Zahlen, die er nennt, sind beeindruckend. Bis zum Jahr 2030 soll die bei Starkwind verfügbare Leistung der Offshore-Parks auf 25.000 Megawatt ansteigen - mehr, als heute die 17 deutschen Atomkraftwerke aufweisen.

Schon diese Perspektive zeigt: Von "Alternativ-Energien" kann man kaum mehr reden, wenn es um Wind-, Wasser-, Biomasse- und Solarstrom geht. Bereits heute liefern die Öko-Kraftwerke rund 17 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms, 2020 sollen es mindestens 30 Prozent sein, und bis 2050 erscheint gar die Voll-Umstellung auf Ökostrom möglich. Zumindest im Elektrizitätssektor geht die fossil-atomare Ära beschleunigt zu Ende.

Alles andere als nur eine Vision

Und dabei handelt es sich keineswegs nur um eine Vision von Umweltschützern oder Grünen-Politikern. Die schwarz-gelbe Koalition hat den Öko-Kurs in ihrem Koalitionsvertrag fixiert: "Wir wollen den Weg in das regenerative Zeitalter gehen", steht dort. Dabei stellt sie klar: Der Atomkraft komme nur noch die Funktion einer "Brückentechnologie" zu - "bis sie durch erneuerbare Energien verlässlich ersetzt werden kann".

Soweit, so einsichtig. Doch darüber, wie lang die "Nuklear-Brücke" sein muss, streiten sich die schwarz-gelben Koalitionäre und die unionsregierten "Südstaaten" Baden-Württemberg, Hessen und Bayern seit Monaten wie die Kesselflicker. Röttgen plädiert für eine "moderate" Laufzeitverlängerung um bis zu zehn Jahre, Insider sagen, er könne sogar mit einem Festhalten am rot-grünen Ausstiegsplan leben.

Den harten Kurs fuhren von Anfang an der Wirtschaftsflügel der Union und FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle: Sie wollten ein Plus von bis zu 28 Jahren. Das hieße: Die Reaktor-Lebensdauer - jetzt gedeckelt bei rund 32 Jahren - würde praktisch verdoppelt. Inzwischen hat Röttgen Oberwasser.

Schwarz-Gelb hat im Bundesrat mit der NRW-Wahl im Mai die Mehrheit verloren, und ohne Zustimmung der Länderkammer gilt maximal ein Verlängerung um zehn Jahre als durchsetzbar. Die Entscheidung darüber soll nun erst im Herbst fallen, wenn auch das Gesamt-Energiekonzept der Regierung steht. Bis dahin dürften Röttgenisten und Atomhardliner munter weiter streiten.

Boom lief lange parallel

Die Frage, wie schnell der Ökostrom-Anteil und das dafür notwendige intelligente Stromnetz wachsen, ist entscheidend. Denn daraus ergibt sich, wie schnell die Atom- (und Kohle-) Kraftwerke abgeschaltet werden können. Seit Beginn der 90er Jahre liefen der Boom bei den Erneuerbaren und der Rückgang der Atomstrom-Produktion praktisch parallel. Der Nuklearanteil ging von einem Drittel auf 23 Prozent zurück, der des Ökostroms stieg von rund fünf Prozent (damals fast nur Wasserkraft) auf besagte 17 Prozent. Die Kurve verlief sogar weit steiler als geplant.

Aber kann das so weitergehen? Die Ökostrom-Branche sagt: Ja. Sie will noch mehr aufs Tempo drücken. Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) prognostiziert, 2020 könnten Windkraft und Co. bereits 47 Prozent des Stroms liefern. Das hieße: Es wäre möglich, den Atomausstieg sogar vorzuziehen.

Dagegen hält der Verband BDEW, in dem die Energieversorger organisiert sind, nur 30 Prozent für möglich. Und schon das sei "durchaus ambitioniert", sagte Geschäftsführerin Hildegard Müller der Frankfurter Rundschau. Unter dem Strich hieße das: Die Kernkraft würde 2020 noch zehn Prozent des Stroms liefern, entsprechend sechs großen AKW-Blöcken. Die nukleare "Brücke" müsste verlängert werden. Im Atomkonsens aus dem Jahr 2000 waren Rot-Grün und die Stromkonzerne davon ausgegangen, dass das letzte AKW etwa 2021 vom Netz geht.

Auf Seite 2: Bis zu 40 Prozent Ökostrom möglich

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Joachim Wille
Datum:  21 | 6 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial

Atomkraft, nein danke. Aber was dann? Die FR liefert Infos und Tipps, wie die private Energiewende gelingt.

Der Atomausstieg
Das Kernkraftwerk Brokdorf (Archivbild).
Beschädigte Teile 
Kommentar zur Solarförderung 
Nicht immer geht der Wechsel des Stromanbieters glatt.
Wechsel des Anbieters 
Spezial

Nachrichten zu Strom, Wind-, Wasser- und Solarenergie sowie alternativer Energie-Gewinnung.


Nachgefragt

Schon 1946 wurde das erste Mal darüber nachgedacht, welches Symbol für die neue Energieform steht. Wir haben nachgefragt.

Atommüll-Endlager
Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.

Der Bau des Endlagers für Atommüll wird voraussichtlich erst 2019 fertig. Es drohen Zusatzkosten von bis zu einer Milliarde Euro. Zur Grafik...

 Mehr...