Ökostrom boomt - und zwar schneller als gedacht. Auf fast 40 Prozent - genau: 38,6 - wird der Anteil der erneuerbaren Energien an der Elektrizitätsversorgung Deutschlands bereits bis zum Jahr 2020 ansteigen. So lautet die offizielle Prognose der schwarz-gelben Bundesregierung, die vorige Woche bekannt wurde. Darin steckt enorme Brisanz. Denn es macht klar, wie schnell der Ökostrom, der aktuell bei rund 17 Prozent liegt, die Konkurrenz, vor allem Atom und Kohle, verdrängt.
Die Debatte über eine AKW-Laufzeitverlängerung erscheint da wie aus der Zeit gefallen. Und doch wird sie heftig geführt. Die "Brückenfunktion" der Kernkraft müsse ausgebaut werden, sagen die Befürworter. Atomkraftwerke "verstopften" die Netze für die Ökoenergie, halten die Kritiker dagegen. Wer hat Recht?
Ökostrom wollen alle - die Kunden, alle Parteien, selbst die Stromkonzerne. Streit gibt es trotzdem − über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke, die Solarstrom-Förderung, geplante Hochspannungsleitungen oder die Kosten des neuen Energiesystems.
Die FR-Serie über Chancen und Probleme des Energie-Umbaus beschäftigt sich heute mit der umstrittenen Frage, ob und wie lange Öko- und Atomstrom koexistieren können. MEHR...
Die Stromkonzerne, die derzeit 17 Atommeiler mit rund 23 Prozent Anteil an der Stromproduktion betreiben, forcieren in jüngster Zeit ein neues Argument: Sie preisen Ökostrom und Atomstrom als das Dreamteam der Elektrizitätsversorgung an. Erneuerbare Energien und Kernkraft seien "hervorragende Partner im Netz und im Klimaschutz", verkündet der südwestdeutsche Versorger EnBW, dessen Alt-AKW Neckarwestheim 1 als nächstes auf der Ausstiegsliste des rot-grünen Atomkonsens steht und eigentlich noch in diesem Jahr vom Netz müsste. Die Atommeiler passten, da besonders gut regelbar, gut zur Ökoenergie, deren Stromproduktion je nach Windverhältnissen und Sonnneinstrahlung stark schwanken kann. "Ideal" harmonierten Biblis und Co. mit dem fluktuierenden Stromangebot, meint auch RWE.
Die Technik erlaubt das Zusammenspannen von Öko und Atom durchaus. AKW können im Bereich von rund 50 bis 100 Prozent der Maximal-Leistung flexibel "gefahren" werden. Lastwechsel gelingen hier sogar besonders schnell: Pro Minute ist die Leistung um fünf bis zehn Prozent hoch- oder herunterregelbar - flexibler als bei den sonst dafür gepriesenen Gas-Kraftwerken.
Die deutschen AKW seien in den 70er und 80er Jahren genau mit dieser Anforderung bestellt worden, erläutert der deutsch-französische AKW-Bauer Areva, an dem Siemens beteiligt ist. Nur: Schnell mal aus- und wieder anschalten - das funktioniert nicht: "Zum Anfahren aus dem kalten Zustand benötigen Kernkraftwerke mehrere Stunden bis Tage."
Die Befürchtung, die Sicherheit könne unter der Flexi-Fahrweise leiden, weisen Areva und die Betreiber zurück. "Lastwechsel bedeuten kein Sicherheitsproblem", heißt es bei RWE. Die Anlagen seinen darauf ausgelegt. Die stärkere Materialermüdung durch wechselnde Drücke und Temperaturen sei in den Sicherheitsnachweisen berücksichtigt, nötigenfalls würden Komponenten frühzeitig ausgetauscht, so Areva.
Auch ein kritischer Experte wie Stefan Kurth vom Öko-Institut Darmstadt sieht keine völlig neue Sicherheitslage. Er hält aber eine genaue Überwachung der Problematik für notwendig, falls die flexible Fahrweise zur Regel wird: "In Deutschland gibt es noch vergleichsweise wenig Erfahrung damit." Anders ist es in Frankreich, wo viele AKW schon immer flexibel laufen.
Tatsächlich haben die hiesigen Stromkonzerne die Betriebsweise von immer mehr Kraftwerken umgeswitcht. Früher produzierten die Nuklearzentralen, deren Bau Milliarden gekostet hat, durchweg Grundlast-Strom. Das heißt: Außerhalb der jährlichen Revision und von Reparatur-Zeiten lieferten sie konstant und rund um die Uhr Elektrizität bei voller Leistung. Die mittlere Auslastung der AKW lag bei 95 Prozent.
Inzwischen aber sinken die Nutzungszeiten - und zwar nicht nur in Alt-Anlagen wie Neckarwestheim 1 oder Biblis A, bei denen die Stromkonzerne die Reststrom-Mengen strecken, in dem sie sie auf halber Kraft oder weniger laufen lassen. Besonders in Norddeutschland, wo die an Nord- und Ostsee massierten Windrotoren bei Starkwind viel Ökostrom ins Netz einspeisen, sind die AKW im "Lastfolgebetrieb". Das bedeutet: Die Auslastungskurve, früher eine horizontale Linie im maximaler Höhe, flattert stark - je nachdem, welche Stromlücke noch zu füllen ist.
Allerdings: Das Ende des "Dreamteams" aus Öko und Atom kommt bereits in Sicht - gerade angesichts der jüngsten Ausbauprognose der Bundesregierung. Wie lange es noch funktionieren kann, hängt davon ab, wie schnell die erneuerbaren Energien anwachsen. Bereits vor 2030 dürften die Kapazitäten von Wind, Wasser, Biomasse, Solar und Co. so groß geworden sein, dass an windigen und sonnigen Tagen der aktuelle Stromverbrauch komplett daraus gedeckt würde. Logische Folge: Atom- und Kohlekraftwerke müssten "für Stunden oder Tage ganz abgeschaltet werden", wie das Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel analysierte. Die beim Wiederanfahren schwerfälligen AKW passen dann nicht mehr ins System. Flexible Gasturbinen-Kraftwerke, die Quickstarts hinlegen können, müssen die Lücke füllen.
Und die AKW-Laufzeitverlängerung? Macht im Öko-Ausbau-Szenario keinen Sinn, zumal sich der Atomausstieg bereits ohne schwarz-gelbe Revision vom angepeilten Endjahr 2021 nach hinten verschiebt. Der Grund dafür ist: Weil die AKW nicht mehr voll laufen, reichen die erlaubten Reststrommengen länger. Nach einer Analyse des Energie-Experten Felix Matthes vom Öko-Institut dürfte das letzte AKW "zwischen 2024 und 2027" vom Netz gehen. Matthes: "Da noch draufzusatteln, wäre kontraproduktiv."
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